(20.09.2013) Zum Abschluss meiner Hagener Kulturwoche durfte ich heute bei der Generalprobe für „Gretchen 89ff“ von Lutz Hübner im LutzHagen spickeln. Ich fand, dass ich mich gut vorbereitet hatte, schließlich hatte ich im Internet Infos über das Stück und im Bücherregal „Faust 1“ gefunden. Letzteren noch mit Anmerkungen aus meiner Schulzeit und der Kästchenszene auf Seite 69ff. (Hinweis für alle, deren Lehrer die Hamburger Lesehefte bevorzugten.)

Als ich dann im Lutz abgegeben wurde, musste ich feststellen, dass ich vergessen hatte, mich mit dem Generalproben-Knigge vertraut zu machen. (Gibt es eigentlich Kurse dafür?) Ok, Handy ausstellen, das war mir klar. Aber wo sollte und durfte ich sitzen? Erste Reihe? Zweite Reihe? Letztlich habe ich mich für die zweite Reihe entschieden, um dann festzustellen, dass die wenigen anderen Betrachter hinter mir saßen. Aber das konnte ich nun nicht ändern. Nur noch ein bisschen nach links rücken.

Eine mittelprächtige Idee, wie sich gleich zu Beginn des Stückes zeigte, denn von links traten die Schauspieler Sonja Bohé und Werner Hahn auf. Sie gingen also quasi vor meiner Nase zur Bühne. Da wusste ich wieder, warum ich immer Plätze in den hinteren Reihen buche. Ich habe mich dann damit beruhigt, dass auf den Stühlen sonst auch Zuschauer sitzen.

Danach hatte ich ohnehin keine Zeit mehr, mir Gedanken über den richtigen Sitzplatz und politisch korrektes Verhalten bei einer Generalprobe zu machen. Das Stück hat mich gleich so in den Bann gerissen, dass ich fast vergessen hätte, mir Notizen zu machen. Zum Glück gab es neun Szenenwechsel und irgendwann bekam ich Übung darin, gleichzeitig zu gucken, zu hören, zu lachen, zu staunen und im Dunkeln zu schreiben.

Doch worum geht es in dem Stück „Gretchen 89ff“, das am 29. Oktober 1997 uraufgeführt wurde und bereits in früheren Spielzeiten in Hagen zu sehen war?
Ausgehend von einer Szene aus Faust I erhält der Zuschauer in zehn Episoden einen Einblick in das Theaterleben oder besser in die Arbeit zwischen den Kulissen eines Theaters. Sie erleben verschiedene Regisseur- und Schauspieler-Typen, eine Dramaturgin, einen Requisiteur und am Ende noch einen Hospitanten, der sich … doch da will ich nicht vorgreifen. Mein Fazit ist nämlich: Das Stück muss man gesehen haben! Eine tolle Inszenierung von Miriam Michel mit einer pfiffigen Ausstattung von Jeremias H. Vondrlik. Ob man Faust für eine geballte Hand oder Weltliteratur hält, das Stück bietet jedem etwas. Der eine kann rätseln, welche Gretchen-Interpretation denn nun der Wahrheit am nächsten kommt, der andere amüsiert sich über die witzigen Charakterzeichnungen der Figuren. Wenn ich es recht bedenke, kommen nur die Anhänger von Crime nicht auf ihre Kosten, denn Sex ist durchaus ein Thema. Für Kenner von Goethes Faust kein Wunder.

Ach, das Stück ist so vielschichtig, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen und aufhören soll. Mir haben auch die kleinen Plaudereien am Anfang der Szenen beim Umkleiden gefallen. Ja, genau, die Zuschauer können zusehen, wie sich die Schauspieler, die am Anfang des Stückes neutral schwarz gekleidet sind, mit wenigen Kleidungsstücken und minimalem Einsatz von Requisiten in die Figuren der jeweiligen Szene verwanden. Faszinierend war, dass es beiden Schauspielern gelungen ist, ihre Charaktere so gut zu verkörpern, dass ich irgendwann dachte, es säßen andere Personen auf der Bühne. Mein Favorit ist „Der Kantinen-Hengst“, weil ich dessen Sprachfärbung liebe und außerdem hat er mir zugezwinkert – wem sollte er auch sonst zuzwinkern, soweit vorne rechts von ihm saß ja sonst niemand. Bewundert habe ich „Die Anfängerin“, die Zungenbrecher mit und ohne Korken beneidenswert herunterrattern konnte. Aber auch alle anderen Szenen waren köstlich, ich weiß jetzt schon, dass ich mir das Stück auf jeden Fall noch mindestens einmal ansehen werde. Es hat es in der Hitliste meiner liebsten Stücke, an dessen Spitze Leander Haußmanns Peter Pan aus meiner Bochumer Zeit steht, unter die Top Ten geschafft. © Birgit Ebbert

Wer also morgen, 21. September noch nichts vor hat: Es gibt noch Restkarten, habe ich mir sagen lassen. Die weiteren Aufführungstermine in diesem Jahr sind:

29. Septemberg, 8. und 9. Oktober, 29. und 30. Oktober, jeweils 19.30 Uhr und am 9. und 10. Oktober außerdem um 12.00 Uhr.

Theaterkarten sind übrigens auch ein schönes Weihnachtsgeschenk! Am 4. und 5. Januar wird „Gretchen 89ff“ ebenfalls um 19.30 Uhr aufgeführt.

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