(06.10.2015) Nachdem ich meinen ersten Hagen-Krimi vor drei Jahren ziemlich spontan schreiben musste, weil der Verlag statt meines Krimis aus dem Münsterland einen Krimi aus Hagen haben wollte, arbeite ich mich für die Fortsetzung nun in die Hagener Geschichte ein. Sagt es ruhig, einen solchen Job hättet ihr auch gerne. Das verstehe ich, auch wenn die Recherchen nicht immer so vergnüglich sind wie die letzte „Fachlektüre“ „Hart wie Marmelade“. Ich fand es an der Zeit, mich mithilfe von Kai Havaiis autobiografischem Roman auf den Stand zu bringen, wie ich mir die 70er- und 80er-Jahre in Hagen vorstellen muss. Leider gab es das lesenswerte Buch nur noch als E-Book, was für Recherchen nicht so hilfreich ist, weil ich nichts unterstreichen konnte, dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tat. Also versuche ich nun aus der Erinnerung die wichtigsten Erkenntnisse wiederzugeben, um den Nicht-Hagenern zu zeigen, dass man mit Hagen rechnen musste und rechnen muss, und die Hagener zu motivieren, sich auf den neuen E-Reader das E-Book „Hart wie Marmelade“ herunterzuladen.

Das Buch muss man meiner Meinung nach als echter Hagener gelesen haben – wie man „Extrabreit“ gehört haben sollte, beim Muschelsalat gewesen sein, den Riesenplüschmammut im Schloss Werdringen gekrault und bei einem Phoenix-Spiel mitgefiebert haben muss. Letzteres fehlt mir noch in der Sammlung, aber ich lebe ja auch erst acht Jahre in Hagen und kenne einige Hagener, die nichts davon getan haben, nicht einmal „Hart wie Marmelade“ gelesen.

Ich verzichte darauf zu erklären, wer Kai Havaii (Foto links) und „Extrabreit“ (Foto unten) sind. Das wusste selbst ich mit meiner Provinzjugend :-), als ich nach Hagen zog und wer es nicht weiß, soll googlen. Erst kürzlich erzählte mir ein älterer Herr, locker 20 Jahre älter als ich, dass er „Extrabreit“ schon kannte, als er in den 80er-Jahren in Berlin wohnte. Die Musik fand man super, nur Hagen war den Leuten völlig unbekannt, das hat sich ja inzwischen geändert, dass Hagen unbekannt ist 🙂

„Rock’n Roll Roman aus der Provinz“, lautet der Untertitel des Buches, das sich eher wie eine Biografie liest – viele Orte und Namen kenne sogar ich inzwischen, selbst die der Kneipen, die es lange nicht mehr gibt. Dank Facebook hat man heute doch schneller Zugang zum kollektiven Gedächtnis 🙂 Aber gehen wir davon aus, es sei alles ein Roman, an manchen Stellen überzeichnet oder kaschiert, so bleibt am Ende doch die Geschichte eines jungen und älter werdenden Mannes, der durch die Musik zu Geld und Ansehen gekommen ist, beides durch Drogen verspielt hat und am Ende wieder zu sich und seinen Wurzeln gefunden hat. Die Geschichte wird eingebettet in die Zeit- und Musikgeschichte der 80er-Jahre, als sich Deutschrock und die Neue Deutsche Welle gegen Schlagerpop und Volksmusik  ausbreiteten.

Wie viele junge Leute war auch der junge Kai, der damals noch nicht Havaii hieß :-), auf der Suche nach dem richtigen Weg ins Leben. Er kutschierte als Zivi „jeden Morgen sechs apfelfrische Erzieherinnen“ herum, studierte ganz kurz Germanistik, fuhr Taxi, zeichnete Cartoons und engagierte sich politisch, um dann festzustellen, dass das alles doch nicht das Richtige war. Sein Zuhause war die Szene in Wehringhausen, wo er in einer WG lebte und sich mit den Wirten der In-Kneipen bestens verstand. Neben Alkohol und Haschisch war in jener Zeit Musik sein „Grundnahrungsmittel“, Frank Zappa, Rolling Stones, David Bowie, Pattie Smith und Udo Lindenberg fanden ebenso ihren Weg auf den Plattenteller wie an einem Weihnachtsfest Beethoven und Wagner.

!Das ist wirklich ganz blöd, dass ich im E-Book nichts markieren konnte! Jetzt lese ich mich immer wieder fest in dem nicht nur für Hagener spannenden Buch. Vieles, was Kai Havaii beschreibt, kenne ich exakt genauso aus meinem beschaulichen Münsterland – vermutlich hat es die fünf Jahre, die ich jünger bin, gebraucht, um sich dorthin vorzuarbeiten. Ich habe so gelacht, als er vom „Schwofen“ schrieb. Kennt das heute noch jemand? Ich erinnere mich gut – an schöne und weniger schöne Erlebnisse.

