Jutta Tewes „Vernetzt 2002“

(10.09.2013) Am letzten Donnerstag habe ich Jutta Tewes in ihrem Atelier besuchen dürfen und seitdem sitze ich jeden Tag vor dem Laptop,  beginne mit dem Porträt und verwerfe es wieder. Diese Vielfalt dessen, was sie macht und schon gemacht hat, ist so überwältigend, dass ich einfach nicht weiß, wo ich beginnen soll.
Diese Erfahrung zeigt, dass es sich immer lohnt, hinter die Dinge zu blicken. Ich finde, der Linoldruck „Naturformen“, der in der Ausstellung der Hagener Künstler hängt, stapelt tief, sehr tief, weil er zum Beispiel nicht verrät, dass er Teil einer Werkreihe zum gleichen Motiv ist, dass auch in anderen Werkstoffen umgesetzt wird.

Jutta Tewes „Netz 2011“

Jutta Tewes arbeitet nämlich nicht ein Motiv nach dem anderen ab, sie dringt förmlich in ihre Motive ein, betrachtet sie von allen Seiten und setzt sie in verschiedene Materialien um. Den Querschnitt eines Binsenhalms zum Beispiel habe ich in ihrem Atelier sowohl als Druck als auch als Drahtobjekt und als Keramik gefunden:

Jutta Tewes „Organisches Gitter“

Jutta Tewes arbeitet ständig mit allen Materialien, aber derzeit beschäftigt sie sich besonders mit ihren Drahtobjekten, die mich besonders fasziniert haben – und inspiriert, doch dazu verrate ich hier noch nichts. Auf die Idee, mit Draht zu arbeiten, hat der Dahler Heimatforscher Heinz Böhm die Künstlerin gebracht. Er brachte ihr eines Tages einige Rollen von feinstem Edelstahldraht der Firma Söding & Halbach mit und meinte: „Frau Tewes, damit können Sie doch sicher etwas anfangen.“

Jutta Tewes „Vogelfeder 2010“

Frau Tewes konnte. Allerdings hat sie nicht – wie ich es gemacht hätte – drauf losgebastelt, das unterscheidet Künstler eben von Hobbybastlern. Sie hat sich intensiv mit dem Werkstoff beschäftigt und experimentiert, um festzustellen, dass die Mischung aus Leichtigkeit und Druck, Spannung und Widerstand besonders reizvoll ist.
Und während sie sich noch mit dem Werkstoff vertraut machte, entstand die Idee für ihr erstes Draht-Objekt „Vogelfeder“, zu dem sie von Zeilen aus dem Rilke Gedicht „Herbst“ inspiriert wurde: „Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“Nach der Fertigstellung dieses Objekts hat Jutta Tewes ihre Technik immer weiter verfeinert, Drähte aus Aluminium und Eisen eingebunden und unterschiedliche Drahtstärken ausprobiert. Neben dem Draht bildet die Klammer aller Objekte die Naturform. Immer sind es Zellgebilde, Netze oder Strukturen, die sie faszinieren, die sie mit Bleistift festhält, um sie anschließend in Druck, Draht und Keramik auszuarbeiten.

Jutta Tewes „Naturformen 2008“

Äh, aber woher weiß sie, wie eine Zelle aussieht, mag der geneigte Leser fragen. Das wollte ich natürlich auch wissen. Obwohl ich mir die Antwort hätte denken können. Ich durfte nämlich Einblick in die Ordner zu zwei Projekten nehmen und da wurde schnell deutlich, dass Jutta Tewes sich nicht ein paar Minuten oder Stunden hinsetzt und etwas zusammenfantasiert. Im Gegenteil. Sie recherchiert im Internet und in Archiven, besucht Museen und Ausstellungen oder guckt – wie für ihre Naturformen – durch ein Mikroskop, um ihr Motiv bis ins kleinste Detail kennenzulernen. Erst dann macht sie sich an die Arbeit, deren Ergebnis für den Betrachter so leicht aussieht. Wie der Linoldruck „Naturformen“, der in der Ausstellung zu sehen ist und der das Werden und Vergehen am Beispiel einer Pflanze symbolisiert. „Die Pflanzen wachsen raumgreifend ans Licht, um dann ins Dunkel abzugleiten, abzusterben und zu vergehen“, erklärt Jutta Tewes. Doch damit ist der Kreislauf nicht beendet, denn während sie nach oben streben, bilden sie schon Samen, die behütet in Hülsen eingelagert sind und für einen Neubeginn, den Anfang eines neuen Kreislaufs stehen.

