(30.07.2014) Von einem Werk eines in Hagen tätigen Künstlers ist sicher bekannt, dass es in der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurde. Es ist „Die Hungrige“ von Karel Niestrath, deren Nachguss derzeit in der Ausstellung „Weltenbrand – Hagen 1914“ zu sehen ist, erst vor wenigen Wochen habe ich ihn noch im Vortragsraum des Hohenhofs fotografiert. Dieses Werk ist eines von 42, die auf den Beschlagnahmungslisten der Nazis 1937 auftauchen. Zu den 42 Werken zählen auch die beiden Figuren, die jetzt in der Schau „Berliner Skulpturenfund“ gezeigt werden: „Die Einfältigen“ und „Frommer Mann“ (Bild links).

Karel Niestrath wird immer als Hagener Künstler bezeichnet, dabei ist er am 24. April 1896 in Bad Salzuflen geboren und auch dort aufgewachsen. Vor dem Ersten Weltkrieg absolvierte er in seiner Heimatstadt eine Holzbildhauerlehre. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg als verwundeter Soldat begann er ein Kunststudium – zunächt in Bielefeld und später in Dresden. Er hatte eine Reihe von Ausstellungen und zog 1924, mit 28 Jahren, nach Hagen, wo er allerdings bis zu seinem Tod am 12. Oktober 1971 blieb und sich sowohl durch persönliche Kontakte als auch durch Werke im öffentlichen Raum verwurzelte.

Da er mit einem der früheren Redakteure des Heimatbuches befreundet war, finden sich manche anekdotische Geschichten über ihn. Auch erinnern sich viele Hagener an seine Kneipenbesuche in der Stadt und sein Engagement in Hagen. Niestrath gehörte 1924 zu den Gründungsmitgliedern des Hagenrings und hat sich auch später auf vielfältige Weise engagiert. Zumindest, bis die Nationalsozialisten begannen, auf die Kunst Einfluss zu nehmen. Er musste zusehen, wie seine Werke aus Museen entfernt wurden und es zunehmend schwerer wurde, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Seine Verbitterung über diese Schmach ging so weit, dass er sich nach dem Krieg weigerte, einer Ausstellung mit seinen Werken zuzustimmen. Dabei hatte er im Gegensatz zu anderen Künstlern viele Gipsvorlagen der Bronzen retten können, indem er sie in einem Kanal versteckte. (Bild links: „Die Einfältigen“ von 1924, Berliner Skulpturenfund)

Ab 1947 arbeitete er als Lehrer einer Malschule in Dortmund, von 1952 bis 1961 leitete er dort auch eine Bildhauerklasse und in den 50er Jahren erhielt er seinen größten Auftrag in Dortmund. Er sollte Plastiken und Reliefs für das Bittermark-Mahnmal beisteuern.

Obwohl Niestrath nach dem Krieg sein Auskommen hatte, schaffte er es nicht, an seine Erfolge vor dem Dritten Reich anzuknüpfen. Damals war er dabei, sich zu einem sozialkritischen Künstler von Rang zu entwickeln, vergleichbar mit Ernst Barlach und Käthe Kollwitz. Noch heute ist er vor allem in Expertenkreisen bekannt und nur wenige Hagener wissen, dass zum Beispiel die Friedrich-Ebert-Büste am Rathaus-Turm (rechtes Bild) von ihm stammt. Vielleicht hilft die Ausstellung „Berliner Skulpturenfunde“ ihm zu einer größeren Bekanntheit, damit die Nazis nicht doch noch gewinnen mit ihrem Versuch, kritische und experimentelle Kunst auszumerzen. © Birgit Ebbert