(25.02.2014) Um es gleich zu sagen: Auch ich habe als Kind Kettenbriefe mit der Hand (!) abgeschrieben und weitergeleitet und auch ich habe schon nette E-Mail-Kettenbriefe weitergeleitet, glaube ich zumindest.Wenn ich heute daran denke, wie bereitwillig ich Adressen von Freundinnen in die Welt geschickt habe, wird mir ganz schwummerig. Aber wer scherte sich damals schon um Datenschutz?

An eine Aktion erinnere ich mich gut, weil ich so enttäuscht war, dass ich keine einzige Postkarte bekommen habe. Man sollte damals an x Personen eine Postkarte schicken und jeweils die eigene und die Adresse einer Freundin darauf schreiben. Dann sollte man innerhalb kürzester Zeit viele Postkarten bekommen. Das wäre ein schöner Zuwachs für meine Postkartensammlung gewesen. Aber es kam keine einzige. In einem Forumsbeitrag aus 2012 habe ich gesehen, dass es diesen Kettenbrief noch immer gibt und ein Mädchen tatsächlich drei Karten erhalten hat. Anscheinend gibt es auch heute noch Eltern, die die Anschriften ihrer Kinder weitergeben.

Ich bin im Nachhinein froh, dass ich keine Karte erhalten habe. Vielleicht bin ich deshalb auf solche Kettenbriefe niemals wieder hereingefallen, egal, was sie versprachen. Und das war mitunter zwischen haarsträubend und verlockend. Verlockend waren die Belohnungen, die einem versprochen wurden. Die Postkarten waren noch harmlos, manchmal war es eine Reise, Geld, Glück … – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ebenso fantasievoll waren die Bedrohungen, mit denen man rechnen musste, wenn man „die Kette unterbrach“. Die Erfinder der Briefe schreckten auch vor Krankheit und Tod nicht zurück. Da kann man schon ins Grübeln geraten. Auch heute noch, wie ich bei meiner Recherche festgestellt habe. In einem Forum fragt eine Kati tatsächlich: „Wann stirbt man, weil man Kettenbriefe nicht beantwortet bzw. weiterleitet?“ Am besten finde ich die Antwort: „Irgendwann stirbt jeder – es gibt aber keine fundierte wissenschaftliche Erkenntnis, dass dies mit dem Nichtweiterleiten diverser Kettenmails im Zusammenhang steht“.

Mit solchen Botschaften arbeiten heutige Kettenbriefe allerdings kaum noch. Auf Drohungen wird in der Regel verzichtet, stattdessen lockt ein Geschenk wie bei dem merkwürdigen Kettenbrief, bei dem man einem Kind ein Buch schicken und den Brief an sechs Kinder oder Mütter weitergeben soll, damit am Ende das eigene Kind oder man selbst 36 Bücher bekommt. Die Geschichte ist mir in einem Mütterforum begegnet.

Der Kettenbrief, der vermutlich am längsten unterwegs ist, ist der, bei dem man aufgefordert wird, einem krebskranken Jungen Postkarten zu schicken, weil es sein letzter Wunsch ist, mit der größten Kartensammlung ins Guinness Buch der Rekorde zukommen. Das erste Mal bekam ich den Brief, als ich in Stuttgart arbeitet, schätzungsweise Anfang oder Mitte der 90er Jahre, beim nächsten Mal war ich schon nach Bochum umgezogen, als er mir wieder begegnete, vermutlich zehn Jahre später. Bei meiner Recherche habe ich gesehen, dass er wohl immer noch in Umlauf ist und u. a. das Landeskrankenhaus in Tulln in Niederösterreich darauf hinweist, dass es sich um einen Fake handelt. Angeblich hat die Geschichte einen wahren Kern, allerdings finde ich keinen Beleg dafür, dass Craig Sherford wirklich ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen wurde.

