(17.05.2019) Gestern Abend gab es im Kunstquartier einen sehr abwechslungsreichen und interessanten Vortrags-Film-Abend zum Thema „Film am Bauhaus“. Schon der Untertitel „Von Abstraktion, Sozialreportage und Reformarchitektur“ ließ eine breite Spanne an Filmen erahnen. Und die bekamen wir dann auch zu sehen in dieser Kooperationsveranstaltung von Emil-Schumacher-Museum samt Förderverein, Kino Babylon und dem Architekten- und Ingenieurverein Mark-Sauerland e. V.

Über den Film am Bauhaus

Die Moderation des Abends erfolgte durch Thomas Tode aus Hamburg, der sich mit vielen Facetten des Films beschäftigt, zuletzt sprach er im Louvre über Agatha Christie und den Film, wie Rouven Lotz in der Begrüßung verriet. Auch ein interessantes Thema, aber gestern ging es um Film und Bauhaus und da ist Thomas Tode eindeutig sehr kompetent und ganz aktuell im Thema. Aktuell sind 25 Bauhäusler bekannt, die Filme gemacht haben, und es können noch mehr hinzukommen, weil in Nachlässen und Archiven immer neue Materialien auftauchen. Oft sind die Filme verloren, durch die Nationalsozialisten oder bei Bombenangriffen zerstört, wie wir es von dem Hagener Künstler Heinrich Brocksieper wissen. Tode wies ausdrücklich darauf hin, dass das Bauhaus nicht den Experimental- oder Animationsfilm erfunden hat, vieles lag in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg einfach in der Luft, das gilt für den Film ebenso wie für andere Impulse, die wir heute dem Bauhaus zuschreiben. „Das Bauhaus ist nicht so einmalig, wie das Jubiläum es uns weis machen will“, meint Tode. Einmalig sei die PR-Fähigkeit der Direktoren. Da sieht man wieder, wie wichtig PR ist 🙂 kleiner Werbeblog: Im nächsten Jahr werde ich mich auch beruflich wieder dem Thema zuwenden 🙂 Das Bauhaus hat aber dennoch nach Auffassung von Thomas Tode einen wichtigen Beitrag zur Filmgeschichte geleistet, indem es neue Zugänge zum Film geschaffen hat und ihn aus den Kinos geholt hat. Das geschah mit drei verschiedenen Filmkategorien: Abstrakten Filmen, wie man es erwartet, Filmen zur Reformarchitektur, an die man auch noch denken würde, und Sozialreportagen, die mich verwundert und fasziniert haben.

Ein Streifzug durch die Bauhaus-Filme

Im Hintergrund Bild aus dem Film mit Oskar Schlemmer. Fotografiert bei der Eröffnung der Schlemmer-Ausstellung im Herzoglichen Museum von Schloss Friedenstein in Gotha

Ich gebe zu, ich war schon für den Vortrag und Redner eingenommen, als ich beim Betreten des Saals die Rekonstruktion des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer sah. Erinnert ihr euch, wegen der Eröffnung seiner Ausstellung bin ich vor drei Wochen extra samstagmorgens nach Gotha gerast! Als er dann noch erklärte, die Rekonstruktion stamme von Margarete Hasting, einer Schülerin von Mary Wigman, einer Tänzerin, die mir bei der Recherche über Herti Kirchner begegnet ist, war ich ganz hin und weg. Zu toppen nur noch durch den Hinweis auf den einzigen Film vom Triadischen Ballett mit Oskar Schlemmer, der nicht gezeigt wurde, den ich aber in Gotha gesehen habe 🙂 Kurzum, ich hätte auch die teils anstrengenden abstrakten Filme aus dem zweiten Teil gut verkraftet.

Aber es ging mit dem Film „Neues Wohnen“ von Richard Paulich los. Der Film ist Teil einer neunteiligen Reihe und zeigt einige Besonderheiten im Wohnhaus von Walter Gropius. Wir haben zwar manchmal geschmunzelt und gelacht, aber alltagshistorisch fand ich es sehr spannend, welche technischen Annehmlichkeiten es vor knapp 100 Jahren bereits gab. Die Leselampe sah der klassischen Schreibtischlampe aus den 70er-Jahren sehr ähnlich, die Idee eines Wasserhahns, in dem man Spülmittel einfüllen kann, war so schlecht nicht, eine Art Vorläufer der Spülmaschine. Auch wenn sich die Topffeststellvorrichtung nicht durchgesetzt hat, zeigt sie doch, dass man sich Gedanken gemacht hat, die Arbeit im Haushalt zu erleichtern. Die Durax-Glas-Schüssel kenne ich als Jena-Glas-Schüssel. Darin habe ich als Schülerin oft Salzburger Nockerln gemacht, fiel mir in dem Film ein, die habe ich seit mindestens 30 Jahren nicht mehr zubereitet, ich gehe gleich mal auf den Markt Eier kaufen 🙂

