(21.12.2014) Wie dieses Buch in mein Bücherregal gekommen ist, weiß ich gar nicht. Es war einfach da und als ich nun meine Literatur über die NS-Zeit sortierte, schob es sih mir entgegen.

Marion Samuel war ein 11-jähriges Mädchen, das von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet wurde. Anfangs gab es nur den Namen Marion Samuel, der zufällig aus dem Gedenkbuch für die in der NS-Zeit deportierten Juden ausgewählt wurde. Die Auswahl erfolgte für einen Preis, mit dem an ermordete jüdische Kinder erinnert werden sollte, der seither Marion Samuel-Preis heißt.

Das einzige, was man zu diesem Zeitpunkt über das Mädchen aus Arnswalde wusste, waren ihr Geburtstag (27 Juli.1931), ihr Todestag (4. März 1943) und ihre letzte Anschrift (Rhinower Str. 11, Berlin). Es war bekannt, dass sie mit dem 33. Transport am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert wurde.

Einer der Empfänger des Marion Samuel-Preises war Götz Aly. Für ihn war die Auszeichnung Anlass, sich auf die Spur des Mädchens zu begeben. Dieses Buch enthält zugleich die Ergebnisse seiner Recherche und es berichtet darüber, wie er durch viele kleine Informationen und auch Zufälle an umfangreiche Informationen gelangte. Diese ermöglichten es ihm, das Bild des Mädchens Marion Samuel zu zeichnen und sogar zu zeigen. Eine erstaunliche Geschichte, die aber Mut macht, selbst auf Spurensuche zu gehen und erschreckt, weil sie einem wieder die Unmenschlichkeit des NS-Systems vor Augen führt. Wenn man sich vorstellt, dass Marion und ihre Eltern alle drei von unterschiedlichen Orten abgeholt wurde und das Mädchen mit elf Jahren allein da saß und nicht wusste, was ihr und ihren Eltern geschah.

Das Buch zeigt viele kleine Alltagsdetails über das Drangsal der Juden aus, die viele so nicht mehr kennen. (Fast) jeder weiß, dass jüdische Bürger einfach so Zweitnamen verordnet wurden, Sara für die Frauen und Israel für die Männer. Fast bizarr mutet an, wenn man sieht, dass der Randvermerk mit der Namensänderung am 12. Februar 1951, fast 20 Jahre nach dem Tod von Marions Vater, mit dem Zusatz versehen wurde: „Der Randvermerk vom 30.Dezember 1938 gilt als nicht geschrieben. Die Verordnung vom 30. August 1938 ist sittenwidrig.“ (zit. n. Aly S. 44)

Solche Amtsschimmel-Anekdoten wirken höchstens bizarr, eine Gänsehaut ruft hervor, wenn man liest, was die 11-jährige Marion Samuel in Auschwitz erwartete, wo die späteren Mordmaschinen gerade erst getestet wurden und der Tod noch in Gaswagen herbeigeführt wurde.

Erstaunlich, dass es Götz Aly trotz alledem gelungen ist, soviel über Marion Samuel herauszufinden und sogar eine Zeitzeugin ermittelte, die mit ihr in die Schule gegangen ist. Und letztlich kam ihm sogar die deutsche Bürokratie zugute, deren Akten ihm viele wichtige Impulse für seine Suche gaben. Für mich eine nachahmenswerte Aktion und wem dafür Zeit und Nerven fehlen, der kann das Buch lesen und wird auf besondere Weise über die Folgen der NS-Ideologie für jüdische Familien und Menschen informiert. Sehr lesenswert! © Birgit Ebbert