(26.06.2014) Hier ist die Fortsetzung meiner Schulheft-Entdeckung. Neben dem Deutschheft aus der siebten Klasse fand ich ein Religionsheft aus der achten Klasse, aus dem katholischen Unterricht des Gymnasium Remigianums in Borken, um genau zu sein. Das ist wichtig, weil ich die Themen schon erstaunlich finde.

Schon bald nach den Ferien stand nämlich das Thema „Exorzismus“ auf dem Plan. Ein Blick bei Google zeigt mir, dass es um einen Fall ging, der damals ganz aktuell war. Wie schön, dass ich mich eng an die Aufgabe „Was erfahren wir an Tatsachen?“ gehalten habe. Anscheinend mussten wir einen Artikel analysieren, der allerdings nicht mehr vorhanden ist. So weiß ich nur, dass es um die 23-jährige Pädagogik-Studentin Anneliese Michel ging, die glaubte, vom Teufel besessen zu sein, sie „verweigerte die Nahrung, um so den Teufel auszutreiben“. Dieser Fall wurde später Grundlage für Filme, ein Theaterstück und Songs. Er geriet vor allem deshalb zum Präzedenzfall zum Thema Teufelsaustreibung, weil ein Jesuitenpater die junge Frau in ihrem Wahn bestätigt hatte. Für uns war dieser aktuelle Fall Aufhänger, um uns mit dem Thema Teufel in der Bibel zu beschäftigen.

Ich hatte anscheinend schon damals eine kleine Neigung zur Aufmüpfigkeit. Die Aufgabe, die Existenz des Teufels mithilfe von Bibelstellen zu belegen, habe ich so gelöst: „Bei Mt12,22-32 steht, daß man Jesus zunächst für Beelzebub, den höchsten der Dämonen, gehalten hat.“ Aber das habe ich fix wieder relativiert „Er hat ihnen aber das Gegenteil bewiesen.“ Nun wird meine Hausaufgabe aber interessant, weist sie doch fast schon in unsere Zeit „Heute kann man noch nicht beweisen, daß es den Teufel nicht gibt. Aber wie steht es damit in 50 Jahren? Ist es dann auch selbstverständlich, daß es den Teufel gibt? Es wird schon heute bezweifelt, daß es den Teufel gibt. Doch vor allem die älteren Leute versteifen sich weitre in ihrem Glauben, daß es ihn gibt. Sie halten sich für zu alt, um umlernen zu können. Sie halten auch fest daran, daß sie ohne Gott nicht leben können, weil Gott die Sonne, das Licht, in ihrem Leben ist.“

Vom Teufel ging es dann nahtlos über zum Themenkreis „Fragen zur menschlichen Sexualität“. Auf die Frage, was ich davon behalten habe, habe ich im September 1976 geschrieben: „Über den § 218 wird heutzutage viel diskutiert. Doch dazu gehört nicht nur Abtreibung, sondern alles was mit dem Paragraphen zu tun hat. Das sind Empfängnisverhütung, Abtreibung, Prostitution und Vergewaltigung.“ Irgendwie knuffig ist auch die Definition von Prostitution: „Die Prostitution ist das älteste Berufsgewerbe. Es wird meistens von Frauen betrieben, seit neustem gibt es aber auch Männer, die diesen Beruf ergreifen.“ Hier muss ich echt lachen, es folgt nämlich nun eine Ausführung darüber, wie man Prostituierte noch nennt und was Freier sind. Also ehrlich, für eine Achtklässlerin 1976 im katholischen Münsterland war ich gut informiert. Sogar vor Homosexualität machte unser Lehrer nicht Halt – im Münsterland Mitte der 70er Jahre überraschend, finde ich. Auch das Thema wurde neutral behandelt – oder ich habe es neutral formuliert: „Homosexuell heißt gleichgeschlechtlich. Das heißt, daß eine Frau sich mehr zu einer Frau hingezogen fühlt als zu einem Mann oder umgekehrt.“ Das hätte ich nicht gedacht und ich ärgere mich, dass ich die anderen Schulhefte alle vor Jahren in einem Aufräumwahn vernichtet habe. Wer weiß, was ich da noch gefunden hätte.

Natürlich wurde auch das Thema Sexualität nach der ausführlichen Einführung fix in Bezug zur Bibel gestellt und wir mussten die Stellen über Mann und Frau aus der Bibel heraussuchen und abschreiben – vom Schöpfungsbericht bis zum Sündenfall. Danach endet das Heft leider. Wirklich schade. Ich glaube aber, dass zwei Zeitungsartikel, die sich in dem Heft befinden, auf zwei weitere Themen hinweisen. Zu jener Zeit gab es eine heftige Diskussion um Lefebvre, den katholischen Bischof, der die Neuerungen des zweiten Vatikanischen Konzils ignorierte, die ökumenischen Strömungen ablehnte, die Piusbruderschaft gründete und 1976 exkommuniziert wurde. Eigentlich ein interessantes Thema für einen Krimi, es kommt zumindest auf meine Liste. Was lerne ich daraus, manchmal lohnt es sich doch, in alten Kisten zu stöbern. © Birgit Ebbert