(28.05.2014) In den letzten Jahren kam es mir schon gelegentlich so vor, als sei ein Fernsehbericht einseitig und gebe eine vorgefertigte Meinung des Autors wider. Meist fehlte mir die Zeit, zu recherchieren, ob mein Eindruck richtig war.

Am Montag nun ging es 45 Minuten in „Könnes kämpft“ (Link zum Beitrag in der Mediathek) um das Thema Nachhilfe. Ein Thema, mit dem ich mich auskenne, weil ich mich viele Jahre als Pressesprecherin damit befasst habe und Mit-Inhaberin einer Nachhilfeschule bin.

Gerade weil ich den Markt seit 15 Jahren beobachte, war ich fassungslos über den Beitrag, der die gleichen Klischees bediente und die gleichen Feindbilder aufbaute wie schon 1998, als ich mein erstes Interview zu dem Thema gab: Nachhilfeinstitute seien Abzocker, die von den Macken des Bildungssystems profitierten und Unmengen Geld scheffelten.

Heute bin ich vor allem Autorin und als solche muss ich aufschreiben, was mich bewegt und aufregt. Deshalb habe ich meine Anmerkungen zu der Sendung in einem – zugegeben etwas lang geratenen – Brief an den WDR-Intendanten Tom Buhrow zusammengefasst.

Ob der Brief etwas bewirkt? Ich weiß es nicht. Aber weiß man, wenn man einen Stein ins Wasser wirft, was er bewirkt?

Hier ist der Brief an Tom Buhrow im Wortlaut und als PDF zum Download und Weiterverteilen. Ergänzungen und Hinweise darf jeder gerne ins Kommentarfeld schreiben oder mailen an texterinforkids@birgit-ebbert.de.

Zur Sendung „Könnes kämpft – Nachhilfe“ am 26. Mai 2014

Sehr geehrter Herr Buhrow,

als Sie vor einem Jahr Intendant des WDR wurden, haben Sie die Zuschauer und Hörer aufgefordert, sich mit ihren Anliegen gerne direkt an Sie zu wenden.

Von diesem Angebot mache ich Gebrauch, weil ich entsetzt bin über die einseitige Darstellung der Nachhilfe und des Nachhilfemarktes in Deutschland in der Sendung „Könnes kämpft …“. Ich frage mich, ob Könnes für oder gegen etwas kämpft, in dem Fall gegen Nachhilfeinstitute, die seit 40 Jahren Kinder und Jugendlichen mit Lernproblemen erfolgreich helfen, ihren Weg durch das Schulsystem zu finden und ihr Potenzial zu entfalten.

Auch, wenn ich heute vor allem freie Autorin bin, kenne ich den Nachhilfemarkt aus verschiedenen Blickwinkeln. Ich war einige Jahre PR-und Marketing-Leiterin eines der großen Nachhilfeinstitute, habe an der Gründung eines Nachhilfeverbandes mitgewirkt, wissenschaftlich über das Thema gearbeitet und bin seit einigen Jahren Mit-Inhaberin einer Nachhilfeschule, in der ich täglich mit Eltern, Schülern, ihren Lebenszielen und Schulproblemen konfrontiert bin.

Vor diesem Erfahrungshintergrund bin ich fassungslos über die tendenziöse Sendung in einem öffentlich-rechtlichen Programm. Der Autor stellt Zahlen, Bilder und Zitate in den Raum, die den Eindruck erwecken, die Nachhilfebranche sei ein Abzocker-Paradies, das jedem ermögliche, viel Geld zu verdienen.

Natürlich kann Könnes nichts für die Antworten seiner Interviewpartner, aber er hat die Auswahl der Bilder, der Gesprächspartner und der Interviewsequenzen in der Hand. Dass er sich zum Beispiel den VBE-Vertreter Udo Beckmann ausgewählt hat, der wieder einmal bemängelt, dass Nachhilfeinstitute „Gewinn“ erzielen und nicht den Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, der den Markt sehr viel differenzierter sieht, sagt viel aus. Nebenbei bemerkt – auch in Richtung von Herrn Beckmann: Ein Unternehmen MUSS Gewinn erzielen und was ist das Problem daran, dass ein Bildungsunternehmen Gewinn erzielen möchte. Auch ein Autohersteller und jeder Handwerker muss Gewinn erzielen, dennoch unterstellt solchen Unternehmen niemand, dass sie schlechte Arbeit verrichteten. Instituten, die die Begleitung von Kindern und Jugendlichen durch die Schullaufbahn als Unternehmenszweck wählen, wird hingegen in dieser Sendung vorgeworfen, sie wollten nur Geld verdienen.

