Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg (1903 – 1945)

(24.01.2014) Über eine Begegnung in Albstadt habe ich noch nichts geschrieben, über Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg. Sie ist mir begegnet, als ich das Stauffenberg-Schloss in Lautlingen besichtigte. Ich hatte das Glück, dass ich allein im Haus war und ohne nachdrängelnde Besucher jede Bildtafel anschauen konnte. Ich kam mit der Dame ins Gespräch, die an dem Nachmittag Dienst tat, und erkundigte mich, ob und wo die Kinder und Verwandten von Claus von Stauffenberg lebten. Dabei erfuhr ich von Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg, der Ehefrau von Claus älterem Bruder Alexander, die kurz Fliegerin war und kurz vor Kriegsende 1945 von einem amerikanischen Jagdbomber abgeschossen wurde. An den Verletzungen, die sie sich bei der Notlandung zuzog, starb sie wenig später. Mit 42 Jahren, geboren wurde sie am 9. Januar 1903 in Posen.

Vor allem hat mich fasziniert, dass Melitta Schenk von Stauffenberg Fliegerin war – zu der Zeit eine große Ausnahme. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die alle Flugpatente besaßen und war nach Hanna Reitsch die zweite Frau in Deutschland, die zum Flugkapitän ernannt wurde. Am 28. Oktober 1937. Als Halbjüdin! Melittas Vater war Jude, ihre Mutter war evangelisch, der Vater war schon vor der Hochzeit zum evangelischen Glauben konvertiert. Bis zum Kriegsende lebte Melitta von Staufenberg in Deutschland und war einige Jahre sogar für die Luftwaffe tätig. Es heißt, dass Hermann Göring sich persönlich dafür eingesetzt hat, dass Melitta und ihre Familie trotz der jüdischen Wurzeln von der Verfolgung verschont wurden. Während des Krieges erhielt sie mehrere Auszeichnungen und am 1. Mai 1944 wurde sie zur Leiterin der Versuchsstelle für Flugsondergeräte ernannt.

Melitta von Stauffenberg wurde als Melitta Schiller am 9. Januar 1902 in Posen, das zur Zeit ihrer Geburt zu Preußen gehörte, nach dem ersten Weltkrieg aber polnisch wurde, geboren, dort ist sie auch aufgewachsen. Ihr Interesse an der Fliegerei zeigte sich bereits während der Schulzeit, ihre eigenen Flugaktivitäten begannen mit Segelfliegen. Nach dem Abitur studierte sie von 1922 bis 1927 in München neben Mathematik und Physik auch Flugmechanik.

Während der Uni-Zeit spürte sie zum ersten Mal Widerstand gegen eine Frau als Fliegerin. Als sie um Aufnahme in die „Akademische Fliegergruppe“ bat, war die Reaktion verhalten. Man versuchte ihr das Ansinnen auszureden mit der Begründung, sie müsse dann mit einem Kriegseinsatz rechnen. Obwohl sie dazu bereit war, nahm man sie nicht in die Gruppe auf.

Melitta von Stauffenberg und ihr Mann Alexander
1937 in Griechenland

Diese Abfuhr hielt Melitta nicht von ihrem Wunsch ab, Pilotin zu werden. Sie bewarb sich um eine Stelle als Ingenieurin bei der „Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt“ in Berlin-Adlershof und beschäftigte sich dort neun Jahre lang hauptsächlich mit Flugmechanik. In dieser Zeit nahm sie Flugstunden und bestand die Prüfungen zur Flugzeugführerin, sodass sie Testflüge selbst durchführen konnte. 1937 verfügte sie über alle Flugzeugführerscheine und wurde zum Flugkapitän ernannt. Das war kurz nach ihrer Hochzeit mit Alexander Graf von Stauffenberg am 11. August 1937. Alexander von Stauffenberg war der ältere Bruder von Claus und der Zwillingsbruder von Berthold von Stauffenberg. Seine Brüder waren beide an dem Hitler-Attentat vom 20. Juli beteiligt und auch er stand in Verdacht, von der Verschwörung gewusst zu haben. Wie auch Melitta von Stauffenberg. Während ihr Mann jedoch einige Zeit im Gefängnis verbrachte, wurde sie bald wieder auf freien Fuß gesetzt, da sie als „kriegswichtig“ eingestuft wurde. Heute wird aufgrund eines Tagebucheintrags von Melitta und der Aussage eines Kollegen davon ausgegangen, dass die Fliegerin von den Attentat-Plänen gegen Hitler wusste.

Melitta von Stauffenberg konnte nach Hitlers Untergang nichts mehr dazu sagen. Sie wurde am 8. April 1945, wenige Wochen vor dem endgültigen Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes auf einem Flug zu ihrem Ehemann von einem amerikanischen Jagdflugzeug abgeschossen. Sie konnte zwar noch notlanden, erlitt dabei jedoch so schwere Verletzungen, dass sie noch an der Absturzstelle starb.

Ein interessantes Leben, finde ich. Sollte ich je Zeit finden, werde ich versuchen, ein wenig mehr über ihr Leben herauszufinden, als ich in dem Büchlein „Sturzflüge für Deutschland. Kurzbiografie der Testpilotin Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg“ von Ernst Probst und Heiko Peter Melle (Grin Verlag 2012) erfahren habe. © Birgit Ebbert