Evgeny Chubarov im Osthausmuseum(31.07.2016) Gestern war ich in der Eröffnung der Ausstellung „The Berlin Works“ von Evgeny Chubarov, die bis zum 2. Oktober im Hagener Osthausmuseum zu sehen ist. Gelockt hat mich das Bild, dass die Veranstaltungseinladung auf Facebook begleitete. Ich liebe große Bilder mit kleinen Details, die fast ein wenig wirken wie abstrakte „Wimmelbilder“. Kleiner Exkurs für diejenigen, die sich nicht mit Kinderbüchern auskennen: Wimmelbilder in Bilderbüchern zeichnen sich dadurch aus, dass auf einer Seite unzählige Details einer Situation gezeigt werden, bekannt wurden die Bilderbücher vor allem durch Ali Mitgutsch. Exkursende 🙂

Evgeny Chubarov verzaubert mit Farben und Linien

In den Bildern des russischen Malers Evgeny Chubarov kann man sich verlieren wie Kinder in einem der Mitgutsch Bilder. Man entdeckt immer etwas Neues und wer gar versucht, den Linien wie aus einem Labyrinth zu folgen, der sollte sich für den Rest des Tages besser nichts vornehmen. Aber er ist anschließend entspannt, irgendwie beseelt und würde am liebsten sofort selbst zu Stift, Pinsel oder Kreide greifen, um wenigstens Elemente des Kunstwerks nachzuvollziehen. Ich glaube, man spürt meine Begeisterung, die ich mit den Besuchern der Vernissage, die trotz Urlaubszeit und Eisdielenwetter ins Osthausmuseum gekommen sind.

Ob sie allerdings wie ich zuerst gestutzt haben, als sie die große Halle des Museums betraten, weiß ich nicht. Ich startete meinen Rundgang nämlich im kleinen Raum rechts neben dem Treppenaufgang und war leicht enttäuscht über die Bilder. Dort hängen, wie sich in der Rede von Dr. Tayfun Belgin später auflöste, vier frühe Werke des Künstlers. Auf mich wirken sie düster und halb pornografisch, mit dem Bild, das mich zu der Veranstaltung gelockt hatte, hatten sie nichts zu tun.

Die erste Ausstellung in Deutschland

Eröffnung The Berlin Works von Evgeny ChubarovUnd wenn ich begeistert bin, packt mich immer auch die Neugier, wer hinter dem steckt, was mich so ansteckt. Dr. Tayfun Belgin (Foto links) berichtete in seiner Einführungsrede, dass Evgeny Chubarov von 1991 bis 1996 in Berlin gelebt hatte und dort eben jene Bilder geschaffen hat, die mich so fasziniert haben. Daher heißt die Ausstellung auch „The Berlin Works“, obwohl sie vier Werke aus der früheren Zeit und eine ganze Reihe von Zeichnungen aus den Jahren danach zeigt. Die Zeichnungen sind interessant, sage ich jetzt mal, sie erinnern sehr an manche der frühen Werke und kommen einem wie eine Steigerung der Werke von Heinrich Zille vor – deftig, teils provozierend, teils irritierend – mich zumindest. Deshalb habe ich mich in dem Raum nicht lange aufgehalten und mich wieder den Berliner Werken gewidmet, die durch Farben, Linien und Flächen eine unerklärliche Kraft ausstrahlten. Ein Bild in der großen Halle schien mich förmlich aufzusaugen.

Wanderer zwischen den Welten?

Dabei hat Evgeny Chubarov, wenn ich den einzigen biografischen Artikel über ihn im englischsprachigen Wikipedia richtig verstehe, keine akademische Ausbildung als Künstler genossen. Kann es sein, dass er nicht mal eine Schule besucht hat? Mein Englisch ist deutlich verbesserungswürdig, aber „Eugeny Chubarov almost didn’t go to school“ heißt doch wohl soviel, oder?

Er wuchs auf einem Bauernhof auf und hat schon früh seine Leidenschaft fürs Malen entdeckt. Um einen Beruf zu ergreifen, bei dem er sein Talent einsetzen kann, verließ er sein Elternhaus, um bei einem Onkel in Zlatoust zu leben und dort eine Ausbildung zu absolvieren, als „a jeweler, a decorator of decorative weapons“. Ich habe recherchiert, Waffen individuell zu verzieren, ist wirklich ein Beruf oder war es zumindest. Man darf ja nicht vergessen: Evgeny Chubarov ist Jahrgang 1934, er ist am 11. Dezember 1934 geboren und am 5. Dezember 2012 gestorben. Seine Ausbildung wird in den 50er Jahren gewesen sein, da existierten auch in Deutschland noch Berufe, die heute vergessen oder selten sind.

Der Start von Chubarovs Künstlerlaufbahn

Nach Abschluss der Ausbildung war Chubarov einige Zeit beim Militär, ehe in den 60er Jahren seine Laufbahn als Künstler mit dem Besuch einer Kunstschule und der Ausstellung erster Kunstwerke begann. Wobei Laufbahn schon den Eindruck erweckt, als stünde am Ende eine große Bekanntheit. Ich kann keine russischen Seiten lesen, aber die Suchergebnisse im Internet lassen vermuten, dass er außerhalb Russlands nicht sehr bekannt ist, obwohl eines seiner Bilder bei Sotheby’s immerhin eine halbe Millionen Dollar erzielt hat.

In Deutschland zumindest werden seine Werke nun erstmals gezeigt und – wie ich nach meiner Recherche finde – eindeutig die schönsten und besonderen Bilder, deren außergewöhnlicher Stil einzigartig ist und ihm Erfolg und Anerkennung beschert haben. Interessant ist, dass sich dieser Stil entfaltete, als er Russland verließ und in New York und Berlin lebte, vielleicht hat er dort die Jazz-Musik entdeckt, die laut Tayfun Belgin seinen Stil mitgeprägt hat. Erstaunlich auch, dass er ihn ablegte, als er nach Russland zurückkehrte.

Das Geheimnis bleibt

Vermutlich muss man tiefer in die russische Geschichte und Seele einsteigen, um sich einen Reim darauf zu machen. Dazu fehlt mir die Zeit, lieber vertiefe ich mich in seine Werke. Eine Anekdote aber habe ich noch: Auf einer deutschsprachigen Seite über den Moskauer Skulpturenpark findet man den Hinweis auf Skulpturen, 283 Köpfe aus Stein, von Evgeny Chubarov, die „seiner Kritik am kommunistischen Regime gewidmet sind“, im englischen Wikipedia-Beitrag steht dazu: „the structure, as well as the meaning of the work – a monument to victims of Stalinist repression – did not originate from the artist. It was created by the Park administration, which accepted these sculptures as a gift in the mid-1990s.“ Beim nächsten Besuch der Ausstellung werde ich nachfragen, was es damit nun auf sich hat. In jedem Fall ein spannender Künstler, dessen Berliner Werke man unbedingt gesehen haben sollte. Bis zum 2. Oktober ist das in Hagen noch möglich, ich schaue sie mir auf jeden Fall noch einmal an. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen zur Ausstellung: www.osthausmuseum.de

Hintergrundlinks

Englischer Wikipedia-Artikel über Evgeny Chubarov

Über den Skulpturenpark in Moskau

Wirrwarr-Collagen und pralles Leben (Westfalenpost 29.07.2016)

Evgeny Chubarov zeigt den Rhythmus der Farbe (Ruhrnachrichten 28.07.2016)

Ausstellung Evgeny Chubarov in der Gary Tatintsian Gallery

Evgeny Chubarov in Lot-tissimo Auktionsdatenbank