(07.05.2019 Eigentlich wollte ich ja keine Bücher mehr rezensieren, aber manchmal muss man von seinen Vorsätzen abweichen. Der Kinderroman „Flaschenpost in Sütterlin“ von Andrea Behnke ist so eine Geschichte. Nicht, weil ich einen der Briefe, die im Buch vorkommen für Lesungen in Sütterlin abschreiben durfte :-), sondern weil die Geschichte es wert ist, dass viele Kinder sie lesen. (Beitragsfoto: Andrea Behnke)

Eine Geschichte über die Freundschaft

Im Mittelpunkt der Geschichte steht  Evi, die gerade mit ihren Eltern an Meer umgezogen ist und sich nach ihrer Freundin in den Bergen sehnt. Zum Glück lernt sie Lina und Jonathan kennen, die ersten Kontakte zu den beiden, mildern den Trennungsschmerz. Und dann ist da noch die Flaschenpost, die sie am Meer findet. Ein Brief in einer Schrift, die keines der Kinder entziffern kann. Aber Jonathans Opa kann helfen. Es stellt sich heraus, dass der Brief schon 70 Jahre alt ist. Die Kinder machen sich auf die Suche nach der Schreiberin des Briefes und schaffen es, diese ausfindig zu machen. Bei einem Besuch erzählt Frau Sobansky ihnen die Geschichte des Briefes und die Geschichte von ihrer verlorenen Freundin. Bei dem, was Frau Sobansky erzählt, kommt Evi die Entfernung zu ihrer Freundin nicht mehr so schlimm vor. Immerhin können sie sich schreiben und telefonieren. Frau Sobansky weiß nicht einmal, was aus ihrer Freundin geworden ist. Das wollen die Kinder ändern, schon machen sie sich an die nächste Aufgabe. Ob sie sie lösen werden? Ich verrate nichts 🙂

Was das Buch „Flaschenpost in Sütterlin“ so besonders macht

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich den Schreibstil von Andrea Behnke mag, schließlich habe ich schon andere Bücher von ihr besprochen. Dieses Buch wird aber auch durch das Thema so besonders. Durch eine einseitige Berichterstattung der Medien und eine teils menschenunwürdige Sprache von Politikern haben wir vergessen, dass es sich bei Flüchtlingen um Menschen handelt, die nicht leichtfertig ihre Heimat und ihre Freunde verlassen haben. Über die Geschichte einer alten Frau, die einmal ein Flüchtlingskind war, wird diese menschliche Komponente des Themas Flucht eindrücklich aufbereitet. Durch die Sprache von Andrea Behnke und die Einbettung in eine heutige Freundschaftsgeschichte wird das Buch nicht zu schwer. Ich hoffe, dass das Buch es in viele Kinder- und Klassenzimmer schafft. © Birgit Ebbert

Drei Fragen zum Buch

Keine Rezension ohne drei Fragen zum Buch 🙂 – hier sind sie und auch mit einem dicken Dankeschön die Antworten von Andrea Behnke:

Wie kamst du auf die Idee, eine Flaschenpost in den Mittelpunkt deiner Geschichte zu stellen?
Ich war und bin sehr oft an der Ost- und an der Nordsee im Urlaub. Da habe ich mir immer vorgestellt, wie es wohl wäre, eine Flaschenpost zu finden. Da ich keine gefunden habe, musste ich eine erfinden 😉 Zudem brauchte ich etwas, das die Vergangenheit in die Gegenwart holt. Und so hat die Flaschenpost in gewisser Weise die Zeit um den Zweiten Weltkrieg ins Heute gespült.

Mir ist aufgefallen, dass in deinen Geschichten immer mal wieder ein Kind umzieht. Bist du als Kind auch umgezogen? Oder hat das einen anderen Hintergrund?
Das ist mir tatsächlich erst richtig bewusst geworden, als die Flaschenpost (die ich nach „Frieda und das Glück der kleinen Dinge“ geschrieben habe) fertig war. Im Grunde ist Evi aus der Flaschenpost das Pendant zu Lena-Frieda aus dem Frieda-Roman. In beiden Büchern hatte es einen Grund: Lena-Frieda sollte auf jeden Fall ein Mädchen sein, dass eine sehr gute Freundin hat, die aber gerade nicht da ist. Und in der Flaschenpost ist eine der zentralen Fragen: Was bedeutet Zuhause für mich? Da dachte ich, dass ein Mädchen, das gerade umgezogen ist, gefühlsmäßig nah an Irmgard, die als Kind fliehen musste, ist. Persönlich bin ich als Kind nur einmal umgezogen. Aber zwei Herzensfreundinnen meiner Tochter sind vor der Einschulung weggezogen, das war für sie einschneidend. Zudem ist, glaube ich, „Abschied“ eines meiner zentralen Themen.

Kennst du Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg fliehen und sich ein neues Leben aufbauen mussten oder wie hast du für das Buch recherchiert?
Meine Oma kam aus Schlesien, sie musste fliehen. Aber sie hat ihre Fluchtgeschichte irgendwo im Kopf und im Herzen verschlossen und nie davon erzählt. So wollte ich mich jetzt ein wenig auf die Suche begeben, nach eigenen Wurzeln. Ich habe sehr viel recherchiert, in Büchern und im Internet – und vor allem auch Zeitzeugenberichte gehört und gelesen.

Andrea Behnke: Flaschenpost in Sütterlin. Verlag Hase und Igel 2019