Es ist seltsam, manche Theaterstücke glaubt man zu kennen, obwohl man sie nie gesehen hat. So war ich fest davon überzeugt, dass „Hallo Nazi“ bereits einmal im Lutz Theater Hagen gespielt wurde. Aber nein, gestern Abend war die erste Premiere dieses leider immer noch aktuellen Stückes von Lutz Hübner, das er 2001 nach den ersten rechtsradikalen Anschlägen in Sachsen schrieb, in Hagen.

Zwei in einer Arrest-Zelle

In der Arrest-Zelle einer Polizeistation begegnen sich zwei junge Menschen. Durch das Vorspiel wissen wir Zuschauer, dass einer der beiden ausländisch wirkenden Darsteller einen Nazi spielt. Damit ist das Thema gesetzt und die Spannung aufgebaut. Was wird sich in dieser Kulisse ereignen, die die Enge einer Arrest-Zelle einfach, aber wirkungsvoll vermittelt? Nach und nach kristallisiert sich heraus, wer die beiden sind: Jamal, der einem alten Mann helfen wollte, der aus Syrien geflohen ist, um in Deutschland ein neues Leben für seine Familie aufzubauen, und Rudi, der mit seinen Freunden nach einem Trinkgelage eben jenen alten Mann mit einem Brandsatz erschrecken und verjagen wollte. Gerade noch standen die beiden sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegenüber und nun sitzen sie in der gleichen Zelle. Im Kopf die Bilder der letzten Stunde.

Eine Frage der Ehre

Kaum betritt Rudi die Arrestzelle und sieht den arabisch wirkenden Jamal, beginnt er bereits zu pöbeln und zu provozieren. Doch Jamal bleibt ruhig, antwortet rhetorisch geschickt und lässt sich auch nicht auf eine körperliche Auseinandersetzung ein. Stattdessen bringt er die Frage der Ehre ins Spiel. Als Rudi bei dem kurzen Kampf auf dem Boden liegt und angstvoll versucht, sich vor möglichen Tritten zu schützen, erklärt er ihm, dass ein Mann niemanden tritt, der auf dem Boden liegt. Jamal reicht Rudi sogar die Hand, um ihn vom Boden hochzuziehen. Doch dieser nutzt das Angebot, um den Kampf fortzusetzen und Jamal zu treten und zu schlagen – obwohl er am Boden liegt.

Schuld sind immer die anderen

Der Polizeibeamte kommt gerade rechtzeitig, um eine Eskalation zu verhindern und er bringt die Botschaft, dass der alte Mann, den Rudi mit seinen Freunden angegriffen hat, verstorben ist. Rudi, der sich bis dahin sicher vor einer härteren Bestrafung wähnte, weil Polizeibeamte ein Bekannter seines Vaters ist, wird unsicher. Er beginnt, sich zu verteidigen und Jamal zu erklären, warum der alte Mann selbst und überhaupt alle Ausländer die Schuld an solchen Toden und Übergriffen trügen. Doch je mehr er sich verteidigt, umso stärker verstrickt er sich in seiner Geschichte. Hatte eben noch Christian seine Lehrstelle in der Metzgerei des Onkels verloren wegen der Ausländer, stellt sich nun heraus, dass Christian die Lehre geschmissen hat. Und je mehr Rudi sich verstrickt und je mehr Einzelheiten zutage treten, umso deutlicher wird den Zuschauern, dass es sich keineswegs um eine Tat aus einer Alkohollaune heraus handelt, sondern eine menschenverachtende Ideologie dahinter steckt, die Rudi vielleicht nicht erkannt hat, die Christian symbolisiert.

Tot bedeutet nie wieder

Doch nicht nur Christian spielt in der Geschichte der beiden eine Rolle, obwohl er nicht auf der Bühne steht. Auch das Opfer hilft mit, sich ein Gesamtbild zu verschaffen und am Ende Position zu beziehen. Jamal schwärmt von einem Hotel in Aleppo, dessen Küche in ganz Syrien und darüber hinaus geschätzt wurde. Er klingt so begeistert, dass selbst Nazi-Rudi Lust auf das Essen des syrischen Kochs bekommt. Doch der syrische Koch war der alte Mann, den er und seine Freunde überfallen haben. Er wird nie wieder kochen. Nie wieder kann jemand seine ausgezeichneten Speisen kosten. Das bringt selbst Rudi zum Nachdenken.

Eine gelungene Inszenierung

Nicht nur Rudi bringt die ganze Geschichte zum Nachdenken, sondern auch das Publikum. Selten habe ich eine Aufführung erlebt, bei der es im Zuschauerraum so still war, fast kam es mir vor, als hielten alle den Atem an. Die angespannte Starre blieb auch, nachdem das letzte Wort gesprochen war – erst verzögert begann der Applaus, der dann in Standing Ovations überging. Bei der anschließenden Premierenfeier dauerte es einige Zeit, bis sich Gespräche und Gedanken von der Bühne lösten und zu heiteren Themen übergingen. Einen Part an dieser mentalen Erstarrung hatte sicher das Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, auch die Inszenierung durch Werner Hahn mit der geschickten Besetzung  der Rollen von Jamal und Mark durch Darsteller, denen man ihre außereuropäischen Wurzeln ansieht, trugen zu dieser Dichte bei. Vor allem aber war es die schauspielische Leistung von Mark Tumba als Rudi und Najib El-Chartouni, die so nachhaltig gewirkt hat. Auch Fynn Engelkes als Polizist Klaus hat seinen Zwiespalt zwischen Mitleid, Freundlichkeit und Zorn überzeugend gespielt und Malte Bornemann als Christians drängende Stimme aus dem Off war das das Tüpfelchen auf dem I einer herausragenden Inszenierung. „Hallo Nazi“ ist sicher keine Inszenierung für einen amüsanten Theaterabend, aber ein Theatererlebnis, das zeigt, wie in einer gelungenen Kulisse mit Mimik, Körpersprache und Ausdruck aus einem guten Text ein Bühnenkunstwerk wird. Hingehen, angucken und drüber sprechen, damit solch ein Ereignis, wie auf der Bühne erzählt wird, nie wieder Wirklichkeit wird. © Birgit Ebbert

Foto: Klaus Lefebvre / Theater Hagen