Werk von Reinhard Alexander HilkerSeit ich mich mit Hagener Künstlern beschäftige, ist mir der Name Hilker begegnet. Zuletzt übrigens – kleiner Werbeblock 🙂 – bei der Recherche für mein Stadtgespräche-Buch. Als ich nun zur Eröffnung einer Ausstellung mit seinen Werken ins Rote Haus eingeladen wurde, habe ich gleich zugesagt. Und habe es nicht bereut, soviel kann ich vorwegnehmen. Sowohl die Kunstwerke und ihre Vielfalt haben mich sehr angesprochen und die Einführung von Petra Holtmann war genau so, wie ich es liebe: kurz und knapp mit den wichtigsten Informationen und dem ein oder anderen Aha-Erlebnis.

Die persönliche Geschichte von Reinhard Hilker

Petra Holtmann über Reinhard HilkerFür mich fing die Überraschung schon bei Hilkers Geburtsjahr an – er ist nämlich der gleiche Jahrgang wie Erich Kästner, was mir die historische Einordnung der Lebendaten natürlich erheblich erleichterte. Das Leben von Reinhard Hilker fing sicher gut an, das schließe ich daraus, dass seine Eltern sich vor über 100 Jahren sehr für eine gute Ausbildung eingesetzt haben, nachdem er mit fünf Jahren, 1904 also, nach einer Hirnhautentzündung taub wurde. Ich betone die Jahreszahl deshalb so, weil ich aus den Schilderungen meiner Eltern Fälle kenne, in denen behinderte Familienmitglieder in Hinterzimmern gehalten wurden. Das eben haben Hilkers Eltern nicht getan, sondern sie haben ihn auf eine der wenigen Taubstummenschule in Deutschland in Soest geschickt. Auf Empfehlung der dortigen Lehrer wurde er 1915 in der Hagener Malerschule angemeldet, wo zeitgleich auch der Bildhauer Will Lammert lernte.

Die Entwicklung des Zeichentalents

Zeichnung von Reinhard HilkerHilker war also nicht zur zeichnerisch begabt, er lernte die Fertigkeit auch von der Pike auf und war sicher froh zu hören, dass der Direktor der Malerschule, Richard Köpke nicht nur sein Talent allgemein lobte, sondern – wie Petra Holtmann anmerkte – ausdrücklich das Talent zur Karikatur. Denn das Zeichnen von Karikaturen war sein großes Ziel, seit er 1919 im Folkwangmuseum eine Ausstellung von Lyonel Feininger gesehen hatte, der ein erfolgreicher Karikaturist war, ehe er ein berühmter Maler wurde. Hagen war zu jener Zeit ein guter Ort, um sein Kunsttalent zu entwickeln. Nicht nur, dass es im Folkwangmuseum solche Ausstellungen gab, Karl Ernst Osthaus, den Hilker im Hohenhof besuchte, brachte Künstler aus aller Welt in die Stadt und förderte junge Talente mit Aufträen. Schließlich lebte und arbeitete im Folkwangmuseum Christian Rohlfs, mit dem Hilker einen regen Austausch hatte. Obwohl Hilker nach Abschluss der Malerschule eine Stelle als Reklamezeichner fand, verließ er die Stadt, um sich weiterzuentwickeln. Das Zeichnen von Werbung unterforderte ihn und ließ ihm keinen Raum für seine künstlerischen Vorstellungen.

Hilker am Bauhaus in Weimar

Surrealistische Figuren Wohin sollte ein talentierter junger Mann in jener Zeit schon gehen, um sich weiterzuentwickeln? Natürlich ans Bauhaus in Weimar. 1919 meldete er sich dort mit seinem Freund Heinrich Brocksieper an und konnte dank mehrerer Stipendien, die ihm Walter Gropius verschaffte, eine Zeit lang studieren. Er besuchte den Vorkurs beim Bauhausmeister Johannes Itten und Kurse bei Lyonel Feiniger, seinem großen Vorbild. In der Druckwerkstatt am Bauhaus entstanden Holzschnitte, die auch in der Ausstellung im Roten Haus zu sehen sind. Die Chancen für eine Malerkarriere standen also durchaus gut, allerdings sah es um die Finanzen weniger gut aus. Hilkers Eltern verweigerten ihm jegliche Unterstützung für eine künstlerische Laufbahn, sodass Hilker das Studium schon 1920 nicht fortsetzen konnte. Er kehrte zurück nach Hagen.

