(10.02.2014) Janusz Korczak gehört zu den Menschen, die ich nie persönlich kennengelernt habe und die mir im Leben doch immer wieder begegnen. Zum ersten Mal in Münster an der Uni, wo er im Pädagogik-Seminar als Erzieher vorgestellt wurde, damals faszinierte mich besonders „Das Recht des Kindes auf Achtung“. Ein paar Jahre traf ich ihn erneut, als ich begann, mich mit Kinder- und Jugendbüchern zu beschäftigen und mir „König Hänschen I“ über den Weg lief. In diesem Jahr nun sah ich mich ihm unverhofft auf der Buchmesse gegenüber – auf dem Cover eines Buches. „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ (Gimpel Verlag 2013) hieß das Buch, geschrieben von einem sehr beeindruckenden Autor und Verleger, der mir auf der Buchmesse und in einem Telefoninterview einiges über die Hintergründe erzählte.

Nun habe ich das Buch zu Ende gelesen. Man kann es nicht eben kurz durchlesen, deshalb hat es einige Wochen gedauert. Die Texte, die zum Teil aus den Werken Korczaks übernommen wurden, und die Bilder rufen bei Erwachsenen Assoziationen hervor, die bedrückend sind. Erstaunlicherweise ist das bei Kindern anders. Sie kennen die Geschichte Korczaks nicht, sie wissen nicht, dass die Kinder, über die er schreibt, nicht mehr leben, weil sie mit ihm, Frau Stefa und fast 200 anderen Kindern des Waisenhauses Dom Sierot nach Treblinka deportiert wurden.

Ja, die Geschichte spielt 1942 im Warschauer Ghetto. Es ist auch eher eine Collage als eine Geschichte. Da sind die Tagebucheintragungen des „alten Doktors“ und die Erlebnisse der 12-jährigen Genia. Beide Sichtweisen zusammen ergeben ein Bild des Lebens im Dom Sierot, dem Waisenhaus, das Janusz Korczak im Ghetto leitete. Sein Ziel und das der Erzieher war, den Kindern einen normalen Alltag zu bereiten und ihnen Hoffnung für ein Morgen zu geben. Ein Beispiel dafür ist die im Buch beschriebene letzte Vorstellung von „Fräulein Esther“, eine Aufführung des Stückes „Das Postamt“ von Rabindranath Tagore, für das die Kinder mit großem Eifer lernen und üben.

Eine Geschichte, die nachdenklich stimmt, aber zeigt, wie wichtig es ist, sich auch in schweren Zeiten Momente des Glücks zu schaffen. Neben dem eindrücklichen Text ergreifen den Betrachter die Zeichnungen, die mit dem Text eine harmonische Einheit bilden und die Leser in die Welt der Buch-Kinder jener Zeit leitet. Gabriela Cichowska hat es geschafft, den Menschen im Ghetto ein Bild zu geben, ihren Schmerz und ihre Melancholie einzufangen. In der Summe ein Buch, das sich zu lesen lohnt, weil es auf einfühlsame Weise an eine Zeit erinnert, die nicht vergessen werden sollte.

Dass ich Adam Jaromir getroffen habe, ist es schon so lange her, dass ich ihm noch einmal drei Fragen zum Buch stellen wollte. Als wir dazu telefonierten, hat er mir so viele interessante Dinge zu dem Buch erzählt, dass ich meine Fragen seinen Antworten angepasst habe.

1. Wie kamen sie auf die Idee, ein Buch über Janusz Korczak und Dom Sierot zu schreiben?
Vor Jahren habe ich angefangen, über Janusz Korczak zu lesen. Es war ein Buch mit dem Titel „Korczak im Ghetto“, das all seine Schriften aus jener Zeit enthielt, die er neben den Tagebucheinträgen verfasst hat. In einem Text schilderte er einen Traum, in dem ihm Rabindranath Tagore begegnet war und dieser ihm das Theaterstück „Das Postamt“ übereignete. In diesem Text wurde erwähnt, dass Fräulein Esther seine Schülerin sei. In einem anderen Text erfuhr ich, dass Fräulein Esther eine Theatergruppe im Dom Sierot leitete. Es hat mich beeindruckt, wie Fräulein Esther und Korczak ein künstlerisches Projekt auf die Beine stellen konnten, obwohl ihr Leben existenziell bedroht war.

2. Wie verlief der Entstehungsprozess des Buches?
Es hat insgesamt vier Jahre gedauert, bis das Buch erschienen ist. Ich habe gelesen, Informationen und unzählige Bilder gesammelt und lange an der Auswahl der Themen gearbeitet. Es ist eine große Aufgabe, das Leben im Ghetto so darzustellen, dass die Leser verstehen, wie bedrohlich und schlimm es dort war, dass es aber aus der Situation heraus, gemessen an dem Möglichen, Glücksmomente gab. Wenn man über das Ghetto schreibt, muss man viele Aspekte berücksichtigen.

3. Warum ist das Buch ein Bilderbuch und kein Roman oder Sachbuch?
Mir war immer klar, dass das Buch ein Bilderbuch werden sollte. Aber keines für kleine Kinder. Viele Menschen denken, Bilderbücher seien nur etwas für Kinder. Bilder geben dem Betrachter einen viel besseren Eindruck als Worte, die Wirkung ist größer und nachhaltiger. Deshalb sollte es ein Bilderbuch werden, aber eines, in dem Text und Bild eine Einheit bilden. Deshalb habe ich ein Storyboard entwickelt, in dem ich festgelegt habe, welche Bilder wo und wie zu sehen sein sollen. Manchmal habe ich Fotos aus meinem Archiv eingeklebt, manchmal kleine Skizzen gemacht, damit die Illustratorin wusste, wie das Bild werden sollte. Wichtig war mir, dass den Menschen auf den Bildern mit Hochachtung begegnet wird. Alle Menschen die gezeigt werden, sind ums Leben gekommen. Ich habe bei jedem Bild genau geprüft, ob das Gesicht den richtigen Ausdruck zeigt und ob das Bild in der Ganzheit einen richtigen Eindruck vermittelt. Oft sind es die Details, die die Wirkung ausmachen, manchmal habe ich die Schrift auf einem Bild von einem Hebräisch-Kenner prüfen lassen, um sicher zu sein, dass dort keine falschen Botschaften stehen. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen zum Buch und zum Gimpel Verlag

Mein Artikel über Janusz Korczak von 2012