(19.02.2014) Es gibt Dinge, die meint man zu kennen und hat sie noch nie erlebt. So ging es mir mit dem Flohzirkus. Ich kann nicht einmal sagen, wo ich davon gehört oder gelesen habe. Früher, so dachte ich, gab es Flohzirkusse, weil es vielleicht nicht möglich war, Löwen zu beschaffen oder andere Tiere zu dressieren. Auf dem Historischen Jahrmarkt in Bochum, zum siebten Mal von der Historischen Gesellschaft der Schausteller und der Jahrhunderthalle organisiert, wurde ich eines Besseren belehrt.

Es gibt auch heute noch Flohzirkusse. Einer davon, der mit der längsten Geschichte, war auf dem Jahrmarkt vertreten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hat der Gründer vom Flohzirkus Birk, wie er heute heißt, begonnen, Flöhe zu dressieren und ihre Kunststücke vorzuführen. Roloff Otava fand illustre Betrachter seines Könnens. Von Königin Viktoria über Papst Leo der XIII bis zu Kaiser Wilhelm II waren alle entzückt von dem, was die kleinen Tiere, die wir als Parasiten kennen, leisten können.

Das ist auch beachtlich, davon habe ich mich selbst überzeugen können. Sie ziehen kleine Kutschen, heben Platten, schießen Tore, tanzen Ballett und versetzen große und kleine Zuschauer ins Staunen. Ok, nicht nur ins Staunen, sondern auch in ein Kratzfieber. Als der Floh mit einer Lupe durch die Reihen gereicht wurde, begann doch der eine oder andere, sich dezent am Arm oder Bein zu kratzen. Völlig unnötig, denn in der Show im Flohzirkus Birk werden Katzenflöhe eingesetzt. Auch wenn laut einem historischen Handzettel, den ich bekam, dessen Bilder alle und dessen Text weitgehend noch von Roloff Otava stammeb, nur Menschenflöhe geeignet sind.

Auszug aus dem historischen Handzettel

Ob er wirklich nur mit Menschenflöhen gearbeitet hat oder das nur erwähnt, um den Nervenkitzel zu steigern, lässt sich nicht mehr überprüfen. So alt werden Flöhe nun auch wieder nicht. Ich war ohnehin erstaunt, dass sie – in freier Wildbahn sozusagen – bis zu einem Jahr, angeleint in ihrem Flohdomizil sogar sechs Monate alt werden können.

Vorausgesetzt, es ist nicht zu kalt. Im Frühjahr 2013 musste eine Vorstellung des Zirkus beinahe ausfallen, weil die 300 Flöhe, die für den Historischen Jahrmarkt im Freilichtmuseum Krommern angereist waren, allesamt erfroren. Trotz wärmender Styroporbehausung. Ein ähnliches Erlebnis hatte Robert Birk bereits, als er 2005 mit seinem Flohzirkus auf dem Oktoberfest in München stand. Zwei Tage vor dem Anstich starben plötzlich alle Flöhe. (Ein gefundenes „Fressen“ für eine Krimi-Autorin!). Durch einen Spendenaufruf gelang es, rechtzeitig für den Wies’n-Start eine Reservemannschaft zu trainieren.

Riesenfrauschaft müsste es wohl eher heißen, denn in der Flohwelt hat die Emanzipation voll zugeschlagen. Da dort die Weibchen größer, stärker und robuster sind, werden nur sie trainiert und im Zirkus eingesetzt. August, der Starke, ist also in Wirklichkeit Augusta oder Augustine, die Starke, und Ulli Floeneß ein Beweis dafür, dass auch die Damen gut Tore schießen können. Wie die Tiere trainiert werden, ist natürlich Betriebsgeheimnis. Nicht geheim ist, dass die Tiere wie Hunde an die Leine gelegt werden. Die Leinen sind allerdings feine Golddrähte, die um den Hals gelegt werden. Heißt die Stelle unterhalb des Kopfes bei Flöhen eigentlich auch Hals? Oder ist es die Hüfte? Die Tiere sind ja so winzig, dass man das mit bloßem Auge ohnehin kaum sehen kann. Zwischen 1,5 und 4,5 mm groß sind die Tiere. Kein Wunder, dass zum Handwerkszeug eines Flohdompteurs neben guter Feinmotorik´und guten Augen eine gute Lupe gehört.

Der heutige Flohzirkusdirektor Robert Birk, der mich auf dem Historischen Jahrmarkt in die Geheimnisse des Flohzirkuslebens eingeweiht hat, ist eher durch Zufall zu seiner Lebensaufgabe gekommen. 1983 nämlich, in Bayreuth beim Kartenspiel mit dem damaligen Besitzer Hans Mathes, dem Urgroßneffen von Roloff Otava. Robert Birk ging es damals ähnlich wie mir am Samstag. Hans Matthes erzählte ihm von dem Flohzirkus und Robert Birk hielt ihn für ein bisschen verrückt. Entschuldigung, Robert Birk, das habe ich natürlich nicht gedacht, ich war einfach nur verblüfft, dass in einem Flohzirkus wirklich Flöhe auftauchen. „Jetzt mal ehrlich, arbeiten Sie wirklich mit Flöhen?“, habe ich denn auch gefragt. Schon holte Robert Birk eine Schachtel und zeigte mir zwei seiner Tiere. Eines habe ich sogar halbwegs erkennbar fotografieren können. Leider habe ich vergessen, nach dem Namen zu fragen. Kann man auch die Persönlichkeitsrechte von Flöhen verletzen?

Doch zurück zu Robert Birks erster Flohbegegnung. Er begleitete Hans Mathes zu einer Vorstellung und just an dem Tag wurde dessen Helfer krank. Hans Mathes bat Robert Birk für den Erkrankten einzuspringen und die Flöhe zu füttern. Nun wird es ekelig, finde ich, und ich verstehe gut, dass Robert Birk sich geweigert hat und stattdessen bereit war, die Vorführung zu übernehmen. Flöhe ernähren sich nämlich von Blut. Allerdings trinken sie das nicht aus Flaschen oder Gläsern. Sie saugen sich an ihrem Wirtstier fest und schlürfen die Menge Blut, die sie benötigen. Nun, im Flohzirkus ist das Wirtstier ein Wirtsmensch. Dreimal am Tag werden die Flöhe auf den Arm gesetzt, um sich zu stärken. Da fällt mir ein, dass ich Robert Birk nicht gefragt habe, ob er sich inzwischen – immerhin sind 30 Jahre seit der ersten Zirkusflohbegegnung begangen – überwunden hat, und die Flöhe sein Blut schlürfen. Ich gehe davon aus. Sonst hätte er 2005 den Zirkus sicher nicht von Hans Mathes übernommen, als dieser aus gesundheitlichen Gründen den Zirkus nicht fortführen konnte.

Heute ist der Flohzirkus Birk in jedem Jahr auf dem Oktoberfest in München zu sehen und darüber hinaus auf anderen Jahrmärkten oder bei Events. Er kann nämlich auch gebucht werden – ob für eine Firmenfeier oder eine Stadtfest, einen Jahrmarkt oder eine Messe. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen www.flohzirkus-birk.de 
Filmbeitrag über den Flohzirkus Birk
Mein Beitrag über den Historischen Jahrmarkt  
Historische Gesellschaft Deutscher Schausteller