(05.11.2018) Gestern Nachmittag fühlte ich mich bei der Eröffnung der Installation „Cybersucht und Bilderflucht“ im Osthausmuseum unversehens in einer Zeitmaschine. In meinem ersten Job war ich nämlich Fachreferentin für Medien der Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg und habe mich genau mit den Fragen beschäftigt, die im Mittelpunkt der Installation stehen. Ja, damals gab es schon Computer, ich hatte einen Amiga in meinem Büro und arbeitete zu Hause mit einem Schneider CPC 464 🙂 Und mein Flyer „Spielzeug Bildschirm“ war der erste bundesweit, der sich mit den Chancen und Gefahren des interaktiven Umgangs mit dem Bildschirm beschäftigte. Seither beobachte ich die Entwicklung und bin froh, dass ich keine Elternvorträge oder Lehrerfortbildungen mehr durchführen muss, auch wenn sich die Medien, die Inhalte und die Nutzung geändert haben, die Aufgabe für Erziehung ist gleich geblieben: Kinder und Jugendliche an eine bewusste Nutzung heranzuführen und mit ihnen im Gespräch zu bleiben, um mögliche problematische Entwicklungen rechtzeitig zu bemerken.

Die Installation Cybersucht und Bilderflucht

Und genau dies ist auch das Thema der Installation, die bis zum 2. Dezember im Souterrain des Osthausmuseums, im Jungen Museum, steht. Mithilfe von Filmsequenzen und Texttafeln, die sich an und in einem Kubus befinden, werden verschiedene Facetten der Cybersucht dargestellt. Ziel ist nicht, jeden User als krank darzustellen. Studien haben gezeigt, dass die übermäßige Nutzung von digitalen Medien – Spielen, Kommunizieren, Bewerten … – zur Entwicklung eines Kindes und Jugendlichen gehört und die meisten irgendwann dazu kommen, dass sie selbstbestimmt den Konsum dem „wahren“ Leben unterordnen und nicht mehr vom virtuellen Leben ihr „echtes“ Leben diktieren lassen. Um diesen Switch hinzubekommen, ist in vielen Fällen eine Begleitung von Eltern oder Pädagogen nötig. Ein Verbot hilft hier ebensowenig wie Laissez-faire, entscheidend sind Reflektion und Kommunikation – die Installation im Osthausmuseum soll und kann dafür ein Einstieg sein.

Die Macher der Installation

Die Installation entstand auf Initiative des aus Hagen stammenden Regisseurs Hansjörg Thurn, der bei seinen Söhnen und dessen Freunden beobachtete, wie unterschiedlich virtuelle Realität sich auf die analoge Realität auswirkte. Und auch, dass Jugendliche oft mit ihren Fragen, Ängsten und Unsicherheiten alleine bleiben, weil Eltern nicht wissen, was im virtuellen Raum geschieht. Hansjörg Thurn machte ich auf die Suche nach einem Partner, um mit seinem medialen Knowhow und dessen fachlicher Expertise das Projekt ins Leben zu rufen. Dieser Partner ist der Fachverband Medienabhängigkeit e. V., der sich aus wissenschaftlicher Sicht und präventiv mit dem Thema Medien bzw. Computersucht beschäftigt. Seit diesem Jahr steht übrigens Computersucht auf der Liste der anerkannten Krankheiten der World Health Organization, deren Listung u. a. die Basis dafür ist, ob eine Therapie von der Krankenkasse übernommen wird.

Noch ein kleiner Blick zurück

Kleiner Werbeblock in eigener Sache: Nachdem ich in einem alten Buch eine Anleitung entdeckt habe, wie man aus Postkarten ohne Klebstoff Würfel bauen kann, bin ich süchtig danach 🙂 Ich habe die Anleitung etwas modifiziert und sammle nun Postkartenwürfel bzw. stapele sie an einer Wand in meiner Wohnung.

Ich konnte es doch nicht lassen, in meinem PC nach meinen Unterlagen zum Thema Computersucht zu suchen. Dabei stieß ich als erstes auf das Festival „Kultur statt Sucht und Konsum“, das ich 1993 initiiert und organisiert habe. Ich muss direkt im Keller nach der Dokumentation suchen, das war ein tolles Projekt, drei Tage haben wir die Stadthalle in Leinfelden-Echterdingen mit Theaterpojekten, Lesungen und Workshops rund um das Thema Sucht inkl. Mediensucht bespielt. Von meinem Vortrag zum Thema „Computerspiele zwischen Faszination und Sucht“ habe ich leider nur noch die Gliederung. Ich habe ihn Mitte der 90er Jahre bei einem Psychologenverband gehalten, die sich mit dem Thema damals überhaupt noch nicht auskannten. Verrückt, was sich in 25 Jahren geändert hat, was aber auch geblieben ist. Ja, heute sprechen wir nicht mehr nur darüber, wie oft und welche Inhalte Kinder und Jugendliche spielen, die ständige Verfügbarkeit der virtuellen Welt durch Smartphones und die Verlagerung der Inhalte ins WWW haben uns in eine neue Dimension geführt. Aber ich bin sicher, dass die Motive, die ich unter anderem skizziert habe: Gefühl der Macht/Einflußnahme, Suche nach Erfolgserlebnissen, Verankerung in der Gruppe, Neugier, Faszination der Technik, Überlegenheit gegenüber Erwachsenen – heute noch genauso aktuell sind wie damals. Ich merke, das war immer ein Herzensthema, ich könnte noch stundenlang darüber schreiben – geht lieber ins Osthausmuseum, schaut euch die Installation an und redet mit euren Kindern und anderen Menschen darüber. © Birgit Ebbert

Links zum Thema

Informationen zur Ausstellung inkl Übersicht über das Begleitprogramm

Seite des Fachverbandes Medienabhängigkeit e. V.

Mein Artikel zum Thema Medienerziehung im Nicht-Wandel der Zeit 🙂