(16.09.2014) Ein kulturelles Highlight, fast schon Bildungshighlight meines Wochenendes war die Eröffnung der Ausstellung „Focus Stadt – Hagener Photographien“ im Stadtmuseum. Die Stadtarchivare haben in ihrem Bildarchiv gestöbert und gut 150 Fotos für die Präsentation zusammengestellt. Jeder, der versucht hat, etwas in seinem privaten Fotoarchiv zu finden, weiß, welche knifflige Aufgabe das ist. Im Hagener Bildarchiv ist sie noch kniffliger. Es ist nämlich mit über 1 Million Fotos eines der größten Archive in Westfalen, die Hälfte davon stammt aus dem Nachlass des Hagener Fotografen Willi Lehmacher, einem Bilddokumentar der ersten Stunde, dessen Werk im letzten Jahr mit der Präsentation „Die zerstörte Stadt“ im Osthausmuseum gewürdigt wurde.

c-birgit-ebbert-IMG_2811Im Mittelpunkt dieser Ausstellung stehen andere Fotografen und andere Sujets. Für mich, die ich jetzt mal eben auf den Rathausturm schaue, sind die Bilder vom Rathaus im Wandel der Zeit immer wieder interessant. Fasziniert haben mich aber auch die Bilder von Michael Kleinrensing, der Fotos aus den 50er und 60er Jahren nachfotografiert hat. Nebenbei bemerkt, eine ähnliche Idee habe ich vor zwei Jahren meiner Hagener Ermittlerin untergeschoben, also nicht wundern, wenn sie in meinem Hagen-Krimi im nächsten Jahr auftaucht. Die Fotos zeigen, dass die Veränderungen in Hagen an manchen Stellen gering sind, an anderen Plätzen wie dem, wo sich Körner-, Bad- und Hohenzollernstraße treffen, jedoch erheblich.

c-birgit-ebbert-IMG_2804Das sind zwei Eindrücke, die mir besonders haften geblieben sind. Die Eröffnungsveranstaltung war nämlich so gut besucht, dass ich kaum zum Schauen kam – weil Leute im Weg standen oder ich mich unterhalten habe. Aber ich gehe noch einmal hin, schon um in Ruhe die schönen alten Kameras anzuschauen, die dort in Vitrinen ausgestellt sind.

Apropos schöne alte Kameras, ein wirklich großes Lob verdient Professor Markus Köster vom LWL, der mit seinem Einführungsvortrag kurz, knapp, informativ und fesselnd die Geschichte der Fotografie umrissen und diese in Bezug zur Fotografie in Westfalen bzw. in Hagen gesetzt hat. Und da kann Hagen mit der Entwicklung in der Welt durchaus mithalten.

1839 begann die Geschichte der Fotografie, als Louis Daguerre nach einigen Experimenten seine Methode, ein Bild mithilfe von Jod und Quecksilber auf einer polierten Silberplatte zu konservieren, bekannt machte. Bereits 1840 machte sich der erste Westfale daran, dieses Verfahren umzusetzen. Der Knopfmacher Friedrich Hundt kratzte seine letzten Ersparnisse zusammen, um Daguerres Beschreibung des Verfahrens zu kaufen und verschuldete sich, um das passende Equipment zu beschaffen. Er ist ein Beispiel dafür, dass sich Risiko lohnen kann, nachdem er in der Zeitung seine Fähigkeiten angepriesen hat, bekam er schon bald seinen ersten Auftrag. Er lichtete die verstorbene Helene von Landsberg ab, die kleine Tochter des Grafen Landsberg-Velen, die am 6. März 1943 an Diphterie starb. „Post Mortem“-Fotografie, nennt man diesen Zweig der Fotografie, der zu jener Zeit nicht unüblich war. Schnell sprach sich herum, welche Dienstleistung Friedrich Hundt anbot und da der Preis für ein Foto damals dem entsprach, was eine Tagelöhner-Familie in der Woche zum Leben brauchte, konnte Hundt seine Schulden bald vergessen. Zu seinen Kundinnen zählte übrigens auch Annette von Droste-Hülshoff.

c-birgit-ebbert-IMG_2815Das älteste Foto, korrekt gesagt: die älteste Daguerreotypie, in der Ausstellung zeigt weder eine Dichterin noch ein totes Kind, sondern Militärarzt Adolf Leopold-Richter, den Vater von Eugen Richter. Das Bild zeigt, dass es sich bei der Daguerreotypie um eine andere Technik handelt als bei der Fotografie, ein wenig erinnert sie an die „Wackelbilder“, bei denen man das Bild nur bei einem bestimmten Lichteinfall sehen kann. Also nicht aufgeben, wer Adolf Leopold-Richter nicht auf den ersten Blick erkennt. Er ist noch da – auch nach 165 Jahren!

Der Nachteil der Daguerreotypie war, dass die Werke einmalig waren. Das änderte sich, als das von William Fox Talbot entwickelte Negativ-Positiv-Verfahren Einzug hielt, wie viele es noch aus ihrer Jugend kennen werden. Das Motiv wird auf ein Negativ gebannt und wird erst mithilfe eines Entwicklungsverfahrens auf ein „Positiv“-Bild umgewandelt. Dadurch war es leicht beliebig multiplizierbar und wurde natürlich auch preiswerter, sodass Fotos nicht mehr nur den oberen Schichten vorbehalten waren und es einen größeren Markt für Fotos gab, was entsprechend eine neue Branche eröffnete. Auch Hagen bekam einen Fotografen: Theodor Mende, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, seine Dienste anzubieten. Einige seiner Aufnahmen sind auch in der Ausstellung zu sehen, in der außerdem Fotos von Willi Lehmacher, Adolf Kühle und Michael Rensing gezeigt werde.

Den ersten Boom erlebte die Fotografie im ersten Weltkrieg. Viele Soldaten ließen sich ablichten, ehe sie in den Krieg zogen und auch während des Krieges sorgten Wanderfotografen dafür, dass es aktuelle Bilder für die Daheimgebliebenen gab. Wie umgekehrt, Fotostudios zu Hause bereitstanden, um für den Vater, Bruder, Onkel in der Ferne ein Erinnerungsfoto zu schießen. Das war auch die Geburtsstunde der Bildpostkarten, die von einigen Verlagen abgesehen, meist von den örtlichen Fotografen produziert und angeboten wurden.

Damit war die Grundlage für den Siegeszug der Fotografie, der bis heute anhält, gelegt. Und damit war auch ein Medium vorhanden, das Lokal- und Regional-, aber auch Zeit- und Kulturgeschichte dokumentiert. In der Ausstellung wird das besonders deutlich, wenn man sich die oben erwähnten Fotos von Michael Kleinrensing anschaut, aber auch beim Betrachten der Fotos vom Bau der Hasper Talsperre zum Beispiel oder der Menschen, die sich für ein Gruppenfoto aufgestellt haben.

Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich also unter verschiedenen Blickwinkeln.

Weitere Informationen: www.historisches-centrum.de