„Der Selbstfahrer“ von Richard Müller aus Essen

(16.02.2014) Fast hätte ich den Historischen Jahrmarkt in der Jahrhunderthalle in Bochum wieder verpasst. Zum siebten Mal. Ich erinnere mich genau daran, dass ich 2008 von dem Event las und keine Zeit hatte. Dank Facebook wurde ich rechtzeitig daran erinnert. Auf dem Weg nach Borken habe ich in der Jahrhunderthalle Rast gemacht und einen interessanten Vormittag voller Jahrmarktgeschichten erlebt.

Mein Kopf und mein Notizbuch sind noch immer so voller Eindrücke, dass ich nicht weiß, wo ich beginnen soll. Am besten mit dem Fazit: Wer heute noch Zeit hat, nach Bochum in die Jahrhunderthalle zu fahren, sollte das tun. Und er sollte sich nicht damit begnügen, die alten Fahrgeschäfte auszuprobieren, sondern nach dem Marktgendarm Ausschau halten.

„Evas Fahrt ins Paradies“ der Familie Schleifer aus Füssenich

In dieser Rolle ist der Wiener Schauspieler Rudolf Pogats auf dem Markt unterwegs, um Besucher durch die Ausstellung zu führen und ihnen Geschichten zu den historischen Attraktionen zu geben. An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an Rudi Pogats, ich musste leider um 15.00 Uhr in Borken sein und deshalb auf einige Geschichten verzichten. Mein Kopf schwirrte allerdings schon nach den Geschichten, die ich erfahren habe, über den Floh an sich und seine artistischen Fähigkeiten, über die älteste Berg- und Talbahn mit vier Bergen der Welt, die Jahrmarktsorgeln und das Gauklergewerbe, die russische Schaukel und die Arzthelferin, die sich mit einem Kinderkarussell einen Lebenstraum erfüllte. All diese Geschichten verdienen einen Extra-Blogbeitrag und diese folgen in den nächsten Wochen.

Der „Flohzirkus“ von Familie Birk aus Pörnbach

Wer sich nicht für Geschichten interessiert, sondern nostalgische Momente sucht, kommt genauso auf seine Kosten. Ob im Kettenkarussell oder in der Geisterbahn, im „Selbstfahrer“, der in meiner Jugend schon Autoscooter hieß, oder in der Raupenbahn, die genauso aussah wie die „Raupe“ von der Kirmes meiner Kindheit. (Für die Borkener: Sie hatte ihren Platz immer dort, wo jetzt das Gebäude steht, in dem Kleen und die Apotheke untergebracht sind.)

Sehr schön fand ich, dass sowohl die Vorführungen des Jahrmarktkünstlers Gilbert, die mir einen ganz besonderen Erinnerungsflash verschafft haben, als auch das Kasperltheater auf riesigen Zuspruch stießen.

Kinderkarussell der Familie Fredebeul aus Ahlen

Mein persönliches Highlight aber war der Flohzirkus. Der Besuch war eine Premiere. Gelesen und gehört hatte ich schon oft davon, aber noch niemals einen Flohzirkus besucht. Und nun hatte ich sogar Gelegenheit, mit dem Flohzirkus-Direktor zu sprechen (Artikel folgt) und vorher einen der „Artisten“ in Augenschein zu nehmen.

In der zehnminütigen Vorstellung war dann zu sehen, wie diese Flöhe Kutschen zogen, Tore schossen und Platten hievten, die ein Vielfaches ihres Körpergewichts betrugen. Ganz ehrlich: Bis gestern dachte ich, ein Flohzirkus sei ein Märchen. Ich wurde eines Besseren belehrt.

„Gaukler“ Gilbert Jakubczyk-Liberman

Natürlich kommen auch diejenigen auf ihre Kosten, die ihr Geschick und ihr Können austesten möchten, das ist ja klar. Eine Schießbude, die um ca. 1800 erbaut wurde, lädt wie in alten Zeiten zum Schießen auf Blumen ein, Kinder können Enten fangen und auch das Ringe werfen erfolgt an einem Stand, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne. Sicher habe ich die eine oder andere Attraktion vergessen, es gab einfach so viel zu sehen. Da war noch das Armbrustschießen, fällt mir ein, und das Spiegellabyrinth „Land des Lächelns“, die Schiffsschaukel, das „Looping the Loop“, das ich als Stehkasten-Schaukel bezeichnen würden, ein Stand, an dem man sich wie in alten Zeiten in Kostümen aus alten Zeiten fotografieren lassen konnte, natürlich mehrere Karussells, ein „Hau den Lukas“, ein Porträtist, ein Wahrsager, viele alte Zugmaschinen – für die Autofreaks – und witzige Details, die vor allem die Herzen von Fotografen höher schlagen lassen. Und natürlich Stände, an denen für das leibliche Wohl gesorgt wird.

„Zum armen Ritter“ der Familie Ritter aus Essen

Das Fazit hatte ich bereits vorweggenommen: HEUTE hinfahren und anschauen, denn heute ist der letzte Tag in diesem Jahr. Auch deshalb, weil solche Veranstaltungen Zeugnisse der Sozialgeschichte sind und es schade wäre, wenn sie verloren gingen. Die Betreiber der Fahrgeschäfte haben teilweise Jahre, viel freie Zeit und Geld investiert, um die Fahrgeschäfte wieder in ihren Ursprungszustand zu versetzen und in Gang zu bringen. © Birgit Ebbert

Und hier gibt es einen kleinen Film zum Jahrmarkt 2013
Weitere Informationen zur Jahrhunderthalle
Informationen zur Historischen Gesellschaft Deutscher Schausteller
Fotos vom Historischen Jahrmarkt auf Moment-Aufnahmen