(17.02.2015) Wie ich es geweissagt habe, stand ich am Samstag um 11.00 Uhr vor der Jahrhunderthalle in der Schlange der Menschen, die eingelassen werden wollten, um den Historischen Jahrmarkt zu besuchen. Aber das ist das Schöne am Autorendasein, Recherche ist immer und überall. Aber das ist ein anderes Thema. Mein erster Gang führte mich natürlich zu Susanne Fredebeul mit ihrem Karussell und Robert Birk mit seinen Flöhen, auf die ich mich schon sehr gefreut hatte – auf Susanne und Robert, nicht auf die Flöhe, um Missverständnissen vorzubeugen. Klar, dass ich mich verquatscht habe, aber ich habe auch neue Kontakte geknüpft.

Es kam nämlich der Vogel-Jockel mit seinem Stand vorbei. Naja, Stand ist übertrieben, ein Wagen war es, an dem ein Schild befestigt war „Nachtigall-Flöte“. Er kam auch nicht schweigend vorbei, sondern gab dabei Töne eines Vogels von sich, die mich schlagartig in meine Kindheit versetzten. Und das ist es, was mich an dem Historischen Jahrmarkt fasziniert, es treten Erinnerungen zu Tage, die sonst vielleicht ewig verschüttet gewesen wären. Ich habe meine Mutter gefragt, sie konnte sich daran erinnern, dass mein Vater ebensolche Nachtigall-Flöte besessen hat, als ich im Kindergartenalter war.

Das ist die Nachtigall-Flöte – kommt sie euch bekannt vor?

Natürlich habe ich den Vogel-Jockel, der mit richtigem Namen Jürgen Gessel heißt, sofort ausgehorcht. Seit sechs oder sieben Jahren nimmt er mit seinen Nachtigall-Flöten an Veranstaltungen wie dem Historischen Jahrmarkt teil, er ist aber auch auf dem Hamburger Fischmarkt zu finden, bei Roncalli oder der Hanse-Sail – überall dort, wo man ihn einlädt und wo historische Jahrmarktelemente gefragt sind. Bis zu seiner Rente war der Vogel-Jockel als Kupferschmied bei Blohm + Voss tätig und häufig auf Montage, weshalb es ihm schwer fiel, im Ruhestand nur zu Hause zu sitzen. Eher zufällig lernte er die Nachtigall-Flöte kennen. Sofort hat er sich daran gemacht, herauszufinden, wer die Flöten herstellt und die Enkelin des Vogel-Jakob (nicht des Vogel-Jakob vom Oktoberfest!) kennengelernt. Jenes Vogel-Jakobs, der bereits in den 50er Jahren diese Flöten verkauft hat und von dem mein Vater seine also vermutlich hatte. Von der Enkelin bekommt er nun diese merkwürdigen Dinger, von denen er selbst nicht weiß, wie sie hergestellt werden. Ich habe sie meine Mutter beschrieben als so etwas wie ein halbes kleines Metallrädchen mit Papier oder etwas Ähnlichem dazwischen. Sie hat mich sofort verstanden, aber vielleicht nur, weil ich erzählte, dass man damit Vogelstimmen erzeugen kann.

Nachdem ich so munter fast zwei Stunden verquatscht hatte, habe ich mich endlich an den Rundgang gemacht. Aber schon beim Dosenwerfen bin ich wieder hängen geblieben. Der Stand war im letzten Jahr noch nicht da, meinte ich. Und hatte recht, im letzten Jahr hat Andrea Kugel mit einem „Schießwagen“ am Historischen Jahrmarkt teilgenommen, der allerdings jetzt gerade auf der Bottroper Karnevalskirmes steht. Gut für mich, sonst wäre ich nicht mit Andrea Kugel ins Gespräch gekommen. Sie ist nämlich ebenfalls eine Reingeschmeckte in der Schaustellerbranche, seit sie mit Ulrich Schmidt aus Essen zusammen ist. Das Schöne an diesem neuen Leben ist für sie, dass sie nicht jeden Tag das Gleiche tut, was auch in ihrem Hotel-Job vorher schon nicht der Fall war, aber so spannend wie auf Kirmes und Jahrmarkt war selbst die Tätigkeit nicht. Und da die Familie ihren Schwerpunkt im Ruhrgebiet hat, hält sich die Reiserei sogar noch in Grenzen.

Der Dosen-Wurf-Stand ist übrigens alt wie alle Fahrgeschäfte auf dem Historischen Jahrmarkt, er wurde jetzt erst nach einem alten Foto wieder restauriert und den Dosen sieht man noch an, dass sie schon seit langem ein Dasein in der Bude fristen. Der Stand hat übrigens auch einen Namen: „Piff Paff Puff“, auch den hat er nicht erst heute bekommen, sondern trägt ihn seit mindestens 50 Jahren. So genau lässt sich das nicht mehr belegen. Aber auf das einzelne Jahr kommt es ja auch nicht an, wichtig ist doch ohnehin, dass man die Dosen trifft. Ob Landtagspräsidentin Carina Gödecke (siehe Foto) Dosen geworfen hat, weiß ich nicht, auf jeden Fall ist sie Raupe gefahren, hat den Flohzirkus besucht und den Historischen Jahrmarkt als Schirmherrin offiziell eröffnet.

Schweren Herzens habe ich mich nach fünf Stunden verabschiedet, um zu Hause festzustellen, dass ich doch noch einige Schausteller vom letzten Jahr auf meiner Interviewliste hatte. Ohhhh! Da muss ich glatt noch einmal hin oder zweimal und zum Steampunk-Jahrmarkt ja ohnehin. Welch ein Glück, dass der Weg bis Bochum nicht weit ist. Wir sehen uns! © Birgit Ebbert
Das Beweisfoto mit Flohzirkus-Direktor Robert Birk rechts stammt von Wilfried Junge.

Weitere Informationen: www.jahrhunderthalle-bochum.de &  Historische Gesellschaft deutscher Schausteller

Fotos vom Aufbau für den Historischen Jahrmarkt 2015

Fotos vom Historischen Jahrmarkt 2014 auf www.moment-aufnahmen.info & im Fotoblog Kultur & Ruhr