(01.05.2014) Als ich vor einiger Zeit für einen Artikel zum 1. Mai recherchierte, stellte ich völlig überrascht fest, dass ein Brauch, den ich aus meiner Kindheit kenne, nicht allgemein üblich, sondern einzigartig für Borken ist. Die Maitremse.

Dass es sich nicht um einen Brauch handelt, der sich in den 50er- oder 60er-Jahren entwickelt hat, zeigt ein Gemälde von Julia Schily-Koppers, das ich kürzlich im Stadtmuseum Borken entdeckt habe. Leider auch mein einziges Foto von einer Maitremse, denn das Besondere an der Maitremse ist – wie der Name schon sagt -, dass sie nur im Mai in Borken hängt und auch nur dann fotografiert werden kann. Ich werde mein Bestes geben, auch wenn mich meine Fahrten im Mai eher in den Norden und Süden führen.

Doch was hat es mit der Maitremse auf sich. Es handelt sich um ein Drahtgestell in Glockenform, das mit Papier- und Eiergirlanden geschmückt wird und in dessen Innerem ein Vogel hängt hängt – im Internet las ich, er sei traditionell aus Holz, ich erinnere mich aber daran, dass ich auch schon welche aus Papier gesehen habe.

„Maitremse in der Vennestraße“ von Julia Schily-Koppers 1935

Diese Maitremse wird über eine Straße oder auf einem Platz aufgehängt und dann wird gefeiert. Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater, der als Kiepenkerl bei dem Fest auf dem Marktplatz anwesend war, oft begleitet habe. Vermutlich kann ich noch deshalb heute so viele Kreis- und Spiellieder. Unter der Tremse wurden nämlich getanzt und Lieder gesungen. In meinem Elternhaus müsste noch ein Heft mit „Tremsenliedern“ liegen. Ich weiß, dass in jedem Fall „Wir öffnen jetzt das Taubenhaus“ dazu gehörte und „Schornsteinfeger ging spazier’n“. In einem Bericht des Borkener Heimatvereins werden auch die Lieder „Guter Freund, ich frage dir“ (Ja, so steht es in dem Artikel des Heimatvereins und so wurde es gesungen!) und „Jammer, Jammer, höre zu“ erwähnt. Da mir dazu spontan die Melodie einfällt, wurden die sicher auch gesungen wie ebenfalls „O Buer, wat kost dien Heu“.

In der Nachbarschaft „Am Kalkofen“

Woher die Bezeichnung Tremse stammt, darüber gibt es keine sicheren Informationen, auch über die Verbreitung, möglicherweise symbolisiert sie einen Brunnenkrank. Es ist bekannt, dass Ende des 19. Jahrhunderts der Brauch auch in Ramsdorf und Dülmen üblich war, zum ersten Mal erwähnt wurde eine solche Tremse 1432, allerdings zum Bartholomäustag am 24. August.

Heute werden die Maitremsen in der regel von organisierten Nachbarschaften oder dem Heimatverein aufgehängt. Früher waren für die Organisation die ältesten schulpflichtigen Mädchen zuständig, die hier gleich zeigen konnten, wie gut sie sich auf den Umgang mit Kindern verstanden. Finanziert wurden die Maitremse und die Bewirtung beim Tremsentanz, indem die Kinder Geld sammelten. Sie gingen mit Sammelbüchsen von Haus zu Haus oder sprachen Passanten auf der Straße an.

Und so sieht die Maitremse von unten aus.

Wenn ich so darüber nachdenke, sollte ich es vielleicht doch irgendwie schaffen, im Mai nach Borken zu fahren und mir anzusehen, wie die Tremsenfeiern heute ablaufen und ob sich überhaupt noch Kinder finden, die Spaß daran haben, singend und hüpfend im Kreis zu gehen. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen zur Maitremse auf der Seite des Heimatvereins Borken

Nachtrag vom 4. Mai 2014

Heute konnte ich mich dank eines Hinweises bei Facebook davon überzeugen, dass der Brauch der Maitremse in Borken weiterhin gelebt wird. In der Nachbarschaft Am Kalkofen trifft man sich am ersten Sonntag im Mai zum Kaffee und Tanzen unter der Maitremse. Jung und alt waren vertreten, damit alles mitsingen können, gab es spezielle Liederhefte – ich habe meines von 1975 sogar noch gefunden. Wie auch den Ablauf der Tremsenfeier am 30. April 1976, dem Jahr der 750-Jahr-Feier in Borken, von meinem Vater.

Beweisfoto: So tanzt und tanzte man unter der Maitremse.
Hier in der Nachbarschaft am Kalkofen.

Eine kleine Überraschung erlebte ich bei der Recherche, eine der Frauen, die ich Am Kalkofen traf, kannte ich nämlich aus der Zeit, als ich nach dem Abi als Praktikantin im Kindergarten Nünningsweg arbeitete. Sie berichtete mir, dass es am 30. April auf dem Marktplatz eine Tremsenfeier gab, organisiert vom Heimatverein, und dass es einige Nachbarschaften gibt, die den Brauch weiterführen.

Örtliche Einzelhändler unterstützen dies, indem sie Materialien für das Basteln der Maitremse bereitstellen.