(02.09.2014) Fans von Henri Toulouse-Lautrec haben in Hagen seit dem 31. August eine Pole Position, sie müssen nicht nach Wien, Budapest oder New York fliegen – ein paar Schritte, ein paar Straßen, einige Bushaltestellen vom Wohnzimmer entfernt warten gut 200 grafische Werke des französischen Künstlers auf viele Besucher. Die Werke sind nämlich verwöhnt – an der Eröffnung der Ausstellung am letzten Sonntag nahmen rund 500 Besucher teil. Ein Besucherstrom, wie ich ihn seit der Eröffnung des Kunstquartiers vor fünf Jahren nicht mehr erlebt habe, zog sich die Treppe im Emil Schumacher Museum hinauf bis in die zweite Etage.

Selbst zwei Stunden nach der offiziellen Eröffnung war es in der übersichtlich und mit Pfiff gehängten Ausstellung so voll, wie ich es aus meiner Stuttgarter Zeit in der Staatsgalerie kenne. Es ist der Ausstellung, an der Kurator Rouven Lotz mit viel Liebe zum Detail gefeilt hat, zu wünschen, dass der Besucherandrang bis zum 25. Januar anhält.

Die Liebe zum Detail zeigte sich auch bei der „fulminanten“ Eröffnungsveranstaltung, wie es ein Besucher beschrieb. Dem Emil Schumacher Museum war es gelungen, den Experten für Henri Toulouse-Lautrec in Deutschland, Prof. Dr. Götz Adriani, als Gastredner zu gewinnen. Und er entpuppte sich nicht nur als Kenner Toulouse-Lautrecs, sondern auch als brillanter Redner, der es schaffte, selbst die rund 300 Gäste, die stehen mussten, mit seinem kurzen, aber informativen Vortrag zu fesseln.

Professor Adriani erinnerte an die Herkunft des gehandikapten Künstlers, der schon als Junge nach Wegen suchte, seine Behinderung durch besondere Fähigkeiten wettzumachen, und verwies auf die Ironie des Schicksals, dass der Name des alten französischen Adelsgeschlechts ausgerechnet durch den eher missliebigen Henri die Zeit überdauert hat. Dies erreichte der Künstler dadurch, dass er sich aus der Welt seiner Familie hinaus- in eine ganz andere Welt begab, die der seiner Familie entgegenstand.

Am Montmartre fand Toulouse-Lautrec eine Art zu Hause, was er den Menschen dort dankte, indem er ihnen in seinen Werken ein Denkmal setzte, vom Sänger Aristide Bruant über die Chansonette Yvette Gilbert bis zur Schauspielerin Sarah Bernhardt. Viel Geld hat ihm seine Kunst nicht eingebracht, die Plakate kosteten zwischen zwei und zwölf Franc, was etwa der Spanne von einem Cocktail und einer Flasche Champagner im Moulin Rouge jener Zeit entsprach.

Vermutlich ist es eben jenes Umfeld, das dem Künstler zum zweiten Zuhause wurde, das Toulouse-Lautrec auch heute noch so interessant für Museumsbesucher macht. Die Welt der Kunst und Unterhaltung, der Bar, der Bühne, des Zirkus‘, der ersten Fahrradrennen, der Pferderennen – eben jene Welt, die weit weg vom Alltag der meisten ist. Die Bilder versetzen einen in eine andere Zeit – bei der Ausstellungseröffnung ist das der Sängerin Marilyn Bennet ebenso gelungen. In wechselnden Kostümen bot sie Chansons dar, die man sich gut in den Etablissements, in denen Toulouse-Lautrec verkehrte, vorstellen konnte. Das Highlight war die Darbietung eines Chansons von Yvette Gilbert – wer die Augen schloss und nur der Stimme lauschte, wähnte sich im Paris des Künstlers.

Nachdem Oberbürgermeister Erik O. Schulz die Veranstaltung mit einem persönlichen Grußwort eröffnet hatte, schlug Musumsleiter Rouven Lotz am Ende der Matinee den Bogen zu Karl Ernst Osthaus, der zwei Grafiken von Toulouse-Lautrec besaß, wie sie auch in der Ausstellung zu sehen sind.

Eine rundum gelungene Veranstaltung, an der sicher auch der Künstler seine Freude gehabt hätte. © Birgit Ebbert

Zur Begrüßung von Henri Toulouse-Lautrec in Hagen gehört im Übrigen auch die Bemalung der Hausfassade neben dem Bunkermuseum mit einem Motiv des Künstlers. Dank Facebook konnte ich die Entstehung verfolgen, aber noch habe ich das Werk nicht live angeschaut. Hier werden Bild und Künstler nachgereicht.