(28.01.2015) Seit einigen Wochen begegnen mir in meiner Timeline bei Facebook immer wieder ähnliche Schwarz-Weiß-Bilder, Menschen unterschiedlichen Alters, die eine Hand vor das Gesicht halten und einen durch die Hand hindurch ansehen. „Hinsehen“, steht darunter. Schon war ich vom Neugier-Virus befallen. Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, die Fotografin Beba Ilic, die hinter dem Projekt steht, bei der Arbeit zu beobachten und mit ihr darüber zu sprechen, was es mit den Fotos auf sich hat – ein dank auch an den Künstler Nuri Irak, der gerade dort war, dass ich ihn mit aufs Foto nehmen durfte .

Die Geschichte des Projektes reicht zurück bis in Bebas Kindheit. Damals hat sie miterlebt, wie ein Kind mitten auf einer Kreuzung zusammenbrach und sich keiner der Erwachsenen darum gekümmert hat. Das Erlebnis hat sie sensibel gemacht für ihre Umwelt und sie hat begonnen, genauer hinzusehen. In der letzten Zeit hat sie ähnliche Erfahrungen wieder öfter gemacht und beschloss, eine Foto-Idee, die ihr im Kopf herumschwebte, für ein Projekt „Hinsehen“ zu nutzen, um die Menschen zu sensibilisieren.

Als eine Art Kick-off des Projektes fotografierte Beba im November 2014 zwölf unterschiedliche Menschen und teilte die Fotos bei Facebook. Damit löste sie eine Welle der Aufmerksamkeit aus, die immer größer wird, sodass sie inzwischen kaum nachkommt, die Interessenten zu fotografieren und die Fotos zu bearbeiten. Das braucht schließlich Zeit, auch wenn viele im Zeitalter von Smartphone-Fotos meinen, ein Foto sei doch schnell gemacht. Auf den Auslöser zu drücken, ist nicht das Zeitraubende. Es ist aber nicht leicht, die Vorlagen für das Fotowerk, das am Ende veröffentlicht wird, zu erstellen. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe mich auch fotografieren lassen. Für eine Zappelphilippa wie mich eine Herausforderung. Man muss nämlich über längere Zeit den Kopf still halten, damit die Fotos bei der Bearbeitung exakt übereinander passen. Und dann kann es noch passieren, dass während des Fotografierens plötzlich der Pulloverärmel hochrutscht und wieder nicht alles passt. Ich bewundere Beba, dass sie die Geduld aufbringt, immer noch eine neue Pose aufzunehmen und von neuem anzufangen, wenn der Kopf doch gewackelt hat.

Sie würde bestimmt sagen, dafür muss man niemanden bewundern und sie hat Recht, bewunderungswürdig ist in erster Linie ihr Engagement. Das Fotoprojekt „Hinsehen“ ist nur ein Teil ihres Einsatzes für Menschen, Tiere, Umwelt – für die Welt eben. Beba sieht hin und mischt sich ein, wenn sie es für notwendig hält. Ihr ist aber auch klar, dass es nicht reicht, wenn einer oder zwei hinsehen und versuchen, etwas zu ändern. Deshalb will sie mit ihrem Projekt alle Menschen dazu anregen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, hinzusehen und nicht wegzusehen, wenn jemand auf der Straße liegt, wenn ein Tier misshandelt wird, wenn Müll herumliegt. Letztlich ist es Zivilcourage, die sie einfordert. Nur wenn alle daran mitwirken, mahnt sie, kann die Welt lebenswert für alle sein.

Manchmal denke ich, dass wir, seit wir „fernsehen“ viel zu wenig „nahsehen“. Mit ihrem Projekt „Hinsehen“ erinnert uns Beba daran, wie wichtig es ist, in der Nähe hinzusehen und sich einzumischen, damit die nahe und weite Welt für alle Menschen lebenswert bleibt und wird.

Nach dem Abitur und einer beruflichen Findungsphase außerhalb Hagens hat Beba sich entschieden, eine Ausbildung zur Fotografin zu absolvieren. Drei Jahre lang schaute sie den Fotografen im Fotostudio Kühle über die Schulter und beschäftigte sich nebenher intensiv mit ihrer Kamera und deren Möglichkeiten. Seit 2007 ist sie selbstständig, einer ihrer Schwerpunkte ist die Produktfotografie, doch darüber hinaus arbeitet sie an eigenen Projekten wie aktuell der Aktion „Hinsehen“, mit der sie sich übrigens gleich doppelt engagiert. Sie mahnt die Gesellschaft genauer hinzusehen und sie sammelt Spenden für Institutionen in Hagen, die genau dies tun, hinsehen und helfen. Dazu werden in jedem Fall die Suppenküche und das Tierheim gehören, welche Institutionen sonst noch bedacht werden, hängt auch von der Spendenbereitschaft der Menschen, ab die sich haben fotografieren lassen. Da fällt mir ein, dass ich nicht nach der Kontoverbindung gefragt habe, das hole ich gleich nach. © Birgit Ebbert

Kontakt zu Beba Ilic kann man aufnehmen über ihre Internetseite www.bebafoto.de und über Facebook