(19.01.2014) Wie fange ich einen Beitrag an über die Story der Kulturgeschichte, die noch dazu als „Rockoper“ nach dem King of Musical, Andrew Lloyd Webber, auf die Bühne gebracht wurde? Am besten mit dem Fazit: Eine wunderbare Inszenierung mit überzeugenden Sängerinnen und Sängern, spritzigen Tänzerinnen und Tänzern, einem pfiffigen Bühnenbild, einer Lichttechnik, die wieder mein Herz erobert hat, und einem zu unserer Zeit passenden Kostümkonzept, das Lloyd Webber sicher begeistert hätte. Herzlichen Glückwunsch zur Premiere!

Als Fan von visuellen und auditiven Sinneseindrücken hat mich schon der Einstieg begeistert. Dabei war zu der Musik nichts anderes als weiße Wolken an einem blauen Himmel zu sehen. Aber die nahmen mich mit – in eine andere Zeit, in einen anderen Raum, in die Geschichte. Ich wurde nur kurz abgelenkt, als ich mich fragte, wie die Techniker es geschafft hatten, dass die Wolken im Takt der Musik tanzten. Über die Antwort konnte ich nicht mehr nachdenken, denn schon war ich in der Geschichte, hörte die Menschen ihrem neuen Superstar zujubeln und Judas mit Jesus ringen, Maria Magdalena versuchte zu vermitteln, aber es wurde klar, das Verhältnis zwischen den Männern ist zwiespältig.

Während immer mehr Anhänger Jesus Christ Superstar anbeteten, machte sich der Klerus seine eigenen Gedanken. Wie die hohen Priester in der Bibel interessierten sie sich nicht für die Menschen, sondern mehr für Börsenkurse und ihren Profit. Für mich die genialsten Kostüme in der ganzen Inszenierung. Eine Mischung aus graue Herren und Stasi-Agenten mit Schlapphut, Nazis und Banker wusste jeder sofort, wen Jesus sich da zum Feind gemacht hatte.

Noch hatte Jesus allerdings Freunde, die ihm zujubelten und die in ihrer Aufmachung an Mitglieder der Occupy-Bewegung und politische Widerstandsbewegungen von der Ukraine bis Syrien erinnerten. Dann schlug die Begeisterung um, man konnte erahnen, dass im Hintergrund die „grauen Herren“ die Fäden zogen, hatten sie doch klar geäußert, dass sie das Problem „Jesus“ dauerhaft lösen mussten. Zum Glück verriet Judas ihnen Aufenthaltsort des neuen Superstars, sodass Soldaten in Kampfmontur ihn wenig später verhaften konnten.

Die Geschichte nahm ihren bekannten Verlauf und nach einer actionreichen Darbietung des Titelsongs endete die Aufführung damit, dass Jesus in Judas Armen einen überzeugenden Märtyrertod starb.

Die gesamte Leistung der Sänger überzeugte das Publikum, was sich an dem wiederholten Szenenapplaus und dem langanhaltenden Applaus am Ende der Vorstellung zeigte. Aber auch in der Pause waren schon in allen Ecken Begeisterungsäußerungen zu hören. Nicht wenige erinnerten sich daran, wie sie in den 70er Jahren die Musik zum ersten Mal gehört hatten. Damals ziemlich neu, Lloyd Webber hat die Rockoper 1971 komponiert. Ich hätte direkt fragen sollen, ob sie die Inszenierung vor 20 Jahren gesehen haben, das Musical stand nämlich in der Spielzeit 1993/1994 zum letzten Mal auf dem Spielplan des Theaters.

Ich schwanke noch, welche Szene auf meiner Top10 ganz oben steht – der erste Auftritt der „grauen Herren“, der „Koffertanz“, der die Geschäfte im Tempel so genial wiedergegeben hat, oder die Szene, in der Jesus von den martialisch wirkenden Soldaten in Schach gehalten wurde und aus allen Ecken Lichter kamen und der Pöbel ihn beschimpfte. Wenn ich nach dem Gänsehautfaktor gehe, steht diese Szene eindeutig an oberster Stelle.

Eine fantastische Inszenierung, die regelmäßig ein ausverkauftes Haus verdient hat. Ich drücke die Daumen und schließe nicht aus, dass ich mit dem einen oder anderen Gast noch einmal reinschaue.

Fast hätte ich das Orchester vergessen, weil es nur zu hören und nicht zu sehen war, aber wie ein Gewürz in einer Speise, dem Abend die entscheidende Note gegeben haben.

Wäre dies kein Blog, sondern ein Fernsehbeitrag, würde ich als Kästner-Fan jetzt noch denjenigen oder diejenige grüßen, die das Kästner-Gedicht „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ ins Programmheft geschmuggelt hat. Kästner hatte eben zu allem etwas zu sagen! (Ich sag ja, ein Vorbild für mich.) © Birgit Ebbert

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