(25.09.2014) Gestern habe ich mich nach langer, langer Zeit wieder einmal unter Tage getraut. Mein Besuch im Bergbaumuseum in Bochum liegt bestimmt schon zehn Jahre zurück und an den letzten Ausflug zu einer Tropfsteinhöhle kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Meine Gefühle waren also sehr gemischt, wie man auf dem Foto unten unschwer erkennen kann, als ich mich für die Führung im Besucherbergwerg Nachtigallstollen anmeldete. Ich wollte aber unbedingt noch mit einem echten „Unter Tage“-Erlebnis an der Blogparade „ICH UNTERTAGE“ beteiligen, die das Museum Bügeleisenhaus ausgeschrieben hat. Und dann wies die sehr freundliche Mitarbeiterin am Empfang darauf hin, dass sie Menschen mit Rückenbeschwerden und Problemen mit Dunkelheit eher abraten würden. Schon zuckte es in meinem Rücken.

Aber ich habe mein Vorhaben nicht aufgegeben und wurde belohnt dafür. Das Interesse an der ersten Führung mitten in der Woche war nicht so groß, sodass wir zu Dritt „einfahren“ konnten. „Einfahren“ ist nur eines der vielen neuen Wörter die ich gelernt habe. Ich weiß jetzt, was „Gezehe“ ist (das Werkzeug der Bergleute) und dass man „Fahrten“ hinunterkletterte, ehe die Förderkörbe als Transportmittel in die Tiefe erfunden bzw. in Betrieb genommen wurden. Ich kenne die Aufgabe eines „Kübelmajors“ (über die ich mich nicht weiter auslassen möchte, nur ein Tipp: Ein Dixi-Klo gab es unter Tage nicht!) und ich überlege, ob ich eine „Pinge“ in einem Krimi unterbringen könnte, deshalb verrate ich mal nicht, was das ist.

Diese und viele andere Informationen über den Bergbau wurden bei der Führung nebenbei erläutert – als wir am Kübel und an einer Gezehekiste vorbeikamen, als wir erlebten, unter welchen Bedingungen die Menschen früher dort arbeiteten – in fast völliger Dunkelheit, auf engem Raum, allein und – das wurde uns zum Glück erspart – bei dem ohrenbetäubendem Lärm des Bohrers, mit dem die Kohle gelöst wurde.

Kein Wunder, dass 1871 ein Gesetz erlassen wurde, dass Bergleute am Zahltag nicht in Kneipen gehen durften. Viele vertranken vor lauter Verzweiflung den Lohn, der ihnen bar ausgezahlt wurde. Schon eine Stunde in dem Stollen vermittelt einen Hauch dessen, was die Menschen vor 150 Jahren aushalten mussten. Dabei sind die Wege relativ gut begehbar, die Führung ist fesselnd und lässt einen die Zeit vergessen und – als Beruhigung für jene, die wirklich Angst vor der Dunkelheit haben – man sieht Licht am Ende des Stollens. Der Stollen weist nämlich eine Besonderheit auf, er führt durch den Berg bis zur anderen Seite, weil er zugleich als Transportweg für Rohstoffe genutzt wurde. Doch das ist ein anderes Thema, das zur vielseitigen Geschichte der Zeche Nachtigall gehört.

Glitzerkohle – „Schwarzes Gold“ eben

Sehr inspirierend für einen Krimi fand ich auch das Thema „Wetter“. Nicht Sonne, Regen, Schnee! Mit „Wetter“ bezeichnen Bergleute die Luft in einem Bergwerk. Auch da gibt es „böses Wetter“, wenn der Luft giftige Gase beigemischt sind, und „matte Wetter“, wenn die Luft drückend, fast erstickend ist. Besonders gefährlich sind Schlagwetter, die entstehen können, wenn beim Abbau der Kohle aus Luftblasen Methangas entweicht. Das ist leicht entzündlich, schon eine kleine Flamme kann eine Explosion auslösen. Heute wird zur Kontrolle der Luft-Gas-Konsistenz eine „Schnüffelpumpe“ eingesetzt. In früheren Jahren hat man sich mit anderen Mitteln beholfen, u. a. – Tierschützer weg lesen! – mit Kanarienvögeln. Die hat man auf den Boden gesetzt und wenn sie von der Stange fielen, war klar, dass die Luft gefährlich war.

Da ist ein Licht am Ende des Tunnels

Ich sagte es ja, sehr inspirierend, weil man ganz viel über den Alltag im Bergwerk erfährt und immer wieder staunt, was Menschen vor Jahrhunderten ohne Computer und moderner Technik bewegt haben. Für Ruhries gehört der Besuch des Stollens aus meiner Sicht zu den x Dingen, die man im Leben getan haben sollte. Aber auch Touristen sollten sich die Chance nicht entgehen lassen, hautnah und im echten Flöz das Bergbau-Flair zu erleben.

Ich sag’s ja: Gemischte Gefühle!

Für Bergbau-Fans hat sich der LWL, zu dem das Denkmal der Industriekultur gehört, einiges einfallen lassen. Man kann einen Kindergeburtstag mit einem Besuch im Stollen verbringen, eine individuelle Gruppenführung buchen und sich unter Tage das Ja-Wort geben. Das ist kein Scherz! Zwei- bis dreimal im Jahr fährt der Standesbeamte mit Brautpaar und Hochzeitsgesellschaft in den Stollen ein und führt dort eine Trauung durch. Für Grundschulen hat die Museumspädagogin sogar ein besonderes Programm entwickelt, das speziell auf das Thema in den dritten und vierten Klassen ausgerichtet ist. Da kann ich nur sagen: Glück auf! und demnächst an gleicher Stelle mit einer Fortsetzung über Geschichte, Gebäude und Ausstellungen des LWL-Industriemuseums Zeche Nachtigall. © Birgit Ebbert