(02.01.2017) Zwischen den Jahren habe ich es endlich geschafft, meine Leseblockade zu überwinden. Das klingt seltsam, aber ich habe im letzten Jahr insgesamt vielleicht ein Buch rein zu Unterhaltungszwecken geschmökert. Recherche-Literatur habe ich gelesen, unzählige Bücher über Papierbasteleien durchgeblättert und Bücher gekauft. Aber einfach ein Buch in einem Rutsch auslesen wie früher, das ging irgendwie nicht. Bis Weihnachten. Neben der interessanten Kindheitsbiografie von Hape Kerkeling habe ich drei Bücher gelesen, die auf ganz unterschiedliche Weise in meinen Lesestapel geraten sind und sich alle auf irgendeine Weise mit der NS-Zeit beschäftigten. Zufall? Oder Hinweis, dass ich 2017 endlich weiter an dem Buchprojekt arbeiten soll, dass ich schon lange im Kopf habe?

Was das Leben sich erlaubt

Ja, das ist der Titel des aktuellen Buches von Hardy Krüger: Was das Leben sich erlaubt. Mein Deutschland und ich. Das Weihnachtsgeschenk einer Freundin. Ich hatte es in der Buchhandlung gesehen, hätte es mir aber nicht selbst gekauft. Und dann habe ich es verschlungen. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich nicht mal mehr weiß, aus welchen Filmen ich Hardy Krüger kenne, mir sagen Name und Gesicht etwas, dass er 1928 geboren ist und damit den Krieg und die NS-Zeit bewusst miterlebt hat, wusste ich nicht. Ein Großteil des Buches beschreibt seinen Alltag als Kind und Jugendlicher in der Zeit unter Hitler und erinnert aus persönlicher Sicht an unsere jüngste Geschichte – die Schrecken des Krieges, aber auch an den Alltag der Menschen, die nicht verfolgt wurden. Vor allem aber habe ich dort Namen wieder gefunden, die mir schon in den Briefen von Herti Kirchner begegnet sind, Hans Söhnker, der mit seinem Kollegen Albert Florath versuchte, Juden zu retten. Am meisten überrascht war ich allerdings, als ich das Kapitel über Krügers Freund, den Buchhändler Felix Jud las. Er hat genau das getan, was ich meiner Protagonistin Katharina in „Brandbücher“ ins Leben geschrieben habe. Er hat vor der Bücherverbrennung 1933 die verbotenen Bücher in seinem Garten vergraben. Verrückt, oder?

Die Tänzerin von Auschwitz

Diese „Geschichte einer unbeugsamen Frau“, wie es im Untertitel heißt, von Paul Glaser habe ich mir gekauft, als ich mich in die Buchhandlung am Rathaus habe einschließen lassen. Ob mir das Buch sonst begegnet wäre, ich weiß es nicht. Da war natürlich klar, dass es um die NS-Zeit und Konzentrationslager ging. Doch auch dieses Buch hielt Überraschungen und neue Sichtweisen bereit. Weder aus dem Namen des Autors noch aus dem Klappentext ging hervor, dass es sich um die Geschichte einer niederländischen Jüdin handelt. Für das Erleben der Konzentrationslager ist das auch nicht wichtig, aber mich führte das Buch so wieder auf die Spuren von Anne Frank, denen ich für meinen Krimi „Falsches Zeugnis“ gefolgt bin. Wie Anne Frank war auch Roosje Glaser, die Tante des Autors, zunächst im Übergangslager Westerbork, in Auschwitz und Bergen-Belsen. Ein sehr beeindruckendes Buch von einer in der Tat unbeugsamen Frau, die lange versucht hat, sich den Repressalien der Nazis gegen Juden zu widersetzen und auch in den Lagern nie aufgegeben hat. Und weil das eine Kritik an meinem Buch war – Roosje hat Briefe geschrieben und aus den Lagern geschmuggelt und anfangs sogar Tagebuch. Was ich für Anne erfunden habe, war also in der Realität möglich. Das Buch beruht auf den Briefen und den Recherchen, die Roosjes Neffe Paul Glaser durchgeführt hat – nachdem er bei einem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz beim Anblick eines Koffers mit der Aufschrift „Glaser“ erstmals auf den Gedanken kam, dass es da ein Geheimnis in seiner Familie gab. Sehr interessant im Übrigen auch – und erschreckend zugleich – wie die Niederländer in der Nachkriegszeit mit den jüdischen Opfern umgegangen sind. Sehr lesenswert.

