(01.11.2019) Wenn ich in fremde Städte komme, führt mich mein Weg meist auf den Friedhof. Da war es klar, dass ich irgendwann auch dem Hauptfriedhof in Gotha einen Besuch abstatten würde. Mit dieser Angewohnheit bin ich übrigens nicht alleine, Reinhard Mey hat sogar ein Lied darüber geschrieben und ich kenne den einen und die andere, die auch gerne über Friedhöfe streift. Ich mochte das übrigens schon als Kind, wenn wir das Grab der Großeltern besuchten. Jedes Mal wollte ich die Geschichte des Bruders meines Vaters hören, der ebenfalls im Grab der Großeltern lag. Stehe ich heute vor fremden Gräbern, führen mich Namen, Daten, Inschriften oder Grabsteingestaltung entweder zur Erinnerung meiner Toten oder ins Reich der Fantasie. Am liebsten würde ich zu jedem Namen herausfinden, was der Mensch war, wovon er geträumt hat und wie sein Leben abgelaufen ist.

Geschichten vom Gothaer Hauptfriedhof

Der Hauptfriedhof in Gotha ist riesig, in einer Broschüre las ich, dass die Fläche ha umfasst. Man kann sich dort räumlich und gedanklich verlaufen. Ich bin nicht strukturiert über den Friedhof gegangen, das mache ich nie, aber als ob mich etwas dorthin gezogen hätte, bin ich bis zum Ende der Anlage gegangen. Dort, wo sich das Denkmal „Ehrendes Gedenken dem antifaschistischen Widerstand und den Opfern des Naziregimes 1933 bis 1945“ befindet. Das Denkmal für die „Helden des antifaschistischen Widerstandes“ stand von 1967 bis 2011 im Rosengarten zwischen Schloss Friedenstein und dem Herzoglichen Museum, es wurde 2011 zurückgebaut und auf dem Hauptfriedhof in der Nähe anderer Gedenk- und Ehrenmale neu gestaltet, wobei Elemente aus dem ursprünglichen Denkmal einbezogen wurden. Da das Denkmal frei steht, entfaltet es eine ungeheure Kraft und Mahnung wie auch die Kriegsgräber, die wir uns heute viel öfter ansehen sollten, um uns zu erinnern, wie gut es uns geht und welches Leid die Kriege im letzten Jahrhundert gebracht haben. Bei jedem Grabstein mit einem Todesdatum zwischen 1939 und 1945 habe ich mich gefragt, wie die Menschen umgekommen sein mögen, dabei hatte ich immer das Lied „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader im Ohr.

Gedanken über die Unumkehrbarkeit des Todes

Ja, es ist an der Zeit, sich Gedanken über den Tod und seine Wahrnehmung in unserer Gesellschaft zu machen. Ich dachte es kürzlich beim Betrachten eines Fernsehkrimis und vielleicht mag ich auch deshalb zur Zeit keine Krimis mehr schreiben. Die Lässigkeit, mit der in Medien getötet wird, macht mir Sorgen, und ich frage mich, ob dadurch der Tod nich verharmlost wird. Doch das führt mich weg vom Gothaer Hauptfriedhof, der mir auf verschiedene Weise vor Augen geführt hat, dass der Tod kein Funfaktor sein darf. Ich habe  auf keinem anderen Friedhof so viele Gräber und Erinnerungsstätten für Sternenkinder gesehen, Kinder, die tot zur Welt kamen oder nur wenige Stunden gelebt haben. Das hat mich sehr berührt. Vor Jahren habe ich bim Freundeskreis erlebt, wie schwer es war, für ein totgeborenes Kind ein Begräbnis und eine Erinnerungsstätte zu bekommen. Auf dem Hauptfriedhof in Gotha gibt es verschiedene Erinnerungsplätze, anscheinend ganz neu angelegt ist ein Sternengarten, in dessen Mittelpunkt das nebenstehende Zitat aus Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry steht.