Jutta Tewes in ihrem Atelier

Jutta Tewes ist in Winterberg geboren und aufgewachsen und hat schon immer gemalt und gezeichnet, seit sie sich erinnern kann. Sie hat eine Ausbildung bei dem Schiefer- und Holzbildhauer K. H. Hanfland in Siedinghausen absolviert und eigentlich immer künstlerisch gearbeitet. Ihre Selbstständigkeit begonnen hat sie mit Keramiken, noch heute hängen in vielen Einrichtungen Werke von ihr, zum Beispiel das Keramikrelief „Spurensuche“ im Rhein-Deich-Museum in Wesel, über das sich schon viel schreiben ließe. Wie auch über ihre anderen Projekte, besonders fasziniert hat mich die Dokumentation zu ihrer Ausstellung „Mensch – Computer – Technik“, die im Frühsommer 1989 in der Fernuni in Hagen zu sehen war. Genau zu der Zeit vermutlich, als ich durch Baden-Württemberg fuhr, um Vorträge über „Kinder am Computer“ zu halten. Das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, die wir in unseren Leben beim Plaudern entdeckt haben. Der erste Autor, den wir – unabhängig voneinander zu verschiedenen Zeiten – live erlebt haben, war Josef Reding. Ich habe ihm als Jugendliche sogar geschrieben, doch das ist ein anderes Thema.

Zurück zu Jutta Tewes, die in Hagen lebt und arbeitet und zwischen ihren Ateliers in der City und in Hohenlimburg hin- und herfährt – je nachdem, mit welchem Werkstoff sie arbeitet. Stift, Draht und andere „kleine“ Materialien sind in Hagen zu Hause, während sie in Hohenlimburg zu Schweißgerät und Schleifmaschine greift und ihre Keramiken brennt. Auch, wenn sie nicht in Hagen geboren ist, fühlt sie sich der Stadt doch sehr verbunden. Die Mischung aus Tradition und Veränderung, so findet sie, machen Hagen lebendig. Und überall spürt man, dass Hagen von Kunst- und Kulturgeschichte geprägt ist, von den Museen und Sammlungen in der Region ganz abgesehen. Hagen bietet ihr viele kulturelle Möglichkeiten und Anreize für ihr künstlerisches Tun und durch die gewachsenen Freundschaften und vielen interessanten Begegnungen ist Hagen seit langem für sie zur Heimat geworden. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen über Jutta Tewes finden sich im Internet unter www.tewes-art.de Jutta Tewes ist meist donnerstags bei den Künstlerführungen anwesend.

Außer den öffentlichen Führungen mit Ausstellungskoordinatorin Dr. Christine Kracht am 15.09. und 29.09. um 11.15 Uhr, gibt es jeweils donnerstags um 18.00 Uhr eine Führung mit Künstlern, die in der Ausstellung vertreten sind.
12.09. Dietmar Schneider, Jutta Tewes, Zsolt S. Deák, Sabine Kedzierski, Uwe Will
19.09. Dietmar Schneider, Uwe Will
26.09. Dietmar Schneider, Jutta Tewes, Nuri Irak, Uwe Will

Am 3.10 findet um 11.15 Uhr eine Lesung mit Musik in der Ausstellung statt.

Weitere Informationen zur Ausstellung