(01.03.2011) Jetzt mal ehrlich? Wer kann sich wirklich vorstellen, wie das Leben eines Mädchens am Beginn der Neuzeit war? Ich glaube fast, Rebecca Abe hat sich in eine Zeitmaschine gesetzt und ist in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts gereist, um bei Familie Fugger in Augsburg Mäuschen zu spielen, als sie das Buch „Im Labyrinth der Fugger“ (Gmeiner Verlag) geschrieben hat. Es ist ihr gelungen, die Personen, das Leben in der Zeit und die Umgebung so lebendig zu schildern, dass man sich als Leser immer wieder verwundert die Augen reibt, wenn man aufsieht und um sich herum den Fernseher, die Zentralheizung und den Computer entdeckt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Anna, die zweitälteste Tochter von Georg Fugger, einem Mann, der sich mehr für seine Erfindungen und Experimente interessiert als für das Geschäft, das er zusammen mit seinen zwei Brüdern geerbt hat. Kein Wunder, dass er seinem ehrgeizigen Bruder Christoph ein Dorn im Auge ist und dieser einen im wahrsten Sinne des Wortes teuflischen Plan ausheckt, um seinen Bruder zu schwächen und zu verhindern, dass für dessen Kinderschar Teile des Erbes ausgegeben werden.

Ausgerechnet Anna, das cleverste der Fuggerkinder, wird Zeuge des Komplotts, das am Anfang von Christophs Plan steht. Doch wer hört in jener Zeit schon auf ein Mädchen. Sie kann froh sein, dass sie mit ihren Brüdern unterrichtet wird und ihr Vater sie zumindest in seine Experimente einbezieht. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit Entsetzen zu verfolgen wie der teuflische Plan Gestalt gewinnt. Zwar weiß Anna zunächst nicht, wer der Drahtzieher des Ganzen ist, schnell hat sie jedoch die Rolle des Pfarrers durchschaut, dem es gelingt, aus der lutherisch orientierten Mutter eine frömmlerische Katholikin zu machen. Mit der Teufelsfratze, die am Anfang des Komplotts steht, verschwindet schnell auch die Freude im Hause Georg Fuggers. Eine Odyssee beginnt, die den Leser immer wieder mit Entsetzen erfüllt.

Gelegentlich stellt sich die Frage, ob die Menschen damals wirklich so unmenschlich sein konnten. Daran gibt es leider durch zahlreiche historische Dokumente, die die Autorin beim Schreiben zurate gezogen hat, keinen Zweifel. Sieht man jedoch von den Methoden der damaligen Zeit wie Folter oder Strafen wie das Herausschneiden der Zunge ab und schaut man nur auf die Motive, die die Menschen bewegt haben, dann wird einem schnell klar, wie nah die erdichteten Geschehnisse dem Handeln der heutigen Menschen sind.

So ist ein Buch entstanden, das seine Leser an die „Kultur“ des ausgehenden Mittelalters erinnert, das die Geschichte der Familie Fugger streift und das die Abgründe der Menschen aufzeigt, an denen sich in den letzten 500 Jahren nichts geändert hat. Das alles hat Rebecca Abe in eine spannende Geschichte verpackt, die dem Leser an manchen Stellen einen Schauer über den Rücken jagt.

Auch Rebecca Abe wurde mit drei Fragen bedacht, die sie sofort beantwortet hat und die auch schon fast Patina ansetzen wie meine Rezension, weil sie seit Anfang des Jahres in meinem Rechner lagern.

Wie bist du auf die Idee zu diesem Buch gekommen?

Auslöser war die historisch belegte Biografie der Anna Fugger, die ich las und die mich sehr berührte. Ein heranwachsendes Mädchen aus der reichsten und berühmtesten Familie des 16. Jahrhunderts wird gegen ihren Willen ins Kloster gesperrt und schafft es sich selbst zu befreien, um sich ihren Lebenstraum zu erfüllen, das musste ich genauer wissen, und ich fing an zu recherchieren und zu schreiben.

Welchen Bezug hast du zu Augsburg, der Stadt, in der das Buch hauptsächlich spielt?

Ich liebe Augsburg, schon als Kind hat mich die „Fuggerei“, ein lebendiges Freilichtmuseum, dass einen sofort ins Mittelalter zurückversetzt, und die verzierten Fassaden in der Altstadt fasziniert. Da ich bei München wohne, habe ich es nicht weit, immer mal wieder hinzufahren.

Was ist aus der wirklichen Anna Jakobäa Fugger geworden?

Das steht alles im Roman und würde zu viel verraten, nur soviel: Auch sie ist zum evangelischen Glauben konvertiert, auch sie ist aus dem Kloster geflohen und hat auf den Tisch in ihrer Zelle geschrieben: Gott allein die Ehr, diese Kutte trage ich nimmer mehr! Ihr Liebster hieß wirklich Heinrich, im Haus ihrer Eltern hat wirklich der Diener den Teufel erstochen…  Amazon

Mehr zu Rebecca Abe und natürlich auch ihrem Buch gibt es in ihrem Blog.