Ein witziger „Kettenbrief“ aus meiner Jugend scheint noch immer oder wieder unterwegs zu sein: Ein Teig namens „Hermann“. Entweder ist der bei mir sofort gestorben und ich habe ihn verdrängt oder man hat ihn mir gar nicht erst geschenkt. Ich weiß nur noch, dass es sich um einen Teig handelte, den man füttern musste. Nach einer Woche oder so, wurde er gedrittelt. Das eine Drittel wurde verbacken, das andere weiter gefüttert und das dritte weitergegeben. Wer weiß, vielleicht ist in einem der heutigen Hermänner noch ein Molekül aus meinem Jugend-Hermann. In jedem Fall gibt es ihn noch. Wortmischer hat im Blog am 25. März 2013 darüber geschrieben. Damals war Hermann im zweiten Zyklus, was wohl aus ihm geworden ist?

Kettenbriefe sind übrigens bei weitem keine Erfindung der 70er oder 80er Jahre. In einem Buch über Fremdarbeiter in der Nazi-Zeit findet sich ein Hinweis auf einen Kettenbrief, der zum langsamen Arbeiten aufruft. Laut einer anderen Quelle wurde er 1942 im Ruhrgebiet verteilt:

„Zehn Gebote des vollkommenen französischen Arbeiters
1. In der Werkstatt langsam gehen.
2. Am Feierabend sich beeilen.
3. Den Abort oft aufsuchen.
4. Nicht zuviel arbeiten.
5. Den Meister ärgern.
6. Den schönen Mädchen den Hof machen.
7. Den Arzt oft besuchen.
8. Nicht im Urlaub rechnen.
9. Die Reinlichkeit lieben.
10. Immer Hoffnung haben.“ (zit. n. Thomas Schiller: NS-Propaganda für den „Arbeitseinsatz“. Lagerzeitungen für Fremdarbeiter im zweiten Weltkrieg: Entstehung, Funktion, Rezeption und Bibliographie. Gefunden bei googlebooks)

Im ZEIT-Archiv fand ich einen Beitrag aus dem Jahr 1958 über einen Glücks-Kettenbrief, der angeblich von einem amerikanischen Offizier gestartet wurde. Wenn man den Brief fünfmal mit der Hand abschrieb, würde einem in den nächsten 14 Tagen etwas Besonderes geschehen, suggerierte er. Aber wehe, man tat das nicht, auch dafür wurde ein Beispiel angeführt.

Doch zurück zu den heutigen Kettenbriefen, die eher als Beiträge bei Facebook oder als Blog-Stöckchen daher kommen. Letztlich ein reiner Spaß, der – im Gegensatz zum früheren Kettenbrief – allenfalls Zeit kostet, vielleicht sogar neue Kontakte bringt oder zum Nachdenken anregt wie das Blog-Stöckchen, das mich auf die Idee für diesen Artikel gebracht hat. Aber so wie einen Kettenbrief-Postkarten nicht abgehalten haben, Postkarten an Freunde zu schreiben, so sollten einen Blog-Stöckchen nicht abhalten, an solchen Aktionen teilzunehmen. Höchstens vielleicht die Initiatoren und Verteiler von Blog-Stöckchen ermutigen, den Urheber zu nennen. Seit Facebook und Co. wissen wir zu oft nicht, von wem eine Information oder ein Bild stammt.

Was ich bei der Recherche übrigens nicht gefunden habe, ist eine Sammlung von Kettenbriefen. Schade eigentlich, aber ich habe auch keinen aufgehoben und ich habe viel „Archivmaterial“ aus meiner Kindheit und Jugend, weil sich das Sammlergen in mir schon früh bemerkbar gemacht hat. Doch das ist ein anderes Thema, aber auch eine interessante Frage für einen Blog-Beitrag oder ein Blog-Stöckchen? © Birgit Ebbert

P. S. Die TU-Berlin hat eine Hoax-Liste veröffentlicht, in der auch Kettenbriefe aufgeführt werden.