Zurück in Hagen

Skizzen der Hagener KünstlerIn Hagen nutzte Hilker die Möglichkeiten, die sich hier boten, immerhin stand die Stadt dank Karl Ernst Osthaus in einem guten Ruf und viele Künstler siedelten sich, wenn auch nur zeitweise, hier an. Dank seiner Kontakte zu Rohlfs und Osthaus hatte er schon bald nach der Rückkehr eine erste Ausstellung mit seinen kubistischen Holzschnitten im Folkwangmuseum. Dadurch wurde man auch überregional auf ihn aufmerksam, sodass weitere Ausstellungen, teilweise zusammen mit August Macke oder Wilhelm Lehmbruck, folgten. Der berühmte Galerist Alfred Flechtheim kaufte seine Werke, er wurde Mitglied in der Künstlergemeinschaft „Der Fels“ in Passau und gründete zusammen mit dem Bildhaus Karel Niestrath den Hagenring. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, das hat mich nun besonders beeindruckt, gründete er einen Verlag und druckte Heimatpostkarten mit „Hagener Köpfen“. In den 20er Jahren wohlgemerkt, lange vor Print-on-demand, Photoshop und Co.

Der Anfang der Vergessenheit

Und dann traten die Nationalsozialisten auf den Plan. Für mich ist es erstaunlich, dass ausgerechnet ein gehörloser Mensch sich früh der Partei anschloss, im Juli 1933 wurde Hilker zum Leiter und Kassenwart der Ortsgruppe Hagen des „Reichsverbandes bildender Künstler“. Petra Holtmann wies in ihrer Einführung darauf hin, dass diese Parteinähe für ihn jedoch nicht zu Ruhm und Aufträgen geführt hat. Lediglich einen öffentlichen Auftrag von seiner ehemaligen Schule in Soest hat er ihrer Recherche nach bekommen. Stadthistoriker Dr. Ralf Blank hielt bei Facebook dagegen, da werde ich nachhaken, das interessiert mich natürlich. Seinen Lebensunterhalt verdiente Hilker sich in jener Zeit mit Maler- und Anstreicherarbeiten un von 1939 bis 1943 hatte er eine Stelle als Musterzeichner bei einer Stoffdruckerei in Hohenlimburg.

Angehörige von Reinhard Hilker
von l. n. r. Ehepaar Schmidt, H. Hilker, P. Holtmann, C. Schmidt

Nach dem Krieg knüpfte er an die Erfolge seiner Heimatpostkarten an und fertigte Linolschnitte über Hagen, die sich gut verkauften. In manchen Häusern in Hagen werden sich „Junges Hagen“, „Altes Hagen“ oder „Gemütliches Hagen“ noch heute finden. Auch arbeitete er als Illustrator für die Westfalenpost, vor allem aber widmete er sich seinem künstlerischen Spätwerk, vor allem surrealistische Bilder, die Menschen und Tiere überzeichnen und vielfach spielerisch wirken. Aus farbigen Wolken werden Gesichter, die den Bildern eine fröhliche Note verleihen. Und die „Nasenmenschen“ stellt Petra Holtmann sogar in die Nähe von Dali, weil sie langgestreckt und vogelartig wirken. Und sie haben keine Ohren, was für einen Gehörlosen logisch erscheint, aber mich doch verblüfft hat. Obwohl Hilker in der Nachkriegszeit wie auch in seinen Jahren am Bauhaus außergewöhnliche Werke geschaffen hat, ist er heute in der Kunstwelt ziemlich vergessen. 2009 wurde ein Holzschnitt im Zusammenhang mit einer Retrospektive über das Bauhaus ausgestellt, aber hier in Hagen kennen viele vielleicht seine Hagen-Mappen und manche wissen vermutlich nicht einmal, von wem die Bilder darin stammen. Vielleicht ändert die Ausstellung im Roten Haus, bei der Angehörige Hilkers anwesend waren, die auch einen großen Teil der Exponate beigesteuert haben, etwas daran. Ich jedenfalls freue mich, dass ich nun ein Bild von diesem Künstler habe und damit wieder etwas mehr über die Kunstvergangenheit Hagens weiß. © Birgit Ebbert

Die Ausstellung ist vom 8. Juni 2016 bis zum 12. Mai 2017 im Roten Haus, Grabenstraße zu sehen. Öffnungszeiten. Montag bis Freitag 9.00 bis 17.00 Uhr.

Weitere Informationen zu Werk und Künstler: Petra Holtmann M. A., Ardenku-Galerie & Ardenku-Verlag

Informationen zum Roten Haus und Besichtigung der Ausstellung: Kunst im Roten Haus von Stahl Krafzik & Partner mdB