(17.11.2019) Faszinierend im Bauhaus-Jubiläumsjahr war für mich, was auf einmal aus allen Ecken als „Bauhaus“ hervorgekramt wurde. Da ist der Titel der Ausstellung im KunstForum Gotha „Inspiriert vom Bauhaus“ angenehm, wenn auch für einen Teil der Exponate tiefgestapelt. Denn , wie im Einführungsvortrag erklärt wurde, gehört für Kunsthistoriker zum Bauhaus, was direkt mit dem Bauhaus, dessen LehrerInnen und SchülerInnen zu tun hat. Marianne Brandt, deren Wirken die erste Etage gewidmet ist, ist Bauhausschülerin und war zwei Jahre sogar Jungmeisterin am Bauhaus. Aber die Gegenstände, die gezeigt werden, sind erst nach ihrem Weggang am Bauhaus entstanden, insofern trifft „inspiriert vom Bauhaus“ den Kern der Ausstellung.

Die Bauhäuslerin Marianne Brandt

Als ich den kurzen Abriss über das Leben von Marianne Brandt hörte, dachte ich spontan: Ach, das wäre doch auch ein schönes Romanthema, wenn mein Buch über Herti Kirchner irgendwann fertig sein sollte 🙂 Ich liebe wechselvolle Biografien und mich beeindruckt es, dass Marianne Brandt mit 30 Jahren noch einmal neu angefangen hat. Vor 100 Jahren wohlgemerkt, das trauen sich viele Menschen heute nicht. Lieber fristen sie ihr Dasein in einem ungeliebten Job oder schwierigen Beziehung, als etwas in ihrem Leben zu ändern. Marianne Brandt, am 1. Oktober 1893 in Chemnitz geboren, war 1911 ein Jahr an der fürstlichen freien Zeichenschule in Weimar und studierte anschließend an der Hochschule für Bildende Kunst.

1923 entschied sie, noch einmal von vorne anzufangen. Sie verbrannte alle ihre Bilder und schrieb sich am Bauhaus ein. Bereits während ihrer Zeit dort hat sie Alltagsgegenstände entwickelt, für die sie heute bekannt ist, den Tintenfasshalter mit Federablage zum Beispiel (den könnte ich für meine Glasfeder gut gebrauchen :-)) und das Tee-Extrakt-Kännchen MT49. Nach Abschluss ihre Gesellenprüfung in der Metallwerkstatt, wurde sie zunächst stellvertretende und dann kommissarische Leiterin der Werkstatt. Sie entwickelte u. a. Lampenentwürfe für das neue Bauhausgebäude und organisierte schon früh eine Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Bereits 1927 waren Lampen in ihrem Design auf dem Markt. 1929 begann Marianne Brandt ihre Arbeit für die Ruppelwerke in Gotha.

In den drei Jahren dort überarbeitete sie das Produktangebot komplett neu und entwickelte zig Modelle für Haushaltsgegenstände. Die Zusammenarbeit endete – laut Zeugnis – aus wirtschaftlichen Gründen 1932. Aber mich würde doch interessieren, warum Marianne Brandt dann in einem Brief meint, ihr Arbeitgeber sei empfindlich, was die Nennung des Unternehmens im Zusammenhang mit ihrem Namen angeht. Ob mehr dahinter steckt? Das ist hier auch nicht wichtig, wichtig sind die Exponate, die in der Ausstellung gezeigt werden. Ich hatte im Schloss Friedenstein und in der Ausstellung Die Bauhaus-Mädels bereits einige ihrer Werke gesehen, aber so geballt wie in der ersten Etage des KunstForums, das ist beeindruckend.

Fotografien und Konstruktionsspielzeug

In der zweiten Etage finden sich Fotografien des Fotografen Jean Molitor, der auf der ganzen Welt nach Bauhaus-Architektur Ausschau hält und diese in großformatigen Schwarz-Weiß-Bildern präsentiert. Dazu gehört auch das ehemalige Kaufhaus Conitzer, heute: Moses, in Gotha, das in den 1920er-Jahren im Bauhaus-Stil erbaut wurde. Von dem Gebäude waren auch alte Fotos zu sehen, faszinierend, dass sich die Architektur des Gebäudes in den 100 Jahren nicht verändert hat.
Noch mehr fasziniert hat mich allerdings das Konstruktionsspielzeug im Bauhaus-Stil aus DDR-Zeiten, das in der dritten Ebene des KunstForums präsentiert wurde. Ich interessiere mich für altes Spielzeug, besuche gerne Spielzeugmuseen und stoppe auf Trödelmärkten bei alten Spielen, aber das hatte ich noch nie gesehen. Da zeigte sich deutlich die unterschiedliche Sozialisation in Ost- und West-Deutschland. „Damit haben wir als Kinder gespielt“, berichteten mir andere BesucherInnen und jedem fiel ein, was er mit den Kunststoffbausteinen gebaut hatte. Nur die Blümchen, die kannten sie auch nicht 🙂 Ich konnte mich jedenfalls nicht satt sehen und habe mir die vielen technischen und historischen Details nur ungenau gemerkt. Aber ich halte ab sofort die Augen auf und sollte ich Muße haben, stöbere ich im Internet, was ich über das Material finde 🙂
Eine abwechslungsreiche Ausstellung, die ich mir ganz sicher vor meinem Abschied aus Gotha noch einmal ansehen werde, sie geht ja bis zum 29.12.2019. Für mich ein schöner Abschluss eines vielseitigen und vielfältigen Bauhaus-Jahres zwischen Hagen und Gotha. © 2019 Birgit Ebbert, www.birgit-ebbert.de

Pressemeldung zur Ausstellung mit weiteren Informationen