Unter uns: Ich würde liebend gerne Schülern helfen, ohne Gewinn zu erzielen, doch leider zahlt mir niemand ein A12- oder A13-Gehalt samt Urlaub und Altersversorgung. Als Selbstständige muss ich sogar meine Sozialversicherungsbeiträge komplett selbst zahlen und auch die Räume, in denen ich unterrichte, werden mir nicht kostenfrei zur Verfügung gestellt. Doch das nur am Rande.

Zurück zu den Auslassungen des Herrn Könnes. Denn Auslassungen gab es zuhauf in der Sendung. Mit keinem Wort wurde der Schwarzmarkt der Nachhilfe erwähnt. Die Lehrer, die – trotz ihres nicht gerade schmalen Gehalts – für 40 oder 50 Euro die Stunde privat Nachhilfe geben. Ob sie das versteuern? Die Nachhilfelehrer in den Instituten versteuern ihr Einkommen und die Institute werden wie andere Unternehmen steuerlich geprüft werden, auch danach, welche Honorar wem wann gezahlt wurden und ob evtl. Sozialversicherungsbeiträge fällig wurden. Ein Lehrer, ein Student, ein Schüler und die vielen anderen, die nebenbei Nachhilfe geben, werden nicht geprüft.

Ebenfalls ausgelassen wurden die Gründe, warum Schüler Nachhilfe nehmen. Es ist etwas kurz gegriffen, dieses nur an der Klassengröße, der schulischen Belastung und dem Schulsystem festzumachen. Auch der gesellschaftliche Druck und vor allem die Persönlichkeit des Lehrers spielen eine bedeutsame Rolle. Ich habe in den letzten Jahren viele Schüler erlebt, die demotiviert in meinen Unterricht kamen, weil Lehrer ihnen – manchmal auch coram publico – erklärt haben, sie seien dumm, auf der falschen Schule und könnten die Aufgaben ohnehin nicht lösen.

Auf einige Zahlen und Bemerkungen, die Herr Könnes gerne wiederholt und die genau den Eindruck erwecken, es seien die Institute die Abzocker, möchte ich besonders eingehen. Allen voran die Behauptung, die seit Journalisten und Lehrervertreter seit Jahren gerne herunterbeten, der Nachhilfemarkt boome und die Institute schössen wie Pilze aus dem Boden. Nach meiner Beobachtung ist eher das Gegenteil der Fall. Nachhilfeinstitute schließen, weil sie aufgrund der Angebote in Schulen und der Hinwendung zum Schwarzmarkt nicht mehr ausreichend Schüler finden, um ihre Schule zu unterhalten. Einzelne Nachhilfelehrer, die ins Haus kommen und keine Kosten haben, haben da möglicherweise andere Erfahrungen. Auch das übrigens eine Auslassung von Herrn Könnes: Er hätte den privaten Lehrer, den er zeigte, fragen können, wie er organisiert ist, wie das mit den Steuern und Sozialabgaben ist, wie er an seine Schüler kommt.

Noch eine gerne wiederholte Mär wurde unreflektiert in den Raum gestellt: Dass 1,5 Mrd. Euro für Nachhilfe ausgegeben werden. Wer diese Zahlen ermittelt hat, ist mir schleierhaft. In der Bertelsmann-Studie werden andere Zahlen erwähnt, mit dem Quellenvermerk: „Eigene Berechnungen des Autors“. Reale Zahlen existieren schlichtweg nicht. Wenn man sich aber anschaut, dass die Schülerhilfe mit ca. 1.000 Einrichtungen 2013 rund 110 Mio. und der Studienkreis mit ca. 1.000 Instituten ca. 80 Mio. Umsatz erzielt hat, dann käme man bei den von Herrn Könnes behaupteten 6.000 Instituten höchstens auf rund 600 Mio. Euro. Zum Vergleich: Der Umsatz von E-Plus Deutschland allein betrug 2013 3 Mrd. Euro und der Gewinn knapp 1 Mrd. Solche Vergleiche finden sich nicht bei Herrn Könnes, der klagt lieber, dass die Nachhilfebranche für Ungerechtigkeit im Bildungssystem sorge.

Auch für die 6.000 Institute gibt es keine Quelle. Ich habe in meiner Zeit als Pressesprecherin eines Nachhilfeverbandes Adressen für die Mitgliederakquise recherchiert. Auf 4.000 Einrichtungen oder 3.000, wenn man die kleineren Ketten abzieht, bin ich nicht gekommen. Aber vielleicht hatte Herr Könnes ja – öffentlich-rechtlich finanziert – mehr Zeit für die Recherche. Eine eigene Umfrage konnte er immerhin durchführen.

