(12.08.2016) Zu meinen persönlichen Highlights im letzten Jahr, aber auch sicher zu denen der rund 4.000 Hagener, die am 12. August dabei waren, gehörte der Abschlussabend des Muschelsalats 2015. Unter dem Titel Komm nach Hagen, werde Popstar wurde dort perfekt angepasst auf die Rückwand der Sporthalle auf Emst eine Multimedia-Show des schottischen Videokünstlers John McGeoch gezeigt. Sie entführte die Zuschauer auf ganz besondere Weise in die Hagener Musikszene der 70er- und 80er-Jahre und erinnerte die Hagener an einen Teil ihrer Geschichte. Aus zig Scans von Schallplattencovern, Plakaten, Fotos, Artikeln und anderen Archivmaterialien hat John McGeoch in Kleinarbeit einen Film animiert und diesen mit der passenden Musik versehen.

Ich habe es als Festschmaus für die Sinne empfunden und war froh, dass es der Wettergott an dem Abend gut mit Hagen meinte, weil der Platz hinter der Turnhalle auf Emst wie geschaffen ist für eine solche Performance. Jeder konnte sitzen, stehen, sehen und hören und selbst der Übergang von der Konservenmusik zum Live-Auftritt von „Extrabreit“ verlief ohne Komplikationen. Wie gesagt – erinnerungswürdig. Der Abend ist natürlich in der Art nicht wieder erlebbar, aber den Film kann ansehen, wer sich erinnern möchte: am 19. August im Open Air-Kino in der Pelmke!

Da ich mich während meines Studiums intensiv mit dem Medium Film beschäftigt habe, habe ich schon an dem Abend da gesessen und abwechselnd geguckt, fotografiert, gelauscht und nachgedacht, wie viel Kleinarbeit hinter dem Produkt Komm nach Hagen steckt. Deshalb habe ich mit Heike Wahnbaeck gesprochen, die den Abend zusammen mit Astrid Knoche und Maren Lueg verantwortet hat, und durch ihre enge Beziehung zur Hagener Musikszene den inhaltlichen Input gegeben hat.

Wer sie und mich kennt, ahnt schon, dass wir immer wieder vom Thema abgekommen sind. Wir haben über ihren wunderbaren Garten ebenso gesprochen wie über ihre eigene Geschichte und ihre Erlebnisse in den 70er- und 80er-Jahren, als sie als Grafikerin, Art-Direktorin und Fotografin für verschiedenen Zeitschriften unter anderem in der Musikszene tätig war und viel Zeit mit ihrem Mann Hunter und seinen Bands „Grobschnitt“ und „Extrabreit“ auf Tournee verbracht hat. Hier ist nur ein kleiner Ausschnitt unseres Gespräches 🙂

Wie hat dieses ganze Projekt eigentlich angefangen?
Das Muschelsalat-Team wurde von Hagenern zu dieser ersten Produktion angeregt, die immer wieder meinten, wir könnten doch auch mal etwas aus Hagen beim Muschelsalat zeigen. Natürlich hätten wir eine Hagener Band einladen können, aber der Muschelsalat ist ja ein Festival, das in irgendeiner Weise verbindet – Kulturen, Genres oder auch Medien. Da brachte Maren John McGeoch, den sie schon seit vielen Jahren kennt, ins Gespräch und wir waren sofort begeistert von der Idee, auf diese Weise, die Hagener Musikszene zu präsentieren.

John McGeoch ist Schotte und kannte sich wohl nicht mit der Hagener Musikszene der 70er- und 80er-Jahre aus. Wie habt ihr es hinbekommen, dass er trotzdem ein so authentisches Werk geschaffen hat?
Wir haben ihm viel Material zur Verfügung gestellt, viel mehr als er verwendet hat. Sowohl Musik als auch Bilder. Ich habe wochenlang mein Archiv eingescannt, recherchiert und telefoniert, um Unterlagen zu bekommen, die ich für wichtig hielt. Ich habe ihm eine 30-seitige Timeline erstellt, damit er wusste, wann wer wo was gemacht hat und welche Bildaufnahmen zu welcher Musik gehören.

