Birgit Ebbert: Falsches Zeugnis(01.02.2015) Jedes Buch enthält nicht nur eine Geschichte, es hat auch eine Geschichte. Die meines neuen Krimis „Falsches Zeugnis“, der jetzt im Gmeiner Verlag erscheint, ist wieder einmal – wie könnte es anders sein – etwas komplexer. Das Thema wartete nämlich nicht in einem meiner Ideen-Ordner darauf realisiert zu werden, es wurde von außen an mich herangetragen. Vom Verlag, um genau zu sein. Nachdem „Brandbücher“ erschienen war, sprachen wir über neue Projekte und man fragte, ob ich mir vorstellen könnte, einen Krimi rund um das Tagebuch von Anne Frank zu schreiben. Dazu muss man wissen, ich liebe solche Denk-Herausforderungen. Ich habe viele Ideen und muss mindestens 100 werden, um alle Bücher zu schreiben, die in meinem Kopf sind. Aber mir Gedanken darüber zu machen, wie ich ein Thema in einer Geschichte oder einem Krimi unterbringe, das gibt mir einen besonderen Kick. Dann vergesse ich alles um mich herum. Also nur her mit solchen Denk-Aufgaben. Im nächsten Leben gründe ich eine Denkfabrik.

Ich habe zwar damit gerechnet, dass mir etwas einfallen würde, dennoch habe ich mir Bedenkzeit ergeben. Mir war schon klar, dass in dem Thema auch eine Brisanz steckt. Man darf Anne Franks Leben nicht verklären und ihren Tod nicht verharmlosen, eine Gratwanderung für einen Krimi. Ich glaube, dass ich sie gemeistert habe und bin gespannt, wie die Leser und Experten das sehen. Bei „Brandbücher“ habe ich auch lange gebangt, bis mir eine Historikerin aus Münster gesagt hat, ich hätte das Thema historisch einwandfrei und auch sonst hervorragend getroffen.

Tagebuch der Anne FrankEingestiegen in den Denkprozess bin ich damit, dass ich mein Exemplar des Tagebuchs durchgeblättert habe, um zu sehen, was ich als 15-Jährige unterstrichen habe. Dann habe ich im Internet recherchiert. Da suche ich in dieser ersten Phase Impulse zum Weiterdenken und mich interessiert vor allem, was Medien und Menschen in aller Welt zu dem Thema schreiben. So bin ich darauf aufmerksam geworden, dass in 31 japanischen Bibliotheken insgesamt über 200 Exemplare des Tagebuchs zerstört wurden. Ich habe erfahren, dass die Kastanie, auf die Anne Frank geblickt hat, 2010 umgestürzt ist, nachdem sie mit einem Stahlgerüst gestützt worden war.

Willy Lindwer: Anne FrankBei der Recherche wurde ich auf das Buch und den Film von Willy Lindwer aufmerksam. Er hat Frauen befragt, die Anne Frank in den letzten sieben Lebensmonaten nach ihrer Verhaftung getroffen haben. Weder von dem Film noch von dem Buch hatte ich je gehört. Ich habe es sofort mit vielen anderen Büchern in einem Antiquariat bestellt und es, kaum war es eingetroffen, verschlungen. Da wusste ich, welchen Teil von Annes Leben in meinem Krimi vorkommen sollte.
Im nächsten Schritt musste ich überlegen, wie ich diese nicht einfach Lebensgeschichte einbauen konnte. In „Brandbücher“ gibt es einen Handlungsstrang, der 1933 spielt. Aber es kam für mich nicht in Frage, in Erzählform das Leben Anne Franks während der Deportation zu beschreiben. Das passte für mich nicht in einen Krimi. Die einzige Lösung waren fingierte Tagebucheinträge. Die Idee fand ich genial, zumal ich sicher bin, dass sie Anne Frank gefallen hätte. Außerdem ist es theoretisch durchaus möglich, dass sie auch im Lager noch geschrieben hat, Zeitzeugen haben sie zumindest in den ersten Wochen aus fröhlich und zukunftsorientiert beschrieben. Es gibt Frauen, die im Konzentrationslager Tagebuch geführt haben, vielleicht ist das von Anne Frank verloren gegangen oder vernichtet worden, wer weiß.

Subset Falsches Zeugnis
Dieses Subset trifft übrigens trotz der begrenzten Wörter, die zur Verfügung standen, den Kern des Krimis.

Nachdem das klar war, musste ich „nur“ noch eine Story erfinden, in der die Tagebucheinträge gefälscht werden, sodass ich sie als Teil der Story einbinden kann. Da habe ich mich an einen Fernsehfilm über die gefälschten Hitler-Tagebücher erinnert und schon war die Geschichte in meinem Kopf fertig. Ich musste nur noch die nötigen Figuren erfinden, das Exposé schreiben und dem Verlag schicken. Das habe ich vor knapp zwei Jahren getan und wenig später kam das „Go“ für die Geschichte.

Schon während der Ideenfindung habe ich – wie ich es zu jedem Thema mache – ein Google Alert erstellt. Auf diese Weise bekam ich mit, was über Anne Frank veröffentlicht wurde, zum Beispiel, dass in ihrer Geburtsstadt Frankfurt ein Familie Frank-Zentrum eröffnet wurde und in einem Programmkino in Münster der Film „Westerbork“ mit Originalaufnahmen über das Aufnahmelager in den Niederlanden, in dem auch Anne Frank einige Wochen war, gezeigt wurde.

Hier hat Anne Frank in Frankfurt gelebt.
Hier hat Anne Frank in Frankfurt gelebt.

Manche der Erkenntnisse, die ich bei diesen und anderen Besuchen gewonnen habe, kommen in dem Krimi nicht oder nur in einem Satz vor. Sie dienen vor allem dazu, die Atmosphäre zur Lebens- und Sterbenszeit von Anne Frank aufzunehmen, um sie in der Geschichte aufzugreifen. Ich hoffe, ich habe es geschafft und würde mich freuen, wenn der Krimi den Lesern spannende Stunden beschert und sie anregt, wieder zu der Ausgabe des Tagebuchs von Anne Frank zu greifen, das sie in ihrer Jugend gelesen haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Tagebuch im Regal der Leser steht, teilt es sich doch mit der Bibel die ersten Plätze auf der Liste der meistverkauften Bücher auf der ganzen Welt. Hier hat sich nach dem Tod noch ein Lebenstraum erfüllt. © Birgit Ebbert