(10.08.2014) Ich hatte mir fest vorgenommen, dem Expertengespräch über den 1. Weltkrieg im Osthausmuseum anlässlich der Finissage der Ausstellung „Weltenbrand Hagen 1914“ NUR zu lauschen, die Kamera in der Tasche zu lassen und keine Notizen zu machen. Das klappte sogar eine halbe Stunde, ich hörte mit großem Interesse wie Dr. Ralf Blank und Thomas Walter die beiden Weltkriegsexperten Professor Gerd Krumeich und Professor Jörn Leonhard befragten.

Dann erwähnte Professor Leonhard einen Begriff, den ich noch nie gehört hatte: „Bellizist“, da musste ich einfach mein Notizbuch zücken und da ich es schon in der Hand hatte … Jetzt kann ich die Notizen schlecht ignorieren, zumal ich nicht wusste, dass es erst seit dem 1. Weltkrieg Armbanduhren und Teebeutel gibt, wie Professor Leonhard berichtete, und auch die Parolen „Jeder Schuss ein Russ“ und „Jeder Stoß ein Franzos“, mit denen Professor Krumeich die Stimmung Anfang des Krieges beschrieb, waren mir völlig neu.

Da mein Schwerpunkt eher die NS-Zeit ist, habe ich besonders aufmerksam zugehört, wie Professor Leonhard erklärte, warum er einen Vortrag „Wie Hitler 1940 den 1. Weltkrieg gewann“ erklärte. Hinter mir nuschelte jemand: „Zweiter Weltkrieg, meint er.“ Nein, er meinte den 1. Weltkrieg – ein Denkansatz übrigens, der mir zufällig heute in dem Buch „Das Zeitalter der Weltkriege“ aus der Edition Lingen Stiftung wieder begegnet ist. Krumeich beschrieb den Jubel der Deutschen 1940, als die Wehrmacht 25 Jahre nach der Niederlage in Verdun und anderen Orten Frankreich besiegte. Der Gedanke, den er in den Raum warf: „Wie wäre die Geschichte ausgegangen, hätte Hitler zu dem Zeitpunkt den Krieg beendet?“, inspiriert fast schon zu einem Roman.

Sehr interessant fand ich Krumreichs Ausführungen über das Nicht-Gedenken an die Soldaten-Opfer des Krieges. Weit nach den Kriegen geboren, hatte ich mir darüber nie Gedanken gemacht, dass in anderen Ländern öffentlich und offiziell der Soldaten, die in den Kriegen starben, gedacht wird. Laut Krumeich wurde in Frankreich 1921 jede Kommune gesetzlich verpflichtet, ein Denkmal aufzustellen und noch heute wird der 11. November als Tag der Beendigung des 1. Weltkriegs in unserem Nachbarland gefeiert.

Dass dieses Nicht-Beachten der Soldaten, die für Deutschland gestorben sind, Hitler in die Hände spielte, war ebenfalls ein neuer Denkaspekt. In der Weimarer Republik wurden die Opfer des 1. Weltkriegs nicht erwähnt, die Verfassung legte auch fest, dass keine Orden verliehen werden sollten. Die Menschen, die teils schwer verwundet aus dem Krieg zurückkamen, wurden zwar mit Wohnung und Nahrung gut versorgt, aber man könnte sagen, psychologisch allein gelassen. Immerhin haben sie erlebt, dass all ihre Anstrengungen vergebens waren und nicht nur das, sie wurden auch noch von anderen Nationen für das beschimpft und bestraft, was sie im guten Glauben getan hatten. Krumeich hat diese Stimmung als „Trauma des verlorenen Kriegs“ bezeichnet, das Hitler sich zunutze machte, indem er sich selbst früh als Mit-Traumatisierten ausgab und – kaum hatte er Einfluss – Denkmäler schuf und andere Möglichkeiten nutzte, um den Menschen die „Ehre wiederzugeben“. Allein zu dem interessanten Thema hätte ich einen ganzen Vortrag anhören können, vor allem darüber, wie das nach dem 2. Weltkrieg aussah. Ich erinnere mich an meine Recherche über Claus von Stauffenberg, dass Widerstandskämpfer noch lange als Verräter galten. Wie war das da mit den Soldaten?

Fragen über Fragen, die natürlich nicht alle in zwei Stunden Expertengespräch geklärt werden können. Aber vielleicht hat die Runde auch bei den 200 weiteren Besuchern ähnliche oder andere Fragen aufgeworfen. Es ist immer wichtig, sich mit Geschichte zu beschäftigen, um daraus zu lernen und sich bei Entscheidungen davon leiten zu lassen. Dass das sogar Staatsmänner tun, weiß ich auch dank des Vortrags, so soll John F. Kennedy während der Kubakrise ein Buch über den 1. Weltkrieg gelesen haben.

Ach ja: Die Kamera habe ich dann doch noch herausgeholt, als der Oberbürgermeister dem völlig überraschten und vor Freude überwältigten Professor Krumeich für  das von ihm betreute Museum Historial de la Grande Guerre in Péronne eines der Nagelbretter aus der Weltenbrand-Ausstellung als Dauerleihgabe überreichte. Ich melde mich schon mal für den die angekündigte Fahrt nach Péronne an.

Ein Dankeschön an die Veranstalter, dass es ihnen gelungen ist, hochkarätige Experten nach Hagen zu holen. Ich zumindest bin gespannt auf das nächste Projekt. © Birgit Ebbert

Und für diejenigen, die das Wort „Bellizist“ auch noch nie gehört hatten, es bedeutet laut Duden „Anhänger und Befürworter des Krieges, Kriegstreiber“ – ich dachte es mir, fünf Jahre Lateinunterricht haben eben doch Spuren hinterlassen.