(02.06.2015) Das erste Mal begegnet bin ich Gilbert Jakubczyk, der sich selbst „den ehrlichen Scharlatan“ nennt, 2014 beim Historischen Jahrmarkt in der Jahrhunderthalle in Bochum. Ich weiß es noch genau, weil ich nur den kleinen Auszug aus seiner Darbietung mitbekommen habe, als er seine Zigarette in einer Jacke ausdrückte. Zum ersten Mal überhaupt habe ich mich erinnert, dass mein Vater mich mit genau diesem Trick beeindruckt hat, als ich vielleich fünf oder sechs Jahre alt war. Nach dieser ersten Begegnung sind wir uns mehrmals über den Weg gelaufen, aber irgendwie war nie die Zeit für ein längeres Gespräch. In Dortmund beim Historischen Jahrmarkt auf Zeche Zollern hatte ich endlich Gelegenheit, mehr über ihn und sein Leben herauszufinden.

Seit seinem 13. Lebensjahr lebt Gilbert auf der Straße, damals war er in einem Kinderheim untergebracht, aus dem er immer wieder davongelaufen ist. Schließlich landete er bei einem Gewichtheber, dem er zur Hand ging und der ihn in die Geheimnisse des Straßenlebens einwies. Mit 17 Jahren war er dann einer der ersten Gaukler, die vor dem Centre Pompidou in Paris auftraten. Anfangs als Pantomine, später als Automatenmensch. Als die Automatenmenschen dann immer mehr wurden, hat er sich nach neuen Attraktionen umgesehen, mit denen er auftreten konnte. Dabei hat er einerseits nachgeforscht, welche Straßenkünste historisch belegt sind, zum Beispiel der 100 Jahre alte Flohzirkus oder den Wandelhut, einem einfachen Filzkreis, den – wie es heißt – schon Le Tabarin im 18. Jahrhundert erfand. Andererseits hat er vieles von anderen Gauklern gelernt.

Das Feuerspucken zum Beispiel hat ihm ein Feuerspucker beigebracht, der ebenfalls vor dem Centre Pompidou auftrat. Dieser Feuerspucker ist ebenso in Gilberts Buch aus jener Zeit abgebildet wie der Fakir, der Kopfstand in Glasscherben machte, oder der Mann, der ein echtes Messer verschluckte – da wurde mir schon beim Anschauen ganz anders. Diese und viele andere Bilder aus der Zeit, als Gaukler und Straßenkünstler selbstverständlich zum Pariser Straßenbild gehörten und auch dessen Charme ausmachten, hat Gilbert fotografiert und in dem kleinen Zimmerchen, in dem er damals noch direkt über dem Platz lebte, entwickelt. Für das Buch, das 2007 erschienen und heute längst vergriffen ist, hat er sie digitalisiert und neu zusammengestellt. Schade, dass das Buch nicht mehr erhältlich ist, es erzählt die Geschichte einer Zeit, an die sich viele nicht mehr erinnern.

Heute unvorstellbar zum Beispiel, dass Gilbert anfangs der einzige war, der einen Telefonanschluss besaß, über den auch die Kollegen kommunizierten, wenn es nötig war. Kein Wunder, dass er es war, der in den 70er Jahren einen Verein gründete, um die Interessen der Straßenkünstler zu vertreten. Das war auch nötig, weil in jener Zeit die Repressalien gegen Gaukler begannen. Einmal, so erinnert er sich, wurden 80 Polizisten gegen zwei Straßenkünstler aufgeboten. „Dabei hat nach dem Grundgesetz jeder das Recht, sich frei zu entfalten, solange er andere nicht stört oder belästigt.“ Gilbert ärgerte sich schon wieder, als er mir davon berichtete. Aber er war auch stolz, was er erreicht hat, unter anderem mit einem Protestmarsch auf der Champs Elysses. Immerhin gelten Straßenkünstler und Gaukler heute als Kulturgut und sind gern gesehene Gäste bei Veranstaltungen.

Auch wenn sich die Stimmung inzwischen wieder gewandelt hat, sind die Zeiten, in denen Audrey Hepburn und Eddi Constantine, Anthony Perkins und Prinzessin Anne sich mit Gilbert fotografieren ließen, doch vorbei. Beeindruckend ist die Fotogalerie, die über dem Esstisch in seinem Wohnwagen hängt, trotzdem. Außerdem kommen heute andere Zuschauer, Gilbert schafft es immer, eine Menge auf sich zu ziehen und sie mit alten, aber gerade deshalb faszinierenden Tricks zu fesseln. In seiner Show sagte er unter anderem: „Guckt, Kinder, das ist besser als jedes Playstationspiel.“ Nachdem er seine Darbietung beendet hatte, sagte ein acht- oder neunjähriger Junge neben mir zu seiner Mutter: „Das ist wirklich besser als Playstation.“ Ein größeres Kompliment gibt es wohl kaum, oder? Ich freue mich jedenfalls schon, Gilbert wiederzutreffen. © Birgit Ebbert

Fotostrecke vom Auftritt Gilberts auf Zeche Zollern

Noch ein paar Artikel, die ich über Gilbert gefunden habe

Der ehrliche Scharlatan (Jüdische Allgemeine vom 14.10.2014)

Mittelalter-Traum auf sechs Quadratmetern (www.pflichtlektuere.com)

Hier kann man Gilbert Jakobzcyk in diesem Jahr noch live erleben

Darum zuckt Gilbert nicht mit der Wimper (Hamburger Abendblatt vom 05.03.1981)