(03.05.2015) Vor 70 Jahren begann der Anfang vom Ende, die Truppen der Alliierten eroberten immer weitere Teile des Deutschen Reiches. Für mich Anlass, noch einmal in Erich Kästners Tagebuch zu lesen, um zu erfahren, wie er die letzten Tage erlebt hat und vor allem, welche Nachrichten ihn im Zillertal erreicht haben. Zur Erinnerung für diejenigen, die den ersten Beitrag nicht gelesen haben: Im März hatte Kästner eine Warnung erhalten hatte, dass es besser sei, wenn er für die restliche Zeit bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes aus Berlin verschwände. Ein Freund von der Ufa hat ihn zu angeblichen Filmaufnahmen mitgenommen ins Zillertal, wo das Filmteam wichtig tat, obwohl es keinen Film in der Kamera hatte. Erich Kästner hat in jener Zeit Tagebuch geführt, das 1961 veröffentlicht wurde. Er schildert dort seine letzten Wochen in Berlin und wie er das Ende des Krieges in Mayrhofen im Zillertal erlebt hat.

Am 1. Mai hat es noch einmal geschneit in Tirol und Kästner berichtete von dem Gerücht, Hitler liege im Sterben, „Göring amüsiere sich, in einer Alpenvilla, mit Kinderspielzeug und brabble vor sich hin“, Himmler stünde in Verhandlungen mit dem Grafen Bernadotte und die Amerikaner hätten München besetzt. Wichtiger für ihn war an dem Tag allerdings, dass die Lebensmittelkarten für den ganzen Mai ausgegeben wurden und manche Bewohner diese auch gleich zum Einsatz gebracht hatten – mit dem Ergebnis, dass es keine Lebensmittel mehr gab. Vor allem beklagte er die Brot- und Mehlknappheit. „Wenn die Kühe im Zillertal außer Milch auch Mehl gäben … Doch die Kühe sind eigensinnig.“ Brot wurde zu einer Frage des Verhandlungsgeschicks und der Verhandlungsmasse. Erich Kästner war durch einen witzigen Tausch zu einem großen Speckvorrat gekommen, der nun ebenso eingesetzt wurde wie die Wolle, die seine Lebensgefährtin aus Berlin mitgebracht hatte und die sie nun im Tausch gegen ein Brot zu Strümpfen mit Zopfmuster verstrickte.

Trotz dieser Alltagssorgen beobachtete Kästner genau, wie sich das kleine Städtchen vom Dörfchen der Ostmark in ein überzeugtes Tiroler Bergdorf verwandelte und wie das Deutsche Reich seinem Ende zuging. Als deutliches Zeichen für das Ende wertete er, dass die Medien auffällig schwiegen, Zeitungen gab es nicht mehr und selbst die Sender der Alliierten schwiegen teilweise. Dennoch drang die wichtigste Neuigkeit ins Zillertal: „Hitler liegt, nach neuester Version, nicht im Sterben, sondern ist ‚in Berlin gefallen‘. Da man auf vielerlei Art sterben, aber nur fallen kann, wenn man kämpft, will man also zum Ausdruck bringen, daß er gekämpft hat. Das ist nicht wahrscheinlich. Ich kann mir die entsprechende Szene nicht vorstellen. Er hätte dabei mit Ärgerem rechnen müssen, mit der Gefangennahme, und dieses Spektakel konnte er nicht wollen. Ergo: Er ist nicht ‚gefallen‘!“, schrieb Kästner am 2 Mai und dachte anschließend darüber nach, wie es denn unter Großadmiral Dönitz weitergehen solle, auf den die deutschen Soldaten ihren Eid schwören sollten. „Das wird, mangels Masse, schwer halten. … Der Eid wird einsam.“

Mit unserem heutigen Wissen amüsant fand ich seinen Eintrag vom 3. Mai, in dem er festhielt, dass das alliierte Hauptquartier verkündet hätte, Himmler hätte Graf Bernadotte bereits am 24. April berichtet, dass Hitler an Gehirnblutungen leide und man damit rechnete, dass er in den nächsten 48 Stunden sterben würde. Das könnte ja fast Kern eines Krimis sein. Aber: „Ein neues Gerücht: Hans Fritsche sei in Gefangenschaft geraten und habe versichert, Hitler und Goebbels hätten Selbstmord begangen.“

Auch in Mayrhofen wählten einige Nationalsozialisten den Freitod, während andere hektisch Hitlerbilder abhängten, aus Laken und NS-Flaggen die rot-weißen-Fahnen Österreichs nähten und für Auftragsstau bei der örtlichen Schneiderin sorgten. „Sie mußte Uniformen abändern, Knöpfe mit dem Hoheitsabzeichen durch Hirschhornknöpfe ersetzen, jägergrüne Jackenaufschläge annähen, Biesen und Spiegel abtrennen und in der Nachbarschaft alte Filzhüte auftreiben.“ (5. Mai 1945)

Kästner musste sich da schon nicht mehr auf Rundfunkmeldungen verlassen, immer mehr Soldaten bevölkerten das Dorf und die ersten Alliierten ließen sich blicken. Es sah alles danach aus, dass das NS-Regime bald vorbei sein würde. „Ich beginne mich wieder für mein Stück ‚Die Schule der Diktatoren‘ zu interessieren. Es machte, jahrelang, so gar kein Vergnügen, Szenen und Dialoge niederzuschreiben, die im Anschluß an eine Haussuchung, den Kopf gekostet hätten. Und man braucht Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß es nun nicht mehr den Kopf kostet.“

Vor diesem Hintergrund werde ich das Stück „Die Schule der Diktatoren“, das ich immer für eines von Kästners besten Werken gehalten habe, noch einmal lesen – und berichten. © Birgit Ebbert