(14.03.2015) Während der Recherche für „Falsches Zeugnis“ habe ich ein Buch gelesen, das mich auf besondere Weise berührt hat. Ich habe es antiquarisch gekauft und beim Lesen gleich die erste Textseite aufgeschlagen. Plötzlich fiel mir ein Zettel mit einem kurzen Brief eben jener Irma Trksak, über die ich gerade las. Und als ich das Buch zuklappte, sah ich, dass es vorne diese Widmung von ihr enthielt: „Ich kämpfe gegen das Vergessen, gegen das Verdrängen und gegen das Leugnen des Unvorstellbaren, des Unfassbaren, damit Ähnliches nie mehr einem Menschen unter der Sonne widerfährt.“

Die Slowakin Irma Trksak gehörte während der NS-Zeit in Wien einer Minderheit an, die von den Nationalsozialisten drangsaliert wurde. Schon früh schloss sie sich einer Widerstandsgruppe an, sie wurde verhaftet, kam ein Jahr in Einzelhaft und drei Jahre im Konzentrationslager Ravensbrück. In dem Buch „Ich weiß, was ich wert bin“ (Mandeslbaum Verlag 2007) beschreibt Cécile Courdon den Lebensweg der mutigen Frau, deren Engagement auch nach der Befreiung aus dem Lager nicht erlahmte. Beschreibungen des Lebens in Haft und Lager wechseln mit persönlichen Erinnerungen ab, sodass die Leser gleichzeitig einen Eindruck von den Gefühlen und Gedanken Irmas bekommen und erfahren, vor welchem Hintergrund die Ereignisse stattfanden. Ich hatte bis zur Lektüre des Buches nie von der Diskriminierung der tschechischen und slowakischen Minderheit in Österreich gehört, die schon vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten latent vorhanden war, durch die NS-Ideologie dann angestachelt wurde.

Die ganze Geschichte Irmas ist beeindruckend, sie erlebte die gleichen Greuel wie alle Lagerbewohner, erstaunlich ist, dass sie die Kraft aufbrachte, sich für andere einzusetzen und Leben zu retten. In den letzten Tagen des Krieges gelang ihr die Flucht aus dem Lager. Einen Monat war sie unterwegs nach Wien, wo sie feststellen musste, dass das Haus ihrer Familie zerstört war und wo sie ebenfalls bald erfahren musste, dass ihr Widerstand totgeschwiegen wurde, weil er sozialistisch geprägt war. Dennoch blieb sie, anders als ihre Familie, in Österreich und engagierte sie wieder – dieses Mal unter anderem für die Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück.

Bereits am 24.März 1947 fand die Gründungsfeier der „Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück“ im Alten Rathaus in Wien statt, keine zwei Jahre nach der Flucht Irmas. Eingetragen als Verein wurde die überparteiliche Gruppierung erst 1958. Ziel des Vereins war, den Überlebenden einen Austausch zu ermöglichen mit Menschen, die gleiche Erfahrungen gemacht haben. Mit ihrer Familie hat Irma nie über ihre Erlebnisse im Lager und auf der Flucht gesprochen, um sie nicht zu belasten, „aber die Bilder der Gewalt, des Schreckens, der Unmenschlichkeit (…), verfolgten mch inTräumen und Todesangst steckte tief in mir“, wird Irma Trksak in dem Buch zitiert. Wer die 160 Seiten gelesen hat, kann die Bilder nur erahnen und sollte es dennoch lesen, um sich zu vergegenwärtigen, zu welchen Taten Menschen fähig sind – im schlechten, aber auch im guten Sinne. © Birgit Ebbert