(01.09.2014) Heute oute ich mich einmal: Ich liebe Schreiben über alles, aber ich hasse es, lektorierte Manuskripte zu überarbeiten. Nein, nicht, weil ich mich meinen Fehlern nicht stellen mag – ich bin froh, wenn ein Lektor Zeit- oder Perspektivenfehler, logische Brüche oder gar plötzliche Wechsel von Ort, Namen o.ä. findet. Was mir geradezu körperliche Schmerzen bereitet, sind die stilistischen Überarbeitungen.

Ich habe mich lange gefragt, woran das liegt, bis ich vor einiger Zeit ein Interview mit Peter Maffay im Fernsehen sah. Er erklärte, wie die neuen Melodien für seine Songs entstehen und dass er irgendwann einfach wüsste, dass die Melodie richtig sei. Ich konnte förmlich spüren, wie es in mir klickte, weil mir etwas klar wurde. So wie jeder Komponist und Musiker seine eigene Melodie oder Färbung hat, so hat auch jeder Autor seine Schreibmelodie.

Während allerdings niemand auf die Idee käme, einem Komponisten nach Fertigstellung seines Stückes zu sagen, die beiden Takte würde ich vertauschen, zwischen diesen beiden Takten solltest du eine Pause machen oder aus der Achtelnote würde ich eine ganze Note machen, erleben Autoren solche Eingriffe beim Lektorat ständig. Auch bei einem Maler würde sich keiner hinstellen und sagen: „Du, der blaue Strich da oben, der gehört weiter nach links“ und dabei in einer Bildgrammatik blättern. Nur wir Autoren müssen es aushalten, dass man unsere Sätze umstellt, Hauptsätze zu Nebensätzen macht, Satzzeichen ändert oder gar Worte durch andere ersetzt. Seit mir das klar wurde, verstehe ich die Bauchschmerzen, die mich befallen, wenn ich einen lektorierten Text vor mir habe.

Um es noch einmal zu betonen, ich bin froh über die Bereinigung von Füllwörtern, die ich übersehen habe, und wenn ein Lektor mich auf Wiederholungen hinweist, die mir beim Überarbeiten nicht aufgefallen sind, tut das dem Text gut. Aber munter Wörter durch Synonyme zu ersetzen, die in meinem Sprachfarbtopf nicht vorkommen, oder einfach meine Melodie zu zerhacken und neu zusammen zu basteln, das tut weh. Nicht nur im übertragenen Sinn, sondern wörtlich genommen.

Das Sprachgefühl eines Menschen geht über Grammatikregeln hinaus. Es wird von der Sprache seiner Umwelt vom ersten Lebenstag an geprägt, von dem was ihm vorgelesen wurde und was er selbst gelesen hat und von der Beschäftigung mit Worten, Grammatik und Sprache überhaupt. Diese Erfahrungen beeinflussen nicht nur das, was er schreibt, sondern auch, was er liest. Deshalb klingt ein Satz, der für den Autor stimmig ist, für einen Lektor mitunter falsch, sodass er behauptet, der Satz sei nicht flüssig zu lesen. Dass das vielleicht nur ihm so geht, wegen seiner Lese- und Sprachgeschichte, beachtet er bei seiner Änderung nicht. Auch nicht, dass er damit die Melodie des Autors zerhackt. Ich habe versucht, mir selbst das an Beispielen wie diesem zu erklären:

  • Das Kind nimmt sich allerdings einen Keks. (Für mich kann das Verschiedenes heißen, zum Beispiel: Die Erwachsenen essen nichts, das Kind …)
  • Allerdings nimmt das Kind sich einen Keks. (Das Kind lehnt andere Dinge ab, allerdings …)
  • Das Kind allerdings nimmt sich einen Keks. (Alle holen sich vom Büffet luxuriöse Dinge, das Kind allerdings …, vielleicht sogar: Die Kekse dürfen nicht angerührt werden, das Kind …)

Für mich haben alle Sätze eine unterschiedliche Bedeutung, je nach Satzstellung und Platzierung des Adverbs. Beim Schreiben entscheide ich mich bewusst oder unbewusst für eine Variante. Wenn ein Lektor die Konjunktion ändert, ist für mich damit oft die ganze Satzidee zerstört. Und manche Bücher haben viele Sätze, kein Wunder, dass ich Bauchschmerzen bekomme.

Ich habe im Internet Gleichgesinnte gesucht, die sich mit meinem Phänomen beschäftigt haben. Allerdings scheiterte ich bereits bei der Eingabe eines Suchbegriffs. Wie nennt man die individuelle Note, die einen Schreiber ausmacht?

  • Sprachmelodie? (Alle Suchergebnisse übersetzen das mit Intonation, das ist es wohl nicht.)
  • Schreibstimme? (15.000 Google-Ergebnisse, aber fast alle zu Kursen oder Coachings, um seine Schreibstimme zu finden. Was genau das ist, wird nicht erklärt.)
  • Schreibmelodie? (825 Google-Ergebnisse, fast alle zum Geräusch, das ein Schreibstift erzeugt!)

Mein Favorit ist Schreibmelodie, weil ein Autor letztlich aus Wörtern Satzmelodien entwickelt. Einen eindeutigen, feststehenden Begriff habe ich nicht gefunden, deshalb habe ich hier beschrieben, was ich meine, vielleicht weiß ein Blogleser, wie das heißt, das „Dingsda“. Ich speichere diesen Beitrag jetzt ab und stelle ihn zukünftig meinen Mails voran, wenn ich Lektoren maile. © Birgit Ebbert