Martin Walser beim Antworten

(23.11.2013) Martin Walser ist sicher einer der renommiertesten deutschen Schriftsteller, sodass ich als Autorin auf diesen Abend besonders gespannt war. Ich war neugierig zu sehen, wie er auftritt, wie er liest, wie er mit seinen Lesern umgeht und natürlich, wie er schreibt. Auf viele Fragen habe ich eine Antwort bekommen, ein bisschen bin ich auch in Ehrfurcht erstarrt, was mir nicht allein so erging, nur ich habe versäumt, all die Fragen zu stellen, die ich auf meinem Zettel hatte. Egal, ich habe auch so viel erfahren und es gehört eben zu meinem Naturell, Menschen privat sein zu lassen, wenn sie privat sind wie bei dem Maultaschen-Essen nach der Lesung.

Bernadett Schoog bei der Begrüßung

Ja, die Lesung – eine Überraschung, weil ich das Buch „Die Inszenierung“ schon gelesen hatte. Genau, ich war überrascht über die Lesung, WEIL ich das Buch gelesen hatte. Ich fand es beim Lesen nicht leicht zu verstehen, möglicherweise, weil ich zu viel in die Geschichte hineingeheimnist habe. Als Martin Walser aus dem Buch vorlas, kam es mir vor, als läse er aus einem anderen Buch. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass es nicht nur mir so erging, sondern auch mindestens einer anderen Leserin, mit der ich mich anschließend unterhalten habe. Daraus ergibt sich mein Tipp für alle Lesungsmuffel: Springt über euren Schatten und besucht Autorenlesungen, wann immer ihr die Gelegenheit habt.

OB Dr. Jürgen Gneveckow bei der Begrüßung

Das wirklich Interessante sind für mich immer die Gespräche im Anschluss an die Lesung. In diesem Fall gab es keine Fragen aus dem Publikum wie bei Monika Feth, sondern nur Fragen der Moderatorin Bernadett Schoog, die auch bereits die Eröffnungsveranstaltung moderiert hat. Sie hat ganz andere Fragen gestellt, als mir unter den Nägeln brannten, aber dennoch habe ich viele Antworten bekommen. Über manche Antwort habe ich mich gefreut. Gleich am Anfang, noch vor der Lesung, erklärte Martin Walser den sehr zurückhaltenden, kaum in Erscheinung tretenden Erzähler in der „Inszenierung“ damit, dass er sich beim Schreiben von den Figuren leiten ließe und diese den Erzähler nicht haben zu Wort kommen lassen. „Ich musste nur noch mitschreiben, was die Figuren sagten“, beschrieb er seinen Schreibprozess. „Ein Erzähler war nicht nötig.“

Danke, Martin Walser, wie auch danke, Monika Feth. Seit ich mich mit Autorenkollegen austausche, habe ich den Eindruck gewonnen, wenn man heute nicht schon vor dem Schreiben ein festes Gerüst für sein Buch hat, dann hat man den falschen Beruf erwählt. Wenn aber selbst Martin Walser sich von seinen Figuren durch die Geschichte leiten lässt, kann das doch nicht falsch sein und ich werde in der nächsten Woche mit doppelter Freude an mein neues Manuskript gehen.

Nebenbei hat Martin Walser mir noch ein Motto für meine Albschreiber-Zeit mitgegeben, als er formulierte: „Kein Mensch liest mein Buch, jeder liest sein Buch.“ Als Autor, so Walser, mache er ein Angebot und jeder müsse seine Geschichte daraus ziehen. An seinem Buch der „Inszenierung“ wurde mir das klarer als je zuvor. Bernadett Schoog empfand die Hauptfigur, August Baum, als Marionette, die wenig Einfluss nehmen konnte, während ich diesen alten Regisseur als jemanden erlebt habe, der ständig inszeniert und bei jeder Handlung das gesamte Stück im Blick hat.

Wie das so ist – auch in Gesprächen mit erfolgreichen Schriftstellern – kam das Gespräch „vom Hölzchen aufs Stöckchen“, wie wir im Münsterland sagen würden. Plötzlich war man bei Goethe und seiner „Marienbader Elegie“, die Walser den Zuhörern als Lektüretipp empfahl. Ein Tipp, aus dem sich zwangsläufig ein Gespräch über sein Buch „Ein liebender Mann“ ergab, das ich mir dann gleich gekauft habe. Der Stapel ungelesener Bücher wächst und gedeiht.

Natürlich gab es beim anschließenden Maultaschen-Essen in kleiner Runde noch interessante Gespräche, aber ich finde, auch ein Prominenter hat Anspruch darauf, unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu speisen. Soviel kann ich verraten, Martin Walser hatte darum gebeten, etwas aus der Region zu essen, weil er das überall tut, wo er liest. So haben wir im „Süßen Grund“, der extra für uns noch nach 22.00 Uhr Maultaschen in Brühe bereithielt getafelt. Sehr gut übrigens, das wäre mein Tipp für diejenigen, die lieber essen als lesen: Probiert die Maultaschen in Brühe im „Süßen Grund“. Es war also ein in vielfacher Hinsicht inspirierender und ergebnisreicher Abend.