(03.07.2014) Ich gebe zu, es war etwas merkwürdig, auf einer Nordseeinsel von Toten im Gletscher und Klettertouren zu lesen. Aber ich hatte mir vorgenommen, die beiden Krimis „Hirschgulasch“ und „Rehragout“ von Lisa Graf-Riemann und Ottmar Neuburger in einem Rutsch zu lesen und das kann ich nur auf der Insel. Also habe ich mich eben nicht auf die Bank am Meer, sondern in den Strandkorb im Hotelgarten oder die Bank im Kurpark zurückgezogen und geschmökert.

Mit der Meeresbrise um die Nase ist mir der Einstieg nicht leicht gefallen, aber dann haben mich doch die Story und die Figuren gefesselt. Die Fabrikarbeiterin Luba mit ihrem Motorrad, ihrer Schatzkarte und ihrem Engagement für die Strahlenopfer. Der Hubschrauberpilot Wiktor, der seinen Lebensunterhalt mit Strahlenschrott mehr recht als schlecht verdient. Die Historikerin Marjana, die schon weiß, dass die Tage ihres Arbeitgebers gezählt sind. Und natürlich Leni Morgenroth, die eigenwillig Kommissarin mit den unzähligen Talenten, einer guten Spürnase und einem großen Herzen für gestrandete Ukrainer.

Im ersten Band „Hirschgulasch“ machen sich Luba, Wiktor und Marjana auf den Weg nach Berchtesgaden um den größten Schatz der Welt zu suchen und zu heben. Das ist nicht ganz ungefährlich, denn von dem Kuchen möchten auch andere etwas abhaben. Schon bald werden sie des Mordes verdächtigt und müssen sehen, wie sie aus dieser Situation herauskommen.

Dass sie das schaffen würden, wusste ich vor Beginn der Lektüre, denn sonst hätte es die Fortsetzung „Rehragout“ kaum gegeben. Zum Glück hat mir Lisa Graf-Riemann empfohlen, zuerst „Hirschgulasch“ zu speisen – äh, lesen und mich dann über das „Rehragout“ herzumachen. Deshalb weiß ich auch nicht, ob man den zweiten Band auch solo genießen kann. Hintereinander weggelesen macht die Lektüre Spaß, vor allem, weil man sich ständig fragt, was denn nun mit dem Schatz geschieht, ob die Bösen davon kommen und was mit den Halbbösen sein wird.

Da ich vor einigen Jahren in Berchtesgaden Bekannte besucht habe, konnte ich mir bei den detaillierten Ortsbeschreibungen manches direkt vorstellen. Allerdings waren mir als Fremdling manche Beschreibungen zu genau, aber das ist sicher Geschmackssache.

Interessant fand ich die Rahmenstory rund um die Folgen eines Reaktorunfalls, nun bin ich gar nicht sicher, ob Tschernobyl erwähnt wird, oder ob ich als Leser nur die Assoziation bekommen soll. Da sieht man mal, wie Fiktion und Wirklichkeit durcheinander geraten.

In jedem Fall eine schöne Urlaubslektüre – nicht nur, aber vor allem für jene, die einen Urlaub im Berchtesgadener Land planen.

Mich hat interessiert, wie Lisa Graf-Riemann und Ottmar Neuburger auf die Idee für die Bücher kamen und ob es eine Fortsetzung gibt. Vielen Dank an die beiden für ihre Antworten zu meinen drei Fragen, die eigentlich vier sind:

1. Weshalb kennt ihr euch in den Bergen und im Berchtesgadener Land so gut aus & wie kamt ihr dazu, die Themen Goldschatz der Nazis und Folgen eines Reaktorunfalls miteinander zu verbinden?
Wir leben seit fast 7 Jahren hier und haben uns die Gegend intensiv erwandert und wir sind immer noch nicht durch damit, es gibt noch vieles zu entdecken. Ein Ergebnis der ersten 5 Jahre ist unser Buch „111 Orte im Berchtesgadener Land, die man gesehen haben muss“, das 2012 im Emons Verlag erschienen ist, mit über 100 eigenen Fotos. Ein Hörbuch mit 11 der 111 Orte gibt es inzwischen auch.
Die erste Inspiration zu der Geschichte hatte wir auf einer langen Wanderung. Mein Co-Autor erzählte mir die Geschichte eines Schatzfundes auf den Philippinen, von dem er in der Zeitung gelesen hatte, und ich hatte die Idee, ihn genau hier passieren zu lassen, wo zu Kriegsende ja tatsächlich z.B. ein Eisenbahnwaggon voll mit wertvollen Gemälden und anderen Gegenständen im Tunnel vor dem Berchtesgadener Hauptbahnhof liegen geblieben war. Der Obersalzberg als Teil Berchtesgadens, die Bunkeranlagen, all das passte in die Szenerie. Zur Verknüpfung mit Tschernobyl inspirierte uns ein Blog einer Kiewerin, die jedes Jahr mit dem Motorrad durch die Sperrzone um den havarierten Reaktor fährt und die Veränderung der Landschaft und der menschlichen Siedlungen dokumentiert. So kam eines zum andern.

2. Wie muss ich mir die gemeinsame Arbeit an den Krimis vorstellen?
Bei uns sieht sie so aus, dass wir zusammen am Plot arbeiten – und das ist bei uns meistens work in progress, da wir beide eher intuitive Schreiber sind und nicht alles vorher bis ins Kleinste planen. Da gibt es immer viel Raum für spontane Änderungen und Überraschungen. Und wir schreiben beide. Wir verteilen die Szenen nach gewissen Vorlieben für Personen und Themen und tauschen dann das Geschriebene aus und redigieren uns gegenseitig. Auf diese Weise entsteht ein ziemlich einheitlicher Stil. Wir selbst wissen schon noch genau, wer von uns welche Szene geschrieben hat. Die LeserInnen erkennen es – hoffentlich – nicht mehr.

3. Wird es eine Fortsetzung der Geschichte geben?
Im Moment ist keine Fortsetzung geplant. Wir arbeiten beide an eigenen Romanen. Aber das Zusammenschreiben hat schon einen starken Zauber. Bei uns hat das  zweimal gut funktioniert und ich habe schon das Gefühl, dass das Beste von uns beiden in beiden zusammen geschriebenen Romane eingeflossen ist. Sicher gibt es irgendwann eine Fortsetzung des gemeinsamen Schreibens. Ob es mit derselben Geschichte und denselben Personen irgendwann doch weitergehen wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Lassen wir uns überraschen.