(17.02.2014) Schon als ich die Treppen zum LutzHagen hinaufging, hörte ich, wie ein Kind seiner Oma erzählte, dass Lucy eine Killermücke sei. Einer der kleinen Besucher, die Lucy, der Killermücke, die Treue über mehrere Spielzeiten die Treue gehalten haben und die Uraufführung des neusten Abenteuers erleben wollten.

Dass es um Wasser ging, war nach dem Titel „Lucy und der Wasserschaden“ zu erwarten. Aber ein Wasserschaden könnte ja auch ganz anders aussehen als das, was uns beim Eintritt in das Lutz erwartete. Ein Mann, der Wasser aus einem Brunnen in PET-Flaschen abfüllte, die das Label „Oooje. Reines Leben“ trugen. Flasche um Flasche füllte er, während sich die Zuschauerreihen bis auf den letzten Platz füllten und die Dämmerung langsam dem Tageslicht wich. Im Hintergrund zeigte ein Prospekt mit einem ausgetrockneten Flusslauf und einem verdorrten Baum in der Wüste, wo die Geschichte spielte. Lucy, die Killermücke, (eine Puppe, die durch Lucia Balazova auf wunderbare Weise lebendig wurde) besuchte ihren Freund Ben (Spiel- und Gesangstalent Joel Karl-I-Bond) in Afrika.

Ben und Lucy (Foto: Foto Kühle)

Doch statt sich über Lucys Besuch zu freuen, reagierte Ben verärgert und versuchte mit allen Tricks, Lucy loszuwerden. Als die Killermücke endlich verschwand, wurde klar, warum sie im Weg war: Ben wollte aus dem Brunnen, an dem groß das Schild „Verboten“ hing, Wasser abfüllen. Für seine Familie, die fünf Kilometer entfernt ohne Zugang zum Wasser lebte. Weil Ben soviel Zeit mit Lucy vertrödelt hatte, erwischte ihn der Wasserabfüller als Vertreter der Wasserwirtschaft (pfiffig und teilweise akrobatisch verkörpert von Loris Qoraj), der uns aus dem Intro bereits bekannt war.

Da saß Ben nun, gefesselt und bewegungsunfähig. Wie gut, dass Mücken nicht so leicht zu vertreiben sind. Es dauerte nicht lange, bis Lucy Killermücke wieder auftauchte. Zum Glück hatte sie ihre Freundin Sara (herausragend gespielt von Nachwuchstalent Fabienne Hahn) und Professor Wunderlich (herrlich wunderlich dargestellt von Thomas Bauer) aus Deutschland im Schlepptau. Gemeinsam gelang es ihnen, Ben zu befreien und den Vertreter der Wasserfirma zu besiegen. Bis dahin erfuhren Lucy, Sara und Ben einiges darüber, warum Ben in Afrika kein Wasser hat und was Sara in Deutschland tun kann, damit die Wassernot in Afrika nicht noch schlimmer wird.

Diese Geschichte wurde von den fünf Schauspielern in einer gelungenen Mischung aus Witz, Humor und Ernsthaftigkeit eindrucksvoll umgesetzt. In den 65 Minuten der Vorstellung war kein Mucks aus dem Zuschauerraum zu hören, der zu etwa einem Drittel mit Kindern ab drei Jahren gefüllt war. Das ist – finde ich – das größte Lob für ein Kinderstück, wenn die Kinder die ganze Zeit über gefesselt werden und keines quietscht, wippt oder fragt „Wie lange noch?“. Diese Prüfung haben die Schauspieler und alle, die an der Inszenierung mitgewirkt haben bestanden.

Aber auch mich, die ich vom Zielgruppenalter Vor- und Grundschulkinder ein paar Jahrzehnte entfernt bin, war gefesselt und froh, dass ich mir zwischendurch die kleinen Besonderheiten notieren konnte. Was ich aufgeschrieben habe, wandert direkt in den Erinnerungsspeicher und da gehört diese Vorstellung in jedem Fall hin. Die wunderschönen Songs, die von den Darstellern so gut vorgetragen wurden, dass sie sich den Szenenapplaus zwischendurch redlich verdient hatten. Die Tanzeinlagen, die zwischendurch für Action auf der Bühne sorgten, die ruhigen mimischen Einlagen und die witzigen Einfälle, um den „Wasserschaden“ zu erklären. Genial, wie der Wasserkreislauf erklärt wurde und es auf der Bühne plötzlich wirklich regnete.

Eine rundum gelungene Inszenierung, fast ist es schade, dass die Vormittagsveranstaltungen dank des Projektes „Jeder Schüler ins Theater Hagen“ schon ausverkauft sind. Aber es gibt einige Nachmittagsvorstellungen und im Sommer erwartet die Hagener ein besonderes Highlight. Das Stück gehört nämlich zu einer Gruppe von drei Stücken über das Wasserproblem, die beiden anderen wurden in Berlin und in Brasilien inszeniert. Im Sommer werden alle drei Stücke in Hagen zu sehen sein, ich schicke gleich meine Reservierung für das „Wasser-Festival“ ab.

Der eine oder andere mag sich angesichts der ernsten Thematik fragen: Gehört so etwas ins Theater? Und dann noch für Kinder und Jugendliche? Das ist ein Thema, über das ich einen eigenen Beitrag schreiben könnte, habe ich mich doch im Pädagogik- und Germanistikstudium lange damit beschäftigt. An meiner Antwort würde sich nichts ändern: Ja, Theater ist eine Möglichkeit, ernste Themen und Lösungsansätze zu vermitteln – wie Kinder- und Jugendliteratur übrigens – und ich freue mich, dass es noch Theater wie das LutzHagen gibt, die sich der schweren Aufgabe, ernste Themen eindrücklich und unterhaltsam zugleich aufzubereiten, stellen.

Fast hätte ich es vergessen: Im Foyer des Lutz ist passend zum Stück eine Ausstellung der Gevelsberger Fotografin Svenja Kohlmeier zu sehen. © Birgit Ebbert