Das klingt nach einer Sisyphos-Arbeit.
Das war es auch, keine Frage. Aber sie war auch schön, weil ich mich an viele Sachen erinnert habe und auch, weil ich das Gefühl hatte, ein Projekt aufzugreifen, das mein Mann „Hunter“ schon Anfang der 80er-Jahre im Kopf hatte. Damals hatte er die Idee, die verschiedenen Musikstile in Hagen, die er mit seiner Arbeit bei Grobschnitt, Extrabreit und den Stripes miterlebt hat, für ein Projekt unter dem damaligen Generalmusikdirektor Hallaz und dem Hagener Orchester auf die Bühne im Stadttheater zu bringen. Aber damals war die Zeit noch nicht soweit.

Und heute ist sie das?
Ja, wir leben in einer Zeit der Rückschau. Nicht nur unsere Generation, auch ältere und jüngere erinnern sich gerne und besinnen sich darauf, was es früher gab. Das sieht man ja bei Facebook besonders gut. Wie begeistert da alte Musikeinspielungen und alte Fotos aufgenommen werden. Und letztlich war auch der Muschelsalatabend ein Beispiel dafür.

Gut, dass du zurückkommst zu unserem Thema 🙂 Du hast also das ganze Rohmaterial aufbereitet und wie hat John McGeoch damit gearbeitet?
Das kann ich gar nicht beschreiben. Ich bin wirklich fit in der Arbeit mit Photoshop und anderen Grafikprogrammen. Aber das war auch für mich beeindruckend, wie er es geschafft hat, teilweise mit zig Ebenen zu arbeiten und dadurch statische Bilder zu animieren. Er hatte genau im Kopf, was er entwickeln wollte und manchmal meldete er sich, weil er noch Köpfe brauchte – für den Zug zum Beispiel, den er rollen ließ. Dann habe ich mein Material gesichtet und notfalls weitere Archivunterlagen beschafft.

Wie beschafft man Unterlagen aus den 70er- und 80er-Jahren, als es noch kein Internet gab und sicher auch in Plattenfirmen noch keine digitalen Archive?
Manches habe ich in den Koffern und Kisten bei mir im Haus gefunden, aber ich hatte auch tolle Unterstützung. Rolf Möller hat zum Beispiel für ein Plakat von „Extrabreit“, das ich sonst nirgendwo finden konnte, seinen Dachboden durchforstet, obwohl wir nur einen Ausschnitt davon benötigten.

Mhm, wenn du das so erzählst, möchte ich den Film am liebsten erneut anschauen. Ich habe zwar viele Fotos gemacht, aber vor dem Hintergrund würde ich vor allem die Animationen mit ganz anderen Augen sehen.
Er wird auf jeden Fall noch einmal in der Pelmke gezeigt. John ist bereits dabei, ihn so zu bearbeiten, dass er auch in einem geschlossenen Raum wirkt. Das ist sicher das Geheimnis seines Erfolgs. Er achtet auf Kleinigkeiten. Wir haben mit ihm, ehe er überhaupt begonnen hat, den Film zu entwickeln, die möglichen Spielorte angeschaut. Zur Diskussion standen das Elbersgelände, die Rückseite der Johanniskirchen und eben die Sporthalle auf Emst. Auf den ersten Blick hatte natürlich das Elbersgelände am meisten Flair, bei der Johanniskirche entpuppte sich der Vorbau als kleines Hürde, die aber zu meistern gewesen wäre und die Sporthalle wirkte zunächst fad und wenig ansprechend. Aber John konnte sich schnell die Präsentation dort vorstellen und war entzückt von dem Dachfenster, das wie ein Ufo wirkte. Das hat er in den Film eingearbeitet.

Aus der zauberhaften Videoinstallation Komm nach HagenDas ist mir schon beim Zusehen aufgefallen, in einer Szene kam es mir vor, als würde Licht aus dem Fenster fallen. Sehr beeindruckend. Aber auch, wenn man das nicht noch einmal erleben kann, lohnt es sich, die Show in der Pelmke anzuschauen. Ich reserviere mir hiermit schon mal einen Platz 🙂 und danke Heike Wahnbaeck ganz herzlich für die interessanten Hintergrundinformationen und ihr, John McGeoch, Maren, Astrid und allen, die das Projekt Komm nach Hagen, werde Popstar unterstützt haben, für das wunderbare Event, das mir als Zugezogene einmal mehr gezeigt hat, dass Hagen eine tolle Stadt mit tollen Menschen und einer starken Identität ist. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen zum Open Air-Kino im Kino Babylon der Pelmke

Hier gibt es mehr und größere Fotos von der Multimedia-Show