(10.09.2015) Am 5. September durfte ich an einer ganz besonderen Veranstaltung teilnehmen, der Generalprobe des „Kulinarischen Rundgangs“ durch Essen-Rüttenscheid mit meiner Autorenkollegin Katia Simon. Die Idee, auf diese Weise einen Stadtteil und seine Gastronomie kennenzulernen, quasi eine kulinarische Expedition durchzuführen, hat mir gleich gefallen, als Katia davon erzählte. Deshalb habe ich mich besonders gefreut, dass ich an der Generalprobe teilnehmen durfte – als eine der wenigen Ortsfremden, denn bisher bestand meine einzige Erfahrung mit Rüttenscheid darin, dass ich mich in einem Parkhaus verirrt hatte. Das ist mir dieses Mal nicht passiert, weil die Route schon logistisch optimal ausgefeilt war. Obwohl ich die Runde vorzeitig wegen eines anderen Termins verlassen musste, fand ich den Startpunkt sofort wieder. Ein erster Pluspunkt für die Runde.

Noch ein Pluspunkt ist übrigens, dass wir die kulinarische Expedition in der Girardetstraße starteten, die ist von der Autobahn schnell zu erreichen, wenn der Navi versagt, muss man nur den Schildern zum Girardethaus folgen und direkt gegenüber des Treffpunkts gibt es ein Parkhaus.

Zum Start bekamen wir eine Serviette und den Rüttenscheid Guide, in dem die kulinarischen Stationen mit ihren Besonderheiten vorgestellt wurden und dann ging es auch schon los mit der ersten Information über Rüttenscheid, ein Stadtteil mit immerhin 30.000 Einwohnern zwischen A40 und A52, der vor gut 1000 Jahren erstmals erwähnt wurde und bis vor 100 Jahren noch ein kleines Dorf war. Aber dann begann das Gezerre um den Flecken, mal gehörte er zu dieser Stadt, mal zu jener (ähem, hier kann ich meine vom Regen zerlaufene Notizen nicht mehr lesen 🙁 ) und 1900 wurde es sogar selbstständig. Das veranlasste die Dorfväter, flugs ein Rathaus in Auftrag zugeben. 1903 wurde es eröffnet, diente allerdings nur zwei Jahre als Zentrum des eigenständigen Ortes, denn 1905 wurde Rüttenscheid in Essen eingemeindet. Und endlich habe ich nun auch erfahren, was es mit Herrn Girardet auf sich hat. Das Girardethaus kannte ich vom Namen und wir trafen uns am Girardetcenter – nun weiß ich, dass Wilhelm Giradet ein Drucker und Verleger war, der in Rüttenscheid von der Lebensmittelmarke bis zum Playboy alles druckte, wofür er beauftragt wurde, und der dazu noch einige Jahre Stadtverordneter in Essen war.

Dermaßen geistig gestärkt machten wir uns auf den Weg zum ersten kulinarischen Ziel – Fisch-Feinkost Kluge an der Rüttenscheider Straße. Da Fisch nicht zu meinen Lieblingsspeisen gehört, habe ich auf die Kostprobe verzichtet und mich stattdessen der Geschichte des Ladens und der Wandmalerei gewidmet. Die Geschichte ist nämlich nicht uninteressant, weil sie durch eine fast 100 Jahre alte Registrierkasse bezeugt wird. Die steht seit 1919 in diesem Geschäft, mindestens solange ist dort ein Fischhändler ansässig, die Familie Kluge führt den Laden seit 45 Jahren inzwischen schon in der zweiten Generation.

Und weil wir schon auf der Rüttenscheider Straße waren, sind wir wenige Schritte weiter gleich zum Metzger Gronau spaziert, wo die Vegetarier anfangs sehr skeptisch schauten. Als sie dann aber statt der – sehr leckeren – Fleischwurst wohl ebenso leckeren Büffelmozzarella aus ebenfalls eigener Herstellung bekamen, wirkten sie zufrieden. Ich gebe ja zu, dass ich Metzgereien nicht so viel abgewinnen kann, aber trotzdem oder gerade deshalb hat mich beeindruckt, wie groß dieses Unternehmen ist und dass die Ware bis auf wenige Ausnahmen wie Parmaschinken zum Beispiel aus eigener Fertigung stammt und Fleisch und Milch von einem eigenen Hof geliefert werden.

