(13.02.2014) Seit ich 1986 begann, Kinder- und Jugendbücher zu rezensieren, begleiten mich die Bücher von Manfred Mai. Als ich in Echterdingen lebte, hörte ich immer wieder: „Du musst unbedingt Manfred Mai kennenlernen.“ Inzwischen sind fast 30 Jahre seit der ersten Rezension vergangen, ich lebe schon mehr als 15 Jahre nicht mehr im Ländle – und ich habe es endlich geschafft, Manfred Mai zu treffen. Es war mehr als ein Treffen, es war eine Begegnung, an die ich mich sehr gerne erinnere und die zu den wertvollsten Erlebnissen in meiner Albschreiber-Zeit zählt. Vielleicht gerade weil ich so neugierig auf ihn war, vielleicht, weil er trotz seines jahrzehntelangen Erfolgs so „normal“ geblieben ist. Was heißt schon normal? Er hat mich in Albstadt aus der Ferne unter seine Fittiche genommen, mir gelegentlich aufmunternd zugenickt und  Wertschätzung vermittelt. Das haben auch andere, so ist das nicht. Aber von denen hatte nicht bereits als Studentin ein Buch gelesen.

Ich hätte sogar schon als Schülerin eines lesen können, stellte ich fest, als wir uns unterhielten. Das erste Buch, ein Roman über einen Neonazi, ist 1980 erschienen. Damals war Manfred Mai ein junger Lehrer und hatte einige Erlebnisse mit Schülern, die ihn beschäftigt haben. Diese Erlebnisse haben ihn zum Schreiben gebracht und auf einmal war ein Buchmanuskript fertig. Das hat er an den Spektrum Verlag in Stuttgart geschickt, einen Verlag, den heute vermutlich nur noch kennt, wer sich in den 80er und 90er Jahren mit Jugendliteratur beschäftigt hat. Der Verlag hat das Manuskript gleich veröffentlicht und seither wandert es von Verlag zu Verlag und wird immer der Zeit angepasst. Ich habe es zu Hause im Regal unter dem Titel „Warum gerade Andreas?“ gefunden, so erschien es 1991 in einer Reihe für leseschwache Jugendliche im Dürr+Kessler-Verlag, und kürzlich fand ich in einem Belegexemplar auch meine Rezension dazu.

Lehrer ist Manfred Mai, der in Winterlingen ganz in der Nähe von Albstadt, auf der schwäbischen Alb, aufgewachsen ist und heute auch wieder lebt, schon lange nicht mehr. Acht Jahre, nachdem er seine ersten Bücher veröffentlicht hat, hat er den Katheder-Beruf an den Nagel gehängt. Den Lehrerberuf nicht ganz, finde ich, denn in seinen Büchern vermittelt er noch immer Erfahrungen und Wissen, das ein Lehrer vermitteln könnte oder sollte. Vermutlich sind es auch diese kleinen oder großen Informationen, die in seinen Büchern mitschwingen, die mich besonders begeistern. Ich lese nun einmal gerne Bücher mit „Info-Tüpfelchen“ wie „Das verkaufte Glück“ über die Schwabenkinder oder „Erzähl mal, wie es früher war“, eine Anregung für Kinder und Eltern bzw. Großeltern über ihre Lebensgeschichten zu sprechen. (Witzigerweise gibt es von mir ein Buch für Erwachsene mit dem gleichen Titel im Lingen Verlag.)

Der Schriftsteller-Beruf wurde Manfred Mai nicht in die Wiege gelegt. Auf einem Bauernhof aufgewachsen, war nicht daran zu denken, dass er studierte oder schrieb. Lernen lag ihm aber auch nicht, sodass er sich für eine Malerlehre entschied. Schon mit dem Gedanken, dass er als Maler etwas verschönern könnte. „Als Maurer wäre das nicht in dem Maße möglich gewesen“, sinnierte er auf meine Frage, warum ausgerechnet Maler. Auf jeden Fall ein Beruf, der Kreativität verlangt. Schon nach der Ausbildung zog es ihn dann doch wieder in die Schule, er holte das Abitur nach, studierte und wurde Realschullehrer, bis er den Sprung in das Leben eines freiberuflichen Schriftstellers wagte.

Als Autorin interessiert mich immer brennend, wie Schriftsteller auf die Ideen für ihre Geschichten kommen. Manfred Mai begegnen sie einfach – in Geschichtsbüchern, auf der Straße, wo auch immer ihm etwas auffällt, was er für erzählenswert hält. Da er sich sehr für historische Fragen interessiert, sind es oft geschichtliche Themen, die sich in seine Bücher schleichen.

Selbst aus einem Umfeld kommend, in dem der Autorenberuf nicht gerade als Traumberuf angesehen wird, wollte ich doch wissen, wie seine Eltern auf seine Entwicklung reagiert haben. „Sie waren sehr stolz“, antwortet Manfred Mai und schmunzelt. „Wichtig war ihnen, dass ich ihnen keine Schande mache und mich nicht für etwas Besseres halte.“ Da schicke ich mal einen Gruß dorthin, wo seine Eltern heute sein mögen: Die Sorge war unbegründet. Ich habe ihn während der Literaturtage mehrmals getroffen und immer war er freundlich und herzlich zu jedem, der ihn ansprach – sogar Schwäbisch sprach er so überzeugend, dass ich mich gefragt habe, ob er seine Texte wirklich auf Hochdeutsch schreibt. Das hätte ich fragen sollen und nicht den ganzen Unsinn, den ich wissen wollte. Nächstes Mal! © Birgit Ebbert

Auf der Website von Manfred Mai findet sich unter anderem eine Übersicht seine zahlreichen Bücher.