Der japanische Liebhaber

Nachdem ich es tatsächlich geschaffte hatte, alle Weihnachtsgeschenkbücher zu lesen, habe ich mich gleich auf meinen SUB gestürzt und ein Buch herausgesucht, das ich 2015 (!) zu Weihnachten bekommen hatte: „Der japanische Liebhaber“ von Isabel Allende. Ganz ehrlich – Cover und Titel hätten mich abgehalten das Buch zu kaufen, ich interessiere mich weder für Japan noch finde ich Bücher über Liebhaber besonders herausfordernd. Dass ich das Buch dennoch begonnen habe, liegt einzig und allein daran, dass ich Isabell Allende mit dem „Geisterhaus“, „Paula“ und anderen Büchern tolle Lesestunden verdanke. Umso mehr hat es mich verblüfft, als ein Handlungsstrang – das Buch spielt in den USA – plötzlich 1939 spielte und Bezug nahm auf die Judenverfolgung der Nationalsozialisten. Die Geschichte erzählt das Leben einer Frau, die als Mädchen von jüdischen, polnischen Eltern zu Verwandten in die USA geschickt wird. Die Eltern sterben in Treblinka, obwohl sie die Chance zur Flucht gehabt hätten. Sie starben, weil sie nicht glauben konnten, dass es den Deutschen wirklich gelingen würde, die angedrohte Vernichtung des jüdischen Volkes umzusetzen. Die Herkunft von Alma, geborene Mendel, spielt für die Geschichte nur eine untergeordnete Rolle. Mich hat vor allem gefesselt, wie die Menschen in den USA lebten, während in Deutschland Millionen Menschen vernichtet wurden und bei Bombenangriffen starben. Wenn ich an die Zeit zwischen 1933 bzw. 1939 und 1945 denke, fallen mir immer als erstes Verfolgung und Krieg ein. Dabei ging in vielen Ländern, gerade auf anderen Kontinenten, das Leben seinen gewohnten Gang. Für die meisten Menschen auch in den USA. Nicht für die Menschen japanischer Herkunft. Sie wurden nach dem Angriff auf Pearl Harbor ihres Besitzes und ihrer Rechte beraubt und in Lager gefangen gehalten. Wie – nebenbei bemerkt, das bezieht sich nicht aufs Buch – die Menschen deutscher Herkunft nach Eintritt der USA in den Krieg auch. In einem der Lager lebte ein Japaner, der eine bedeutende Rolle in Almas Leben spielen wird. Doch lest selbst, eine anrührende Geschichte über das Älterwerden und die Liebe, über Bande, die nie reißen, und Wunden, die einen das ganze Leben begleiten.

Was ich beim Lesen dachte

Als mir beim dritten Buch wieder die NS-Zeit begegnete, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob das ein Omen sein soll. Ich glaube an solche Signale und sie haben mir schon oft im Leben einen guten Weg gewiesen. Vielleicht ist das ein Zeichen, alle anderen Buchideen hintan zu stellen und mich mit dem Jugendbuch zu beschäftigen, dessen Konzept hier schon lange schlummert. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt.

Doch noch etwas anderes hat mich beschäftigt. Ich habe mich gefragt, was Menschen aus Syrien in 20, 30 oder 50 Jahren über unsere Zeit schreiben werden. Über unsere Rolle in ihrem Leben. Ich habe noch Roosjes Gedanken im Kopf, die bewusst in Schweden geblieben ist, weil sie sich in ihrem Heimatland, den Niederlanden, nicht akzeptiert fühlt – nach dem Krieg – und die sich an mehr gute Deutsche als gute Holländer erinnert. Werden sich die Flüchtlinge von heute an gute Deutsche erinnern? Sind wir hier in Deutschland nicht genauso wie vor 80 Jahren die Menschen in den Ländern, die nicht am Krieg beteiligt waren? © Birgit Ebbert