Zur Geschichte des Hauptfriedhofs

Der Hauptfriedhof wurde in drei Bauabschnitten 1878, 1908 und 1920 errichtet, neben den nach der Inbetriebnahme entstandenen Gräbern, die teilweise aus der Anfangszeit stammen, finden sich dort auch einige Gräber von besonderen Persönlichkeiten, die zuvor auf den alten Friedhöfen begraben worden waren. Bereits 1878 wurde auch bereits das Krematorium in Betrieb genommen, am 10. Dezember fand die erste Einäscherung eines Menschen in Europa statt. An seinem ersten Todestag, er war am 10.12.1877 verstorben, wurde – wie er es im Testament vorgesehen hatte – Carl Heinrich Stier, Sachverständiger in der Planung des Krematoriums – eingeäschert. Da er zuvor bereits ein Jahr in einem herkömmlichen Grab gelegen hatte, ist er einer der wenigen Menschen, an denen sowohl eine Erd- als auch eine Feuerbestattung vollzogen wurde.

Gotha war mit dem Krematorium zu einem Vorreiter in Europa, der Ruf reichte soweit, dass Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner testamentarisch verfügte, dass sie in Gotha eingeäschert werden sollte. Bis heute steht die Urne zentral im Kolumbarium aus dem Jahr 1892. Gerade die Geschichte des Krematoriums fand ich interessant, weil es in Hagen ebenfalls ein sehr altes Krematorium gibt, das erste in Preußen, dessen Architektur von Peter Behrens innen und außen bis heute erhalten ist und sehr beeindruckt.

Über Inspirationen beim Friedhofsrundgang

In meinem Kopf rattert es – manchmal zu meinem Leidwesen – ständig, auch wenn ich über einen Friedhof gehe. Manchmal sind es Namen, die mich nicht loslassen oder die besondere Gestaltung eines Grabes oder Grabsteins. Auf dem Hauptfriedhof haben mich einerseits die zahlreichen Gräber von Kindern beschäftigt, so viele und so unterschiedliche habe ich nie zuvor gesehen. Daneben waren es ein Grabstein und ein Grabdenkmal, die mich gefesselt haben. Damit werde ich mich in Gotha sicher noch einmal beschäftigen, eher zufällig habe ich das Grab von Kurd Laßwitz gefunden, nach dem mein Stadtschreiber-Stipendium benannt ist. Die anderen Namen sagten mir nichts und nach prominenten Namen habe ich nicht extra gesucht, sondern mich von der Gestaltung treiben lassen. Dass ich vor allem alte Gräber fotografiert habe, für Menschen, die teilweise schon vor 50 Jahren oder früher verstorben sind, liegt an dem inneren Widerstand, jüngere Gräber zu fotografieren. Obwohl es auch da sehr schön gestaltete Grabsteine gab. Auf jeden Fall werde ich im November noch an einer Führung über den Hauptfriedhof teilnehmen, schon deshalb, weil ich noch nie an einer Friedhofsführung teilgenommen habe. Glaube ich zumindest, ich bin mir nicht sicher, weil ich in einem meiner Hagener Kurzkrimis eine Führung auf dem Hagener Buschey-Friedhof beschreibe. Da seht ihr, weshalb ich blogge, damit ich später nachlesen kann, was ich wirklich erlebt habe und nicht meine eigenen Geschichten für reale Erinnerungen halte. © Birgit Ebbert

Quellen

  • Hauptfriedhof Gotha mit einem Text von Martin Baumann aus „Historische Friedhöfe in Deutschland“. Flyer der Stadtverwaltung Gotha, o. J.
  • Vom „Alten Gottesacker“ … zum Hauptfriedhof. Ein Streifzug über die Friedhöfe der Stadt Gotha. Stadtverwaltung Gotha o. J.
  • 125 Jahre Feuerbestattung in Gotha. Jubiläumsfestschrift. Stadtverwaltung Gotha 2003
  • Infotafel zum Denkmal zum Gedenken dem antifaschistischen Widerstand und den Opfern des Naziregimes 1933-1945

Diese Fotos haben mich neugierig gemacht, bisher habe ich es aber nicht geschafft, mich damit zu beschäftigen, ob ich das in Gotha noch schaffe? Sonst nehme ich die Fragen mit 🙂