(29.10.2015) Ja! Leonardo da Vinci ist derzeit zu Gast in Bochum. Na gut, die echte Mona Lisa hängt weiterhin im Louvre, aber sie ist trotzdem in der Ausstellung „Leonardo da Vinci – seine Bilder, sein Leben, seine Maschinen“ vertreten, die seit dem 24. Juli in der dritten Etage des Kortumhauses zu sehen ist. Bis zum 17. Januar können Besucher sich dort – alleine oder geführt – davon überzeugen, welches Genie Leonardo da Vinci war.

Dazu muss man sich allerdings vor Augen führen, wann er gelebt hat, um das wahre Ausmaß zu erfassen, was er erfunden hat. Er wurde 1452 geboren und starb 1519 – vor etwa 500 Jahren! Sein Vater, obwohl er nicht mit Leonardo zusammenlebte, erkannte das Talent des Jungen und förderte ihn, in dem er dafür sorgte, dass er eine Ausbildung bei dem Bildhauer und Maler Andrea del Verrocchio absolvieren kann. Anfangs malt er – wie in jener Zeit üblich – religiöse Bilder zu Bibelstellen oder auch Madonnen, aber auch Porträts von Zeitgenossen. Er beschränkte sich allerdings, wenn man Giovanbattista Giraldt (1504-1573) glauben kann, nicht darauf, einfach etwas abzuzeichnen, sondern versuchte sich in die Objekte einzufühlen. „Wenn immer Leonardo eine Figur malen wollte, dachte er zuerst über ihre Eigentschaften und Natur nach … Und nachdem er ihr Wesen erkannt hatte, ging er dorthin, wo er wusste, dass Personen mit solchen Eigenschaften sich versammelten und er beobachtete sorgfältig …“, wird Giraldt zitiert. Eines von vielen interessanten Zitaten von und über Leonardo da Vinci übrigens, die einem den Künstler, Erfinder und was er noch alles war nahebringen.

Mit diesem Zitat im Kopf wurde mir gleich klar, weshalb sich Leonardo mit gut 50 Jahren der Wissenschaft zugewandt hat. Schon vorher hat er Studien an Menschen betrieben und in der Natur an, davon zeugen einige Zeichnungen in der Ausstellung. Ich kann mir richtig vorstellen, wie er etwas hörte oder sah und so lange nachgeforscht hat, bis er eine Erklärung fand – Internet gab es damals noch nicht und selbst Bücher waren eine Seltenheit. Viele seiner Gedanken sind überliefert, etwa 6.000 Seiten umfasst sein Nachlass, der aus Skizzen und Notizen besteht. Faksimile-Drucke einiger Seiten zeigen, wie genau er sich schon damals Dinge vorgestellt hat, die für uns heute selbstverständlich sind. Das, was er Scheinwerfer nannte, zum Beispiel und das mich doch sehr an die Camera Obscura erinnerte, die ich vorige Tage noch live erlebt habe. Faszinierend finde ich auch den Messwagen, den man sich unbedingt erklären lassen sollte, weil er so unscheinbar wirkt und die Lösung, wie da Vinci damit gemessen hat, völlig verrückt ist oder genial. Mit einem solchen Wagen hat Leonardo da Vinci einen Stadtplan von Imola erstellt und damit den Vorläufer unserer Aufsichtkarten von Städten entwickelt.

Immerhin hat er diese Erfindung selbst einsetzen können, das war längst nicht bei allem, was man auf seinen Zeichnungen sieht, so. Die Realisierung scheiterte nicht etwa daran, dass er Unsinn gedacht hatte, sondern dass es manches Zubehör, das er brauchte, noch nicht gab. Ich bin wirklich mit großen Augen und ständig gezückter Kamera natürlich durch die Ausstellung gegangen und habe vermutlich alles angefasst, was man anfassen durfte. Vorsichtig natürlich, ich habe nichts kaputt gemacht. Dazu ist meine Ehrfurcht vor denen, die diese 30 Exponate gebaut haben, zu groß. Hanno Buerkop, einer der Kuratoren, hat berichtet, dass sämtliche Ausstellungsstücke von ihnen selbst hergestellt wurden – nach den Zeichnungen da Vincis und mit dem Grundmaterial, das da Vinci zur Verfügung stand. Deshalb wurden für die nebenstehende Maschine nicht einfach zwei Zahnräder und eine Kette gekauft, sondern auch die Zahnräder wurden selbst hergestellt. „Dabei wird einem erst klar, welche Leistung da Vinci vollbracht hat“, erklärte Hanno Buerkop. „Das Gerät funktioniert nur, wenn die Zacken einen bestimmten Abstand haben und da kommt es auf die exakte Berechnung an.“

Wenn Hanno Buerkop erzählt, spürt man seine Begeisterung für das Thema. Ich kann mir gut vorstellen, dass er die Schulklassen, die die Ausstellung besuchen, sich von ihm in Leben und Werk da Vincis hineinziehen lassen und einen neuen Blick auf diesen Künstler entwickeln. Dabei fing alles ganz harmlos mit dem Besuch einer da Vinci-Ausstellung auf Mallorca an, die Hanno Buerkop nicht gefiel, weil sie zu klein war und nicht gut. „Das kann man besser machen“, fand er und hat sich zusammen mit Freunden an die Arbeit gemacht. Zwei Jahre haben die Vorbereitungen gedauert, anfangs waren es nur Bücherrecherchen und Museumsbesuche, aber irgendwann war das Bild der Ausstellung so weit entwickelt, dass es kein Zurück mehr gab. Inzwischen wurde sie Berlin, Bremen und Hamburg gezeigt, Bochum ist die vierte Station. Hinter der Ausstellung steht eine GmbH, die jeweils in Orten mit einem großen Einzugsgebiet und einer interessanten Location für die Ausstellung, Räume anmieten und dort eine Art „Kurzzeit-Museum“ einrichten.

Die Betonung liegt auf „Kurzzeit“, die Ausstellung verschwindet nämlich samt Exponaten, Bildern, Tafeln, Wänden, Museumsshop und Bistro nach dem 17. Januar wieder aus der Region. So nah bekommt man die Erfindungen da Vincis vermutlich nie wieder zu sehen. Die Chance sollte man sich nicht entgehen lassen, ich schaue jetzt mal in meinen Fotos, was ich finde, um euch zu motivieren, ein oder zwei Stunden in die Welt Leonardo da Vincis einzutauchen. Ich war übrigens dort, weil ich bei der Recherche für meine Steampunk-Geschichte plötzlich bei Leonardo da Vinci landete und ein Exponat habe ich mindestens in einer kleineren Ausführung bei einem der Steampunk-Festivals gesehen. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: www.davinciausstellung.de