(18.03.2015) Endlich war heute wieder das passende Wetter für einen Outdoor-Recherche-Ausflug. Gerade passend, denn täglich kann mein Manuskript mit den Ruhrgebietskrimis aus dem Lektorat kommen, das im Sommer erscheinen wird. Noch könnte ich also etwas ändern. Mal sehen. Unter uns: Abstruse Fundorte für Leichen habe ich auf dem Gelände der Henrichshütte in Hülle und Fülle gefunden.

Für mich ist das Industrieareal so etwas wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Wo man auch hinschaut, gibt es etwas zu entdecken, da stehen alte Eisenbahnwaggons und Loren, Treppen wollen erklommen werden – ok, für Menschen mit Höhenangst vielleicht nicht immer angenehm. Aber die finden auch auf dem Erdboden hinter jedem Überrest der ehemaligen Eisen- und Stahlhütte Sehenswertes, über dessen Bedeutung sich rätseln lässt. Und zwischendurch begegnen denen, die aufmerksam unterwegs sind auch schon mal Fledermäuse und Schmetterlinge und man hört Vögel zwitschern, als befände man sich mitten im Wald.

Die Natur wird ähnlich gewesen sein, als Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode 1854 hier seine Firma gründete. In wenigen Jahren wurde daraus ein riesiges Unternehmen, von dem das Gelände noch heute einen Eindruck vermittelt. Obwohl nicht mehr alle Gebäude stehen, allein die Weitläufigkeit und die Vielfalt der Gebäude, die betreten werden können, lassen das erahnen. Mitten in der Architektur und teilweise auch in den Maschinen des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich Einheiten, die über die Nutzung der Hütte und ihre Hintergründe informieren. Ein Teil der Gebäude wird für Ausstellungen genutzt, heute waren dort noch Stereoskopien über die Zeit des 1. Weltkriegs zu sehen. Faszinierend, was bereits vor 100 Jahren technisch möglich war und wie man als Betrachter in die fotografierte Situation durch den 3D-Effekt hineingezogen wird. Obwohl ich im letzten Jahr bereits einige Ausstellungen über den 1. Weltkrieg gesehen hatte, war das doch wieder ein neuer Zugang, der neue, lebensnahe Einblicke vermittelt hat.

Auch ein Teil der früheren Gebläsehalle steht für Ausstellungen zur Verfügung, derzeit werden dort Fotos gezeigt, die der Magnum-Fotograf Heinrich List auf dem Gelände der August Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn gemacht hat. Nach dem Rundgang über das Gelände war ich schon so voller Eindrücke, dass ich die Fotos nur noch rasch angeschaut habe, um einen kleinen Eindruck von der Arbeit in den 50er Jahren zu gewinnen.

Dafür habe ich dann aber in dem Restaurant gegessen, das in die Gebläsehalle hineingebaut wurde und von wo aus man einen interessanten Blick auf die alten Maschinen hat. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie ästhetisch die Industriegebäude im Ruhrgebiet vor über Jahren gebaut wurden. Völlig anders als die Fabriken, die ich heute kenne. Vielleicht kenne ich die ästhetisch ansprechenden auch nicht, das kann sein. Allerdings ist es auch eher selten möglich in heutigen Fabriken umherzustreunen wie auf dem Hüttengelände. Sehr gefallen hat mir im Übrigen die „blaue Ratte“, die einen bereits am Eingang begrüßt und durch das Gelände geleitet. In erster Linie bringt sie Kindern die Geschichte des Geländes verständlich nahe, aber so gut, dass man auch als Erwachsene gerne in die Hörsequenzen reinhorcht und die Pavillons erkundet.

Bestimmt habe ich noch etwas vergessen, es gab einfach viel zu sehen und zu fotografieren, zu lesen und anzufassen und ich habe fast alles erledigt. Nur auf den Hochofen bin ich nicht heraufgeklettert, weil der Aufzug gerade außer Betrieb ist. Aber ich war sicher nicht zum letzten Mal auf dem Gelände. © Birgit Ebbert

Fotos aus der Henrichshütte unter dem Motto „Beauty of Aging“ auf moment-aufnahmen.info
Weitere Informationen zur Henrichshütte   
Informationen über die Henrichshütte auf der Seite des Ruhr-Tourismus