Seine Schlussfolgerung zu dieser Umfrage zeigt ein weiteres Mal die Tendenz der Sendung. Die Frage, ob sie gerade Nachhilfe nehmen oder bereits genommen haben, hat die Hälfte der Schüler mit „Ja“ beantwortet. Wer schon einmal wissenschaftlich gearbeitet hat, weiß, dass damit nur die Frage geklärt wurde, ob Nachhilfe genommen wurde. Über die Ursachen und Hintergründe sagt die Antwort nichts aus. Dennoch behauptet Könnes: „Jeder 2. Schüler ist auf Nachhilfe angewiesen.“ Angewiesen, das klingt so als ob die Schüler ohne Nachhilfe nicht überleben könnten. Hätte er auch gesagt: „Alle Schüler sind auf ein Smartphone angewiesen.“, wenn er gefragt hätte, wie viele Schüler ein Handy besessen haben oder besitzen? Dass es Schüler gibt, die Nachhilfe wünschen, obwohl sie sich mit ihren Noten im Mittelfeld oder sogar im oberen Drittel befinden, kommt auch hier nicht vor. Beim Zuschauer bleibt: Das Schulsystem ist schlecht und dadurch können sich Nachhilfeinstitute eine goldene Nase verdienen.

Und nun kassieren sie auch noch – so die Botschaft von Herrn Könnes – Steuergelder über die Zuwendung durch das Bildungspaket. 14,7 Millionen allein in NRW, betont er mehrfach, sodass man zwangsläufig verstehen muss, dass diese Gelder in die Institute fließen. Eine interessante Frage wäre aber gewesen: Wo bleibt eigentlich dieses Geld, das für Lernförderung bereitgestellt wird? Ein Blick in die Arbeitshilfe des zuständigen NRW-Ministeriums zum Bildungs- und Teilhabepaket hätte auch Herrn Könnes Aufschluss gegeben. Da wird nämlich empfohlen: „jemand, der das Lehramt des Faches studiert, eine ältere Schülerin oder ein älterer Schüler mit guten Noten, eine pensionierte Lehrkraft oder auch eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter eines Wohlfahrtsverbandes … Es sollte sich aus pädagogischen bzw. finanziellen Gründen nach Möglichkeit nicht um eine Person eines kommerziellen Anbieters handeln (Nachhilfeinstitut)“ (S. 45)

Entsprechend wird die Lernförderung in vielen Kommunen umgesetzt und wenn Nachhilfeinstitute beauftragt werden, dann häufig zu den Tarifen, die ein kommunaler Bildungsträger oder eine Einrichtung der freien Wohlfahrtspflege vorgeben. Die 14,7 Millionen sind also mitnichten in die Kassen der privaten Bildungsinstitute geflossen. Dabei hätten sie sie größtenteils verdient, denn sie übernehmen eine wichtige Ergänzungsaufgabe neben Schule und Elternhaus – übrigens nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern, das hat die Ministerin wohl übersehen und Herr Könnes hat vergessen das zu erwähnen. Sicher gibt es auch in diesem Markt Einrichtungen, die ihre Arbeit schlecht versehen, wie es schlechte Köche, schlechte Handwerker, schlechte Unternehmer – auch schlechte Journalisten, schlechte Lehrer und schlechte Politiker gibt.

In einem öffentlich-rechtlichen Sender die vielen Personen und Institute, die eine hervorragende Arbeit leisten, jedoch derart in Misskredit zu bringen, ist unfassbar. Leider ist mein Brief dazu sehr lang geworden. Nicht, weil ich gerne lange Briefe schreibe, sondern weil es so viel gab, das in ein falsches Licht gerückt wurde. Würde ich die Sendung noch einmal anschauen, fände ich sicher noch mehr Punkte. Aber ich mag sie nicht erneut ansehen, stattdessen unterrichte ich lieber einen Schüler, der gerne ein sehr gutes Abi machen möchte und sich dabei coachen lässt – wie sich viele Berufstätige, auch Manager, coachen lassen.

Was ich mit meinem Brief bewirken möchte? Daran zu erinnern, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender differenziert berichten sollte. Aber vielleicht kämpft Herr Könnes einmal für die Inhaber von Nachhilfeschulen und für die Nachhilfelehrer, die in der oft noch spätabends und am Wochenende für ihre Schüler und deren Eltern da sind, weil diese sonst niemanden fragen können, wie denn nun die Bruchgleichung gelöst, der Caesar übersetzt werden muss oder wie sie ihr Kind zum Lernen motivieren können.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Ebbert