Nachdem wir uns ziemlich gestärkt hatten – ich war nach dem Metzgereibesuch schon satt 🙂 – ging es weiter in Richtung Rüttenscheider Markt. Die anderen gingen zielstrebig, ich habe rechts und links noch Hauszeichen und andere hübsche Dinge fotografiert, weshalb es unten eine umfangreiche Fotosammlung aus Essen fast ohne Speisen gibt. Der Gedanke, dass ich eigentlich satt wäre, verflog sofort, als ich hörte, dass wir in Schumski’s Grill Currywurst bekommen würden. Die Sauce war so lecker, dass ich nicht mehr weiß, was Katia dort zum Rüttenscheider Markt gesagt hat, außer dass er sich seit 1905 an jener Stelle befindet. Ach ja, wir haben vorher noch einen sehr hübschen Park mit schönen Spielgeräten passiert, der auf einem ehemaligen Kirchhof – ihr wisst schon: Friedhof – errichtet wurde. Auch eine schöne Idee für eine Geschichte! Insgesamt war ich erstaunt, wie viel Historisches Katia über den Stadtteil ausgegraben hat.

Auf dem Weg zur vierten Station, dem Zodiac, hätte ich die Gruppe fast verloren, weil mich eine Hausfassade so fasziniert hat. Im letzten Moment sah ich sie um die Ecke huschen. Aber auf „die andere Pizza“ beim Zodiac mussten wir ohnehin etwas warten, weil die speziell für uns zubereitet wurde. Wir haben übrigens die sehr leckere „Krebs“-Pizza gegessen. Und nein, die Pizza war nicht mit Krebsen oder anderem Getier. Das Zodiak ist eine vegetarische Bio-Vollkorn-Pizzeria, dessen Inhaber ein Liebhaber von Zahlenspielereien ist. Deshalb gibt es 12 verschiedene Pizzen, die nach den 12 Sternzeichen benannt wird.

Für mich war die fünfte Station, „Jonny’s Esskultur“, die letzte Station, weil ich um 15.00 Uhr in Bochum einen Termin hatte. Aber dort war ich sicher nicht zum letzten Mal – diese selbstgemachte Erdnusssauce ist ein Traum. Am liebsten hätte ich ein Schälchen mitgenommen, aber ich wusste ja, dass ich noch ein paar Stunden unterwegs sein würde. Also muss ich noch einmal hin. Die anderen Teilnehmer der Generalprobe sind noch im Culinaria Italia eingekehrt und haben zum Abschluss der Runde im Eiscafé Kemmerling ein Eis als Nachtisch bekommen. Selbst das hätte ich vermutlich nicht mehr geschafft, weil ich trotz des dreistündigen Rundgangs und der Verkostungen wirklich satt war. Ok, ich habe den überzähligen Spieß mit der Erdnusssauce übernommen 🙂

Mein Fazit: Ich bin begeistert von der Idee, finde einen Stadtteil wie Rüttenscheid, der historisch und kulinarisch einiges zu bieten hat, optimal für einen solchen Rundgang und kann mir gut vorstellen, den Rundgang noch einmal mitzumachen. Ich wollte von Katia wissen, wie es ihr ergangen ist und wie sie überhaupt auf die Idee kam, ein solches Projekt zu realisieren.

Katia Simon: „Der Kontakt zu eat-the-world kam eher zufällig zustande. Ich wäre von alleine nie auf die Idee gekommen, Stadtführungen zu organisieren oder zu leiten. Aber ich habe sofort gemerkt, dass es erstaunlich gut zu mir passt! Ich liebe meine Heimat das Ruhrgebiet und mag es, anderen meine Lieblingsecken zu zeigen und kleine Geschichten zu erzählen. Gutes Essen ist sowieso eines meiner Hobbys, das ergänzt sich einfach gut! Die Arbeit im Hintergrund – zu planen, Termine zu organisieren und Kollegen zu koordinieren – ist im Grunde genau das, was ich als Lektorin und Projektmanagerin schon seit langem für Verlage mache. Die Generalprobe hat mir schon großen Spaß gemacht und freue mich auf die ersten ‚richtigen‘ Gäste, denen ich hoffentlich mit ein bisschen weniger Lampenfieber meinen Stadtteil und die Besonderheiten dort zeigen kann!“