(11.02.2015) Im letzten Jahr habe ich wieder in den Muttchen-Briefen von Erich Kästner gelesen – das hatte seinen Grund. Der Grund hat einen Namen: Herti. Herti Kirchner um genau zu sein. Doch in dem Brief, den Kästner heute vor 80 Jahren an seine Mutter schrieb, taucht sie nur als Herti auf: „Heute nachmittag waren Herti, Peter Francke u. ich im Grunewald spazieren.“ (zit. n. dem Originalbrief Kästners vom 11.2.1935, Literaturarchiv Marbach) Gibt man den Namen Herti Kirchner bei Google ein, wird gleich deutlich, dass sie zu ihren Lebzeiten interessanten Umgang hatte. Da wird auf den Film „Der Florentiner Hut“ verwiesen, in dem sie an der Seite von Heinz Rühmann die Hauptrolle spielte, und es wird der Verdacht geschürt, Erich Kästner hätte in der NS-Zeit womöglich unter ihrem Namen zwei Kinderbücher veröffentlicht. Wer jedoch nicht nach ihr sucht, begegnet ihr nirgendwo. Weder wurde in ihrer Heimatstadt Kiel eine Straße nach ihr benannt, noch erscheint sie in einem der Lexika über den Deutschen Film und die Filme in den 30er Jahren. Zumindest ist ihr Name mir dort nirgends begegnet und ich habe gründlich gesucht, seit mich Erich Kästner – posthum natürlich – mit ihr bekannt gemacht hat.

Herti Kirchner war eine der Freundinnen und vielleicht sogar eine der großen Lieben Erich Kästners. Genau wissen wir es nicht, weil seine spätere Lebensgefährtin Luiselotte Enderle seinen früheren Beziehungen nicht unbedingt großen Raum in ihren Veröffentlichungen über Kästner gegeben hat. Herti Kirchner taucht in der Bildmonographie von Rowohlt zum Beispiel nicht auf und auch in den Muttchen-Briefen sind die Anmerkungen über die junge Schauspielerin sehr reduziert. Doch das ist ein anderes Thema und wird Gegenstand eines späteren Artikels über Herti und Erich sein.

Mich hat Herti deshalb fasziniert, weil sie in einer Zeit, in der Frauen eher auf die Mutterrolle reduziert wurden, unbeirrt und sehr zielstrebig ihren Weg gegangen ist. Sie ist am 3. September 1913 in Kiel geboren, damals hieß sie noch Herta Kirchner, und am 1. Mai 1939, mit 25 Jahren also, in Berlin bei einem Autounfall gestorben. Ich hatte Gelegenheit, in ihrem Nachlass den Stapel an Nachrufen und Abdrucken der Presseinformation über ihren Tod zu sichten. Sie zeigen, dass Herti bei ihrem Tod am Anfang einer vielversprechenden Karriere stand und sicher heute neben Heinz Rühmann, Rudolf Platte, Werner Finckh, Luis Trenker, Magda Schneider, deren Filmpartnerin sie war, einen Platz in der Filmgeschichte hätte. Doch sie starb jung und ein halbes Jahr vor dem Krieg. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes 1945 hatte vermutlich niemand Zeit und Interesse, sich mit dem Leben einer jungen, aufstrebenden, aber verstorbenen Schauspielerin zu beschäftigen. Dabei ist ihr Leben ein Beispiel dafür, wie man seinen Traum erreichen kann, wenn man engagiert und mit der Vision vor Augen daran arbeitet.

Es ist nicht leicht, Informationen über Herti zu finden. Ein oder zwei Einträge in Filmdatenbanken verraten ihr Geburtsjahr und manchmal noch das falsche Todesdatum. Doch es war die Nacht zum 1. Mai 1939, in der sie alkoholisiert Auto fuhr und bei einem Unfall ums Leben kam. Eine Notiz, mit der Erich Kästner seine Sekretärin über den Tod informiert, und die Sterbeurkunde des Standesamtes Berlin-Wilmersdorf bestätigen diesen Termin. Mich hat schon fasziniert, dass Herti einen Führerschein hatte, wenn ich denke, dass meine Mutter erst Ende der 60er Jahre mit 30 die Fahrerlaubnis erwarb, ist das kein Wunder. Auch sonst war sie unglaublich fortschrittlich, spielte moderne Musik, von der ein Teil noch heute im Keller ihres Neffen steht, das Amtliche Fernsprechbuch für Berlin von 1936 weist einen Telefonanschluss zu „Kirchner – Herti, Schausp.“ aus, ihre Schreibmaschine gehörte zu den moderneren ihrer Zeit und für Ausflüge mit Erich Kästner ließ sie sich auch schon mal von ihrem Chauffeur im eigenen Auto fahren. Wie gesagt, sie war 25 Jahre alt, als sie starb!

Bis dahin hatte sie in über 20 Filmen mitgespielt, zig Rundfunkaufnahmen gemacht, in Fernsehsendungen mitgewirkt und sie war mit Heinz Rühmann in seinem „Mustergatten“ auf Tournee und in dem später verbotenen Berliner Kabarett „Tingel-Tangel“ aufgetreten. Daneben hat sie zwei Kinderbücher geschrieben, die im Stil den damals bereits erschienenen Büchern Kästners ähneln, allerdings so autobiografisch gefärbt sind und eben doch eine derart andere Sprache haben, dass man sich nur wundern kann, dass ihm diese beiden Bücher („Lütte“ und „Wer will unter die Indianer“) zugeschrieben werden. Ich habe die handschriftlichen Originalmanuskripte gesehen sowie einige ihrer Kurzgeschichten und vor allem ihre Briefe an Vater, Bruder und Tanten gelesen. Sie zeigen, dass Herti gerne und viel geschrieben hat. Sie hat Erich Kästner schon als Teenager verehrt, das schreibt sie in einem ihrer Briefe und das erwähnt er in einem seiner Schreiben an die Mutter. Ist es da verwunderlich, dass sie sich von seinen Geschichten hat inspirieren lassen. Davon abgesehen, so viele spannende Bücher für die Altersgruppe gab es Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre nicht. Nicht umsonst hat die Verlegerin Edith Jacobsohn Erich Kästner um einen Roman für Kinder gebeten. Hätte sie täglich Manuskripte auf dem Schreibtisch vorgefunden, wäre das wohl kaum nötig gewesen.

Ich merke gerade, dass das, was ich inzwischen über Herti weiß, doch einen Blogbeitrag sprengt. Das wird wohl eine Serie werden mit einem Bericht über meinem Tag mit dem Nachlass, über Hertis Filme, Briefe, Bücher, über ihre Begegnungen und ihre Beziehung zu Erich Kästner natürlich. Vielleicht wird das Ganze später ein E-Book oder eine kleine Biografie, wenn ein Verlag daran Interesse hat. Falls ihr also Tipps habt, wo ein Buch über Herti Kirchner passen könnte, freue ich mich über jeden Hinweis. Bis dahin entziffere ich weiter ihre Briefe, freue mich darüber, was ich Neues über das Leben in Berlin in den 30er Jahren, die Filmbranche und Erich Kästner erfahre und träume davon, einen Roman über Hertis kurzes, aber hochspannendes Leben zu schreiben. Man muss sich Ziele setzen! © Birgit Ebbert

Das Foto von Herti Kirchner stammt aus dem Nachlass und ist ein Privatfoto, das sie in ihrer Wohnung zeigt. Die Fotos der Zeitungsartikel stammen von mir.