Damit ich hier vorankomme: Schließlich traf Kai Havaii auf Stefan Kleinkrieg, den Gründer von „Extrabreit“, ließ sich bequatschen, probehalber den Sänger zu ersetzen und blieb gleich einige Jahre, in denen er und die anderen Bandmitglieder, wenn ich die Zeilen richtig interpretiere, das Leben in vollen Zügen genossen haben. Bis sie sich dann getrennt haben, um später wieder zusammenzukommen. Warum soll ich das hier episch auswalzen? Lest das Buch und schickt mir Tipps, wie ich in meinem E-Book die wichtigsten Infos markieren kann. Sonst wird das nichts mit dem zweiten Hagen-Krimi, weil ich immer wieder mit einem Grinsen im Gesicht in meinen E-Reader versinke. Ich habe nämlich noch niemals ein Buch gelesen, in dem ich manche der Personen kannte, das hat seinen besonderen Charme. 🙂

Ich fürchte, das ist dieses Mal ein etwas chaotischer Beitrag geworden, aber er passt irgendwie zum Buch, obwohl das gut aufgebaut und strukturiert ist und genau die richtige Mischung aus Unterhaltung, Nachdenklichkeit und Informationen enthält. Sagen wir also, mein Artikel passt zum Inhalt des Buches – und er passt zu der Zeit, in der es spielt. Also, was soll’s!

Natürlich war ich neugierig, wie Kai Havaii sein Buch aus der heutigen Perspektive sieht und habe ihm drei Fragen zum Buch gestellt, die er mir beantwortet hat. Vielen Dank dafür.

Wenn du „Hart wie Marmelade“ heute wieder liest, fragst du dich dann, ob du manches vielleicht weniger offen hättest schreiben sollen?
Nein, das habe ich noch nie gedacht. Es gab eben einige ungute Dinge in meiner Vergangenheit, aber die gehören halt auch zu mir und haben den Menschen, der ich jetzt bin, mitgeformt.
Das Buch soll ja auch Mut machen und zeigen, dass man sich auch aus sehr tiefen, dunklen Löchern wieder herausarbeiten kann. Und das funktioniert halt nur, wenn man auch klar sagt, was Sache war.

Welches Ereignis nach 2002, als die Geschichte im Buch endet, gehörte unbedingt in eine Fortsetzung?
Hm, ja, die eine oder andere Anekdote gäbe es da schon. Z.B., wie wir Ende 2002 bei einem grossen „NDW“-Festival in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle auftraten. An sich waren wir als heftige Live-Band sowieso schon etwas deplatziert unter all den Playback-Künstlern wie Markus und Peter Schilling. Aber als wir dann die Bühne enterten, kam es ganz dicke. Die Gitarrenverstärker funktionierten nicht, und während unsere Roadcrew hektisch versuchte, den Fehler zu finden, war unser Drummer Rolf gezwungen, ein gefühlt zehnminütiges Schlagzeugsolo zu improvisieren, um die Zeit zu überbrücken. Das Publikum, das auf eine bonbonbunte Mitklatsch-Hitparade eingestellt war, war ziemlich verstört.

Was ist anders, wenn du heute mit „Extrabreit“ auf der Bühne stehst und was ist genauso wie früher?
Wir waren früher sicher etwas nervöser, manchmal übermotiviert und das Zusammenspiel war sicher nicht so gut austariert, wie das jetzt der Fall ist. Wir sind ruhiger und abgeklärter und gehen musikalisch besser aufeinander ein. Interessant ist, dass diese grössere Abgeklärtheit aber keinen Energieverlust mit sich bringt – im Gegenteil: Die bessere Abstimmung macht das Spiel umso druckvoller.
Was sich gar nicht geändert hat, ist das Gefühl des Ausnahmezustands, wenn man auf der Bühne steht. Dort vergeht die Zeit ganz anders als im „normalen“ Leben. Irgendwie fühle ich mich da manchmal wie unter einer Glocke, in der die Zeit stillsteht. Selbst, wenn wir gefühlt zum 150.000sten mal „Kleptomanie“ oder „Hart wie Marmelade“ spielen, ist es live doch immer wieder anders und irgendwie neu. Diese Nummern sind ja z. T. nun um die 35 Jahre alt – aber es fühlt sich für mich nicht so an.

© 2015  für Text & Fragen: Birgit Ebbert, für die Antworten: Kai Havaii

Hier liest Kai Havaii den „Kaufhaussturm von Hagen“, den ich wie einen Film vor mir sah 🙂

Ach ja, hier gibt es Beweisfotos, dass ICH bei einem Extrabreit-Auftritt war 🙂

Und hier die Termine der Weihnachtsblitztournee, bei der man Kai Havaii und Extrabreit erleben kann
(ICH habe mir rechtzeitig eine Karte für den Werkhof in Hagen gesichert 🙂