Bild aus einem der Fragmente von Heinrich Brocksieper aus der Ausstellung im Emil Schumacher Museum

Mein Highlight war jedoch der Film „Berliner Stilleben“ von 1931, in meinem Roman rund um Herti Kirchner bin ich gerade genau in jener Zeit in Berlin, da freue ich mich über jedes Bild aus der Zeit, sogar einen Hund, der dem von Herti ähnlich sieht, habe ich entdeckt 🙂 Interessanter ist aber zum Beispiel ein Bus mit einer Mouson-Werbung. 1931! Einer Creme-Marke, die es noch heute gibt! Ich hätte also nach dem Film schon gehen können, habe mir aber natürlich auch die anderen Filme angeschaut, die „Letzte Wahlen“ von Erna Bergmann-Michel mit Sanella-Werbung, vielen Fahrrädern, Wahlplakaten und einer Nazi-Demo. Von Werner Graeff, dessen Filmpartitur kürzlich noch im Osthausmuseum zu sehen war, haben wir Komposition I und II aus dem Jahr 1922 gesehen. Von Walter Ruttmann, dessen „Berlin Sinfonie einer Großstadt“ ich im Zuge der Recherche angeschaut habe, wurde „Opus III“ von 1924 gezeigt mit Musik von Hanns Eisler sowie „Der Aufstieg“, ein Werbefilm für die GeSoLei 1926 in Düsseldorf. Die GeSoLei war eine Messe für Gesundheit, Soziale Fürsorge und Leibesübungen, da musste ich gleich an den Sportunterricht meiner Grundschule denken, der als „Leibesübungen“ im Zeugnis steht 🙂 Außerdem zu sehen „Lichtspiel schwarz-weiß-grau“ von Laszlo Moholy-Nagy, das 1932 in einem Berliner Kino uraufgeführt wurde, mal sehen, ob das bei Herti wieder auftauchen wird 🙂

Noch nie gehört oder gelesen hatte ich, dass es in den 1920er-Jahren Lichtspiele mit Musik gab, die unter anderem von Ludwig Hirschfeld-Mack in seiner „Sonate II“ und „S-Tanz“ filmisch inszeniert wurden. Natürlich waren auch die Fragmente von Animationsfilmen des Hagener Künstlers Heinrich Brocksieper zu sehen, die derzeit auch noch in der Ausstellung „Ein Hagener am Bauhaus“ im Emil-Schumacher-Museum zu sehen ist. Ein wirklich interessanter Abend, auch wenn ich bei manchen abstrakten Filmen manchmal an Hape Kerkeling und den „Hurz“ denken musste 🙂 Den Termin für den nächsten Film „Leben in der Stadt von morgen“, dem Dokumentarfilm zum 50-jährigen Bauhaus-Jubiläum, habe ich mir auf jeden Fall schon notiert: 17. Juni 19.00 Uhr. Vielleicht sehen wir uns dann. © Birgit Ebbert

Links zu den Filmen

Ich habe versucht, die Filme im Internet zu finden, für mich, um sie noch einmal nachzuschauen, und für euch, wenn ihr mal gucken möchtet:

„Neues Wohnen. Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich“ von Richard Paulick 1926 (Das Bauhaus-Archiv hat vier Teile der Reihe auf vimeo eingestellt, interessant für jemanden, der sich für Bauhaus und Alltagsgeschichte interessiert.)

„Berliner Stilleben“ von Laszlo Moholy-Nagy 1931/32

„Opus III“ von Walter Ruttmann 1924

„Der Aufstieg“ von Walter Ruttmann und 1926

„Lichtspiel schwarz – weiß grau“ von Laszlo Moholy-Nagy 1931/32

„Reflektorische Farblichtspiele“ von Kurt Schwerdtfeger 1922, realisiert 1957 – Ausschnitte sind in dem Video zu sehen

Fragmente von Animationen Heinrich Brocksiepers