Meine Reisen als Kind(31.08.2016) Im letzten Moment habe ich noch die Blogparade „Meine Reisen als Kind“ von Lena Marie entdeckt, die ich kenne von meiner Recherche zu bloggenden Kindern und die nun wissen möchte, wie Kinder Reisen erleben. Vielen Dank für die Anregung für die Reisen in die Erinnerung, die sollte man viel öfter unternehmen, weil sie auch helfen, die Ansprüche zurechtzurücken.

Das erste, was mir zu Reisen einfällt, ist Autofahren. Dabei bin ich als Kind auch oft mit dem Zug gefahren, bevor meine Mutter den Führerschein gemacht hat. Aber an die Zugfahrten habe ich keine Erinnerung. An Autofahrten in den ersten Lebensjahren auch nicht, eher an Autostehungen 🙂 Ich sehe mich als Kind hinten im Opel Kadett sitzen, da fand ich es wohl so gemütlich, dass ich verlauten ließ: „Ich bleibe noch ein bisschen sitzen.“ Was zu einem geflügelten Wort bei uns in der Familie wurde. Dieses Faible für Autofahrten zieht sich durch meine Kindheit. Die größte Freude konnten unsere Eltern meiner Schwester und mir mit einem Picknick an der Landstraße oder gar auf der Autobahnraststätte machen. Und wir waren für die 60er-Jahre viel mit dem Auto unterwegs, weil wir Verwandte bzw. Bekannte hatten die weiter entfernt wohnten – 100 Kilometer, die Fahrt über Land war damals für uns schon eine Reise, und 500 Kilometer, dorthin führten die ersten Reisen, an die ich mich bewusst erinnere.

Meine erste bewusste Reise

Wenn ich an die erste Reise denke, die ich bewusst erlebt habe, fällt mir als erstes ein, wie unser Käfer gepackt wurde. In den Kofferraum hinter der Rückbank kamen die Reisetaschen. Jedes Familienmitglied durfte eine packen und mein Vater schimpfte, weil sich meine so überhaupt nicht verstauen ließ. Kein Wunder, sie war bis zur Hälfte voll mit Büchern 🙂 Schließlich war alles untergebracht und der vordere Kofferraum sicherheitshalber mit einem Gürtel festgebunden. Eine im Prinzip schöne Idee, aber kann es sein, dass der Tank beim VW-Käfer gleich neben dem vorderen Stauraum lag. Das Tanken war jedenfalls immer ein großer Akt. Das Picknick nicht, weil die Taschen mit der Verpflegung im Fußraum standen – jederzeit griffbereit 🙂

Mit Liederbuch und Landkarte

c-birgit-ebbert-IMG_5535Ob ich jemals gequengelt habe, wann wir endlich ankommen, weiß ich nicht. Vermutlich eher nicht, weil ich mich schon immer gut beschäftigen konnte – neben den Büchern in meiner Reisetasche hatte ich auch das eine oder andere in der Umhängetasche 🙂 Außerdem wurde bei uns fast die ganze Fahrt über gesungen, noch heute kann ich fast jedes Volkslied aus dem Stand und textsicher mitsingen. Wenn wir nicht gesungen haben, haben wir uns die Zeit damit vertrieben, Autokennzeichen zu erraten. Meist war ich es, die mit dem Auto-Atlas – einem Werbegeschenk vom Arbeitgeber meines Vaters – kontrollierte, ob wir die Orte bzw. Landkreise richtig genannt hatten. Ich war sehr fit und es gab bis zur Wende kein Autokennzeichen, das ich nicht einem Kreis zuordnen konnte.

Der Urlaub als Sammlung kleiner Abenteuer

c-birgit-ebbert-IMG_5220Sagte ich schon, dass wir unseren Urlaub in Karlsruhe verbrachten, in Durlach, um genau zu sein. Das war für uns, aus dem Münsterland direkt an der niederländischen Grenze aufgewachsen, bereits ein kleiner Kulturschock. Eine so große und schöne Stadt, das Bild der Pyramide habe ich fürs Leben abgespeichert.

Am tiefsten eingegraben aber hat sich bei mir das Haus, nicht wegen des Schwimmbads, sondern wegen der Braille-Bezeichnungen in den Schränken. Der Besitzer war im Krieg erblindet und lebte allein in dem Haus. Entsprechend waren überall kleine Aufkleber mit Braille-Wörtern angebracht. Und in einem Schrank lagen sogar dicke Bücher in Blindenschrift, die ich zu entziffern versuchte.

c-birgit-ebbert-Schiltach-1968-2014Ich weiß von Fotografien, dass wir in Straßburg, in Schiltach (siehe früher-heute-Foto links) waren und am Bodensee, im Schwarzwald und an anderen Orten, die man von Karlsruhe aus erreichen konnte. Im Herzen bewahrt habe ich eben diese kleinen Erlebnisse, die Braille-Bücher, die ekeligen Nacktschnecken, die ich noch nie vorher gesehen hatte, das Wurfspiel, das uns die Nachbarin auf dem Rittnerberg beibrachte und der riesige Supermarkt. Noch heute liebe ich es, durch rieisge Supermärkte zu schlendern, aber der allererste Markt war der „Wertkauf“ in Karlsruhe. Dort habe ich auch die ersten Remittenden-Bücher gekauft – ein Traum für mich Leserättin, unter anderem war ein Buch dabei über ein Kind, das Blindenschrift lernt. Das ABC in Blindenschrift war abgedruckt – hätte ich jemals Langeweile gekannt, spätestens da wäre sie verflogen.

Mit Häkelnadel und Wollknäuel

Von Karlsruhe aus machten wir viele Ausflüge, irgendwann waren meine Bücher ausgelesen und auch die Autokennzeichen kannten wir auswendig. Da müssen wir wohl doch gequengelt haben, fällt mir gerade ein. Bei einem Ausflug nach Ettlingen, fragt mich nicht, wieso ich mir den Ort gemerkt habe, hatten unsere Eltern eine geniale Idee, um uns zu besänftigen. Sie kauften jedem Kind eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle. Fortan waren wir damit beschäftigt, unseren kleinen Talisman-Teddybären Schals, Schuhe und Kleidung zu häkeln und im Auto war es ruhig. Abgesehen von dem Gesang vielleicht.

Auf Reisen war alles anders

Aus heutiger Sicht waren das keine spektakulären Reisen, wir sind nie auf eine Insel geflogen, wir haben nicht im Hotel übernachtet, es gab keine CD im Auto und an eine Playstation dachte sowieso noch niemand. Aber wir hatten so viel Spaß und unsere Eltern haben aus den Urlauben immer etwas Besonderes gemacht. Es gab Hähnchen beim Wienerwald, was es sonst nicht gab, Orangensaft zum Frühstück, der sonst allenfalls sonntags aufgetischt wurde, und wir haben viel gesehen. Als ich in Stuttgart arbeitete, kannte ich viele Orte in Baden-Württemberg von jenen Urlauben. Wir waren zwar nie auf Mallorca oder in Italien, aber wir haben die Orte besucht, an denen mein Vater als junger Wandergeselle gelebt hat, und es gibt wohl kein Schloss im Umkreis von 200 Kilometern um Karlruhe und Borken, das ich nicht besucht habe :-). © Birgit Ebbert