(20.11.2013) Heute Mittag durfte ich in einem ganz besonderen Ambiente lesen – im Ratssaal vom Ebinger Rathaus. Das war insofern ein besonderes Gefühl, weil es sich um einen 100 Jahre alten Ratssaal handelt, in dem man noch den Geist vergangener Zeiten spürt. Kein Wunder, hängt dort das Bild eines Bürgermeisters, der damals noch „Schultes“ genannt wurde und 52 Jahre regiert hat. Ja, das gab es. Da wurden die Bürgermeister noch auf Lebenszeit gewählt.

Im Gegensatz zu den modernen Rathäusern, die ich bisher erlebt habe, sind im Ebinger Rathaus an allen Ecken Kleinode zu entdecken, die zeigen, dass im Krieg nur wenig zerstört wurde.

Die Säulen sind nicht einfach Betonsäulen, nein, dort finden sich ganz unterschiedliche Schmuckelemente, die einem Besucher die Wartezeit gut vertreiben. Ich muss direkt einmal erkunden, ob jemand mir sagen kann, wie viele verschiedene Muster es gibt.

Im Eingangsbereich erwartet einen nicht nur ein gut erhaltenes Treppenhaus, sondern auch ein Brunnen, dessen Inschrift verrät, wer hier beim Bau des Rathauses das Sagen hatte. „Lerne was, dann kannst du was, dann bist du was“, heißt es sinngemäß wiedergegeben.

Beim Hinaufgehen in die erste Etage, wo der Bürgermeister sein Amtszimmer hat, fielen mir die schönen Bleiverglasungen auf, die verschiedene Berufe zeigen – und dem Betrachter wieder Weisheiten mit auf den Weg geben. Dass diese Fenster nicht wie anderswo üblich rechteckig sind, ist mir erst aufgefallen, als ich von außen in den Hof des Rathauses geschaut habe. Auf der gelben Außenfassade fallen die Rombus-Fenster sofort auf.

Entworfen hat das Rathaus Martin Elsaesser aus Stuttgart, realisiert wurde es 1912/13 von Stadtbaumeister Leonhard Schmieder. Im Dezember feiert es sein 100-jähriges Bestehen. Mich hat besonders die Fassade fasziniert, die mich sehr an die Jugendstil-Fassade des Hagener Theaters erinnert und fast kommt es mir vor, als wäre an einer Seite die gleiche Figur angebracht wie die, auf die ich von meinem heimischen Fenster immer schaue. Es ist nicht die gleiche, nur die Höhe und Art der Anbringung ist ähnlich. In Hagen die Figur ist züchtig gewandet, während die Ebinger Figur sich freizügiger zeigt.

Apropos freizügig. Hätte ich gewusst, dass ich in dem alten Ratssaal lesen darf, hätte ich meinen Blogger Sven Kempelmann etwas gebremst in der Ausdrucksweise, die er im Albstadt-Krimi „Täter on Tour“ an den Tag legt. Aber wie sagte der Bürgermeister: „Wir sind durch die Mozart-Briefe ja einiges gewöhnt.“ Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass es die Mitarbeiter der Stadt, die heute mal die Sessel der Ratsherren besetzt hatten, störte.

Doch zurück zu Martin Elsaesser, dem Stutgarter Architekten, der für den Stil des Rathauses verantwortlich ist. Er stammt aus Tübingen und hat sich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vor allem einen Namen durch seine Kirchenbauten gemacht. Begonnen hat alles 1905 mit dem Gewinn eines Architektenwettbewerbs für die evangelische Pfarrkirche in Baden-Baden. Für die Stuttgarter, die das vermutlich wissen: Aus seiner Zeichenfeder stammen auch die Entwürfe für die 1912/13 errichtete Markthalle. Martin Elsaesser gehört zu den Architekten, die unter den Nazis einen Karriereknick erlitten, was vielfach gar nicht bekannt ist. Er wurde von 1937 bis 1945 einfach nicht mehr beauftragt für Bauvorhaben in Deutschland. Allerdings konnte er von München aus noch Projekte in der Türkei umsetzen. Seine Zurücksetzung fand eine Fortsetzung nach dem Krieg, als ihm bei der Besetzung einer Professur ein Kollege vorgezogen wurde, der unter den Nationalsozialisten weiterhin sein gutes Auskommen hatte. So war das damals. Ob es heute anders wäre?

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