(27.11.2014) Schon das Gebäude vom Schiller-Nationalmuseum in Marbach versetzt einen in die Zeit der Klassik, in jene Zeit, als Dichter und Denker in Deutschland noch etwas zu sagen hatten. Betritt man das Haus vom Parkplatz aus, nimmt einen die über 100 Jahre alte Architektur gefangen, der Mosaikboden, die Marmortreppen, die vergoldeten Geländer, die hohen Decken und Säulen. Man lässt den Alltag hinter sich und kann seiner Neugier freien Lauf lassen. Vom großen Saal aus geht der Blick noch einmal in die Ferne, bis zum Hohenasperg, wo Schillers Dichterkolle Schubart wegen Herrschaftskritik und Aufmüpfigkeit Jahre eingesperrt war. Schon in diesem Raum spürt man, dass das Konzept der Ausstellung über Schiller und seine Zeit wohl durchdacht ist. Hier stehen nur eine große Vitrine mit einigen wenigen Exponanten und Hocker. Keine 0815-Sitzgelegenheiten, sondern Lederwürfel, die sich dem Interieur anpassen und die mit Textauszügen versehen sind. Literatur ist hier eben überall.

Nach einem letzten Blick über das Neckartal muss man sich entscheiden für Schiller oder seine Zeit. Ich habe natürlich mit Schiller begonnen und fand mich flugs Friedrich selbst gegenüber. Nicht ihm höchstpersönlich natürlich, sondern Bildern und Büsten, die ihn in verschiedenen Jahren und Lebenssituationen zeigen. Wenn man den Bildern glauben darf, war er Zeit seines jungen Lebens – er wurde nur 44 Jahre alt – ein gut aussehender Mann. Die Mitarbeiterin am Empfang im Schiller-Nationalmuseum meinte, man munkele auf einem der Fotos sähe er fast aus wie Pierre Brice als Winnetou – was ich überprüft habe und es stimmt.

Mit diesem Bild von Schiller im Kopf gelangt man in den nächsten Raum und ist – zumindest als Buchliebhaber – überwältigt. Ein Raum mit Vitrinen voller alter Bücher. Fast kam es mir vor, als würde der Geist aus den Büchern von mir Besitz ergreifen, so beeindruckend fand ich die Anordnung. Die Bücher stammen alle aus dem Besitz von Friedrich Schiller, sie sind sortiert nach Faktoren, Fragestellungen und Inspirationen, die ihn beeinflusst haben. Schon hier kann mein einen halben Tag verbringen, um die Texte zu lesen und im Anblick der Bücher zu schwelgen.

Aber damit geht es ja erst los, das sind nur die Inspirationen – in den nächsten beiden Räumen erwarten die Besucher Schillers Handschriften. Das erste Gedicht auf Lateinisch für seinen Lateinlehrer findet sich hier ebenso wie der Manuskriptanfang einer Szene aus dem Wallenstein mit Änderungen. Es ist schwer, sich von diesen Räumen zu lösen, zumal man die Schrift Schillers besser lesen kann als manche heutige Handschrift.

Ein letzter Raum schließlich bringt uns Schiller als Mensch nahe. Hier ist eine Auswahl seiner Kleidungsstücke zu sehen, der eine oder andere Gegenstand aus seinem Besitz – ich habe vergessen zu fragen, wozu die drei Prismen dienten, fällt mir gerade ein. Man erfährt, welche Ringe er getragen hat und bekommt vor Augen geführt, warum eine Brieftasche Brieftasche heißt. Ich habe es mir gedacht, aber noch niemals eine echte Brieftasche zu sehen bekommen – bis ich mich auf die Spur Schillers begab.

Nach diesem Rundgang hätte ich schon nach Hause fahren können. Mein Kopf war überfüllt mit Informationen, Eindrücken und Anregungen. Besonders interessant fand ich nämlich, dass ich in dem Raum mit den Schiller-Handschriften auch Einblick in seine Arbeitsweise nehmen konnte. Da sah man, wie er Texte auseinandergeschnitten und wieder zusammengefügt hat und dass er eine Todo-Liste geführt hat. Ja, wirklich, er hatte einen Plan, was er alles erledigen wollte und auf dem Exponat sieht man, dass der „Wallenstein“ durchgestrichen ist. Natürlich hätte ich mir denken können, dass die Autoren vor gut 200 Jahren ähnlich gearbeitet haben wie wir heute. Aber denken können und mit eigenen Augen sehen, sind doch zwei unterschiedliche Dinge.

Ich habe mich dennoch von Schiller gelöst und mich in den anderen Flügel des Gebäudes begeben. Dort werden Denker und Dichter der Klassik mit Werkbeispielen und ihren Reflektionen zur Zeit und Literatur vorgestellt. Da würde ich gerne einen Schreibworkshop anbieten – fast in jeder Vitrine findet sich eine Anregung dazu, wie man Verse setzt und Sätze pointiert schreibt. Faszinierend! Das Werk eines Dichters hat mich besonders gefesselt, da der Artikel aber jetzt schon viel zu lang ist, wird sein Geheimnis erst in einem weiteren Beitrag gelüftet. In jedem Fall lautet mein Tipp: Wer sich für Literatur interessiert, für den ist der Besuch im Schiller-Nationalmuseum ein Muss und auch alle anderen sollten die Gelegenheit nutzen, wenn sie in der Gegend sind. Auch ohne jeden einzelnen Text zu lesen und zu verstehen, ist der Besuch der Ausstellung ein Erlebnis. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: Deutsches Literaturarchiv Marbach & Schillernationalmuseum