(09.01.2016) Heute habe ich mein persönliches Kulturjahr 2016 mit dem Besuch von Werkstattgespräch und offener Probe zu der Oper „Jonny spielt auf“ im Theater Hagen begonnen. Ich gebe zu, dass ich weder Oper noch Komponisten kannte, nachdem ich allerdings las, dass die Aufführung der Oper von den Nationalsozialisten verboten wurde und die Titelfigur das Plakat zur Ausstellung über „entartete Musik“ zierte, war ich neugierig geworden. Nach dem kleinen Blick hinter die Kulissen bin ich gespannt auf die Probe, auch wenn man sich wirklich erst einhören muss in die Mischung verschiedener Musikstile. Da hat GMD Florian Ludwig schon recht mit seinem Hinweis, dass viele heute wenig Erfahrung darin haben, diese neue Musik, die sich teils von der harmonischen Tonalität löst und in diesem Fall auch noch Jazzkomponenten, dem modernen amerikanischen Stil jener Zeit, einbindet. Da hat die Kulturpolitik der Nationalsozialisten nachhaltig gewirkt, könnte man sagen. Zumindest hat sie dafür gesorgt, dass das Werk „Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek, das 100 Nachinszenierungen erlebte und Ende der 20er Jahre mehr Aufführungen und Besucher erlebte als die „Dreigroschenoper“ kaum bekannt ist.

Ernst Krenek, der Komponist von Jonny spielt auf

Ernst Krenek, der Komponist von Jonny spielt aufDabei galt Ernst Krenek, der 1900 in Wien geboren ist und 1991 in Palm Springs gestorben ist, als Musiklegende und wurde als „One-Man-History“ bezeichnet, weil er mit den Musikstilen liebte und sowohl mit atonalen Stücken als auch mit Unterhaltungsmusik reüssierte. Seinen ersten großen Erfolg samt Weltruhm und viel Geld verdankt er allerdings Jonny spielt auf. Einem Unterhaltungsstück, einer Zeitoper, wie man jenes Operngenre der Weimarer Republik nennt, das die Themen und Strömungen jener Zeit aufgreift, den Fortschrittsgedanken, den Maschinenkult, die Orientierung an den USA, der Konsumorientierung, aber auch der Befreiuung von der Monarchie. Andere Zeitopern sind „Hin und zurück“ von Paul Hindemith, „Der Zar lässt sich photographieren“ von Kurt Weill oder „Der Ozeanflug“ von Bertolt Brecht mit Musik von Weill und Hindemith über den Flug von Charles Lindbergh.

Zeitoper Jonny spielt auf

Heute ist die Zeitoper dadurch einerseits ein Tor zu jenem Deutschland, in dem alles noch in Aufbruch war und man voller Hoffnung in die Zukunft blickte, aber sie ist auch ein Spiegel unserer Zeit, die sich ihr ihrem Glauben an Fortschritt und Technik sowie im Konsum im Kern nicht von jener Zeit unterscheidet. Und seien wir ehrlich, auch wenn heute viele die USA kritisch sehen, die Charts werden weiterhin von englischsprachiger Musik angeführt und schaut man sich die Liste der Bestseller in Buchhandel und Kino an, so sind es häufig amerikanische Bücher und Filme, die dort ganz oben stehen. Aber gerade diese Nähe bei gleichzeitiger Ferne macht die Oper so interessant – für einen Musik-Experten ebenso wie für einen Musik-Laien. Der eine wird die kongeniale Mischung der Stile, von denen Florian Ludwig schwärmt, erkennen, der andere wird sich von der Story mitreißen lassen und durch die Stilwechsel teils auch innerhalb einer Szene durch die Handlung leiten lassen. Jede Figur, so berichtete der GMD hat in der Oper seinen eigenen Stil, der eher traditionell ausgerichtete Komponist Max ebenso wie der Schürzenjäger Daniello und der Jazzmusiker Jonny. Wann immer die Figuren eine Rolle spielen, taucht ihr Thema auf. Sicher keine leichte Aufgabe für das Orchester, das schon vor dem Problem stand, die Instrumente zu beschaffen, die der Ernst Krenek vorgesehen hat. Eine Glasharfe zum Beispiel, gibt es heute kaum noch, aber da hat das Orchester eine Lösung gefunden, welche, das verrate ich erst nach der Premiere 🙂

Jonny spielt auf als Herausforderung fürs Ensemble

Programmzettel der Erstaufführung von Jonny spielt auf
Programmzettel der Erstaufführung in Dresden am 29.10.1927

In jedem Fall wurde bei dem Werkstattgespräch deutlich, dass die Oper alle Jonny spielt auf Beteiligten vor eine große Herausforderung gestellt hat. Selbst Jan Bammes, der Ausstatter, meinte, die Oper sei eine der schwierigsten Aufgaben, die er in seinem Bühnenbildner-Dasein bekommen hätte. Diese bestand weniger darin, Gegenstände zu beschaffen, die der Komponist als Kulisse vorgesehen hatte – ein Telefon und ein Radio wären schnell zu beschaffen gewesen, sind aber in modernen Inszenierungen heute nicht mehr üblich. Ok, einen Gletscher kann man in Hagen ebensowenig auf die Bühne bringen wie eine Lokomotive oder einen ICE. Da ist Fantasie gefragt und die Bühnenbildner müssen erarbeiten, wofür denn die Elemente auf den Bühnen der 20er Jahre standen – eben für Fortschritt, schnelle Kommunikation und ständige Eile.

Ernst Krenek, der Komponist von Jonny spielt auf, blieb Zeit seines Lebens aufgeschlossen für neue Musikrichtungen und hat sich in seinem Haus in Palm Springs sogar ein Studio für elektronische Musik eingerichtet, nachdem er sich beim WDR in Köln hat einweisen lassen. Er lebte emigrierte 1938 in die USA, wurde später amerikanischer Staatsbürger und kam nur noch zu Besuchen zurück nach Europa und Deutschland. „Jonny spielt auf“ erlebte seine Uraufführung am 10. Februar 1927 im Opernhaus in Leipzig, in Hagen wird die Oper, die auch den Untertitel „Jazzoper“ trägt, gerade erstmals inszeniert und die Premiere ist am 16. Januar. © Birgit Ebbert

(Quelle der sw-Bilder von Ernst Krenek und der Wiener Aufführung.)

P.S. Ach ja, es wurde in den 20er Jahren sogar eine Zigarettenmarke nach der Titelfigur benannt

Über das DECCA-Projekt „Entartete Musik“ (Focus Online 29.03.1993)

Über die Uraufführung am 10. Februar 1927  & die Premiere am 31.12.1927 in der Staatsoper Wien

Bilder von Ernst Krenek und den ersten Aufführungen

Weitere Bilder von Ernst Krenek

Bilder, Informationen und Dokumente zur Aufführung am 29. Oktober 1927 in der Sächsischen Staatsoper Dresden