Die Lernbegleiter(30.08.2016) In NRW hat das neue Schuljahr begonnen – für mich Zeit, den Schreibtisch und Die Lernbegleiter-Räume aufzuräumen. Ich neige dazu, im Unterricht witzige Begebenheiten auf Zettel zu schreiben und beiseite zu legen, zum Beispiel wenn ein Schüler mich nach dem Friseurbesuch fragt, ob ich keine langen Haare mag, weil ich sie immer kurz schneiden lasse 🙂 Einige der Unterlagen sind so merk-würdig, aber auch so erhellend für das Verständnis von Kindern, dass ich sie hier zusammengestellt habe.

Deutsche Sprache – schwere Sprache

Und manchmal bekomme ich sogar Geschenke :-)
Und manchmal bekomme ich sogar Geschenke 🙂

Am eindrücklichsten hat sich bei mir allerdings ein Erlebnis verfestigt, das ich mit einem Zweitklässler hatte, der aus einer Familie mit Migrationshintergrund stammte. Das Beispiel zeigt gut, wie wichtig der direkte Kontakt mit Kindern und Jugendlichen aus ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen für meine Autorentätigkeit ist. Der Junge hatte die Aufgabe, einen Text zu lesen und dazu ein Bild auszumalen. Er sollte dem Schneemann eine Rübe als Nase und Kohle als Knöpfe malen und neben das vorhandene Haus einen Schuppen. Der Kleine saß völlig hilflos vor dem Text, den er mit Mühe erlesen hatte. Mit den Angaben konnte er nichts anfangen – der Gymnasiast aus der zehnten Klasse, den ich direkt im Anschluss unterrichtete, übrigens auch nicht, denn „Eine Rübe ist ein Kopf, Kohle ist Geld und Schuppen ist das Weiße, was aus den Haaren fällt.“ Danach habe ich übrigens angefangen Teekesselchen zu sammeln.

Ähnlich verwirrt war ein Schüler, der die Vergangenheitsform von Verben bilden sollte: klingen – klang, singen – sang, wringen – wrang, bringen – ist doch klar: brang! Ehrlich, wer denkt sich solche gemeinen Aufgaben für Schulbücher aus? Das sitzt man als Lernbegleiter nur, schüttelt den Kopf und sucht nach Wegen, diese Ausnahmen in den Kopf des Schülers zu bringen.

Buchleser sind Spießer

„Ich will kein Spießer werden“, ok, ganz so hat es die Achtklässlerin nicht formuliert, mit der ich eine Schullektüre bearbeiten musste. Auf meine Frage, warum sie denn das Buch nicht gelesen hätte, antwortete sie mir: „Ich habe Angst, dass ich ein Spießer werde, wenn ich Bücher lese.“

Hattest du als Kind keinen Computer?

c-birgit-ebbert-01062010077Mit einem Drittklässler unterhielt ich mich über Computer und dass ich in seinem Alter noch kein Laptop hatte. Woraufhin er verwundert, dass ich damals nicht selbst auf die Idee gekommen war, meinte: „Dann hättest du den deiner Mutter nehmen können.“ Ich überlege gerade, ob das der Schüler war, der immerhin sehr galant meinte, niemals im Leben wäre ich 53, da müsste ich mich verrechnet haben. Das wäre ja fast so alt wie seine Oma, ich wäre sicher höchstens 39. 🙂

Internet ist nicht immer eine Lösung 🙂

Einen Computer haben fast alle meine Schüler, selbst die jüngeren. Und sie nutzen ihn eifrig, auch schon mal, um sie Hausaufgaben zu erleichtern. So eine Siebtklässlerin, die Euro in Dollar umrechnen sollte. So ganz hatte sie das Prinzip nicht verstanden, um nicht ohne Hausaufgaben da zu stehen, suchte sie im Internet und fand eine Hilfe. Allerdings hatte sie nicht mit der Tücke des Schulbuchs gerechnet. Dort war ein Umrechnungskurs im Bild angegeben, der nicht dem aktuellen Kurswert entsprach 🙂 Entsprechend waren alle Aufgaben falsch. Bis ich aber herausgefunden hatte, weshalb, hatte gedauert. Die Schülerin rückte nämlich nicht mit ihrem Trick heraus, erst als ich ein paar Aufgaben nachrechnete und immer das gleiche Ergebnis bekam, verriet sie mir, wie sie auf die Lösungen gekommen war.

Du denkst, dass du viel lebst

c-birgit-ebbert-17012011112Für die Lebensweisheit, die mir eine andere Schülerin mit auf den Weg gab, muss ich etwas ausholen. Damit ich meinen Schülern nicht ständig in ihre Geschichten quatsche, habe ich mir angewöhnt, während sie schreiben, Wörter für Subsets, also meine Untermengen-Gedichte, zu sammeln. In dem Fall schrieb die Viertklässlerin ein Märchen mit dem Titel „Der goldene Stein“, weshalb ich Wörter suchte, die sich aus den Buchstaben des Titels bilden ließen. Plötzlich legte das Mädchen den Stift beiseite und meinte mit ernstem Gesicht: „Ach, Frau Ebbert, du denkst, dass du ganz viel lebst. Warum schreibst du die Wörter, das wird nie im Leben fertig sein.“

Dieselbe Schülerin saß an einem anderen Tag völlig verwirrt vor einer Geschichte, die sie nacherzählen sollte. Darin ging es unter anderem darum, dass Geschwister einen Streit darüber hatten, wer ein Spiel auspacken durfte. Ihr Kommentar: „Sind die dumm, wir streiten uns, wer das Spiel auspacken MUSS.“

Wenn Lernbegleiter von Schülern lernen

c-birgit-ebbert-IMG_8983Es ist eben alles eine Frage der Perspektive, deshalb freue ich mich darauf, ab heute wieder ein wenig von der Sicht der Kinder mitzubekommen. Nebenbei bemerkt, weiß ich deshalb auch, dass Jugendliche nur wenige Worte der vermeintlichen Jugendsprache nutzen, das Geheimnis ist vielmehr, dass gängige Begriffe mit einer neuen Bedeutung versehen werden. „Läuft“, sage ich nur. Diese Sprache ist teilweise von Schule zu Schule unterschiedlich und manchmal tauchen plötzlich sogar Sprüche auf, die ich aus meiner Schulzeit kenne. Ich bin gespannt, was mich im neuen Schuljahr erwartet. 🙂 © Birgit Ebbert