Mein schönstes Motiv zu Miksang - im Gradierwerk in Hamm(23.02.2016) Man lernt wirklich nie aus! Ich habe gerade in einem Fotoblog-Beitrag auf www.moment-aufnahmen.info ein neues Wort gelernt: Miksang. Obwohl ich in den letzten Wochen für ein anderes Projekt viel über Entspannung, Meditation, Basteln und Fotografie recherchiert habe, ist mir der Begriff noch nie begegnet. Dabei trifft er genau das, was ich sonntags tue, wenn ich mit der Kamera ziellos durch Hagen streife, was ich erst kürzlich in einem Gespräch in Anlehnung an die zahlreichen „Zen“-Irgendwas-Angebote „Zen-Fotografie“ genannt habe.

Schwer zu definieren: Miksang

In der Autostadt WolfsburgAllerdings wage ich kaum eine eigene Definition von „Miksang“, weil ich in einem Beitrag las, dass jeder heute meine, Miksang zu definieren oder Miksang-Fotos zu machen und das Ganze verwässert würde. Ok, der Beitrag stammte von jemandem, der Kurse in „Miksang“ anbietet und vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass er nicht begeistert ist, wenn jeder wagt, das Thema aufzugreifen. Aber auch dort fand ich keine weiteren Informationen über Miksang oder den Begründer dieses Ansatzes. Wie es ohnehin nicht leicht war, Informationen darüber zu finden und ich einige Chancen bekam, das Leseverständnis englischer Texte zu üben :-).

Spiegelung im RatskellerSoviel scheint aber klar zu sein, Miksang ist tibetisch und bedeutet soviel wie „gutes Auge“ oder „das gute Auge“. Der Ansatz geht zurück auf Chögyam Trungpa Rinpoche, einen buddhistischen Lehrer, der 1959 aus Tibet geflohen ist und über Indien und England nach Amerika kam. In dieser Zeit hat er einige Photokurse besucht und sich dabei von der klassischen Objektfotografie gelöst und sich in seinen Fotos von der Umgebung und Wahrnehmung leiten lassen. Dieser Ansatz muss – so interpretiere ich die Beiträge über ihn – für seine Zeit neu gewesen sein. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, wo es in Foto-Communitys, bei Facebook, Instagram, Pinterest und Co. unendlich viele Momentaufnahmen gibt, die sich wenig von den Trungpa-Fotos unterscheiden. Aber vielleicht kommt das auch nur mir so vor, weil ich mich in Teilen meiner Fotografie schon immer von der Umgebung und Wahrnehmung habe leiten lassen. Natürlich nicht, wenn ich Fotos für ein Buch mache, ein Konzert oder eine Theateraufführung dokumentiere. Obwohl ich auch da zwischen den Musikern, Schauspielern und Sehenswürdigkeiten viele Details aufgenommen habe, die sonst kaum einer wahrgenommen hat. Vielleicht bin ich ja eine Miksangierin und weiß es nicht 🙂

Kontemplative Fotografie geht auch ohne Seminar

Entspannung purVermutlich nicht, ich habe nämlich keine Fortbildung beim Institut für Kontemplative Fotografie besucht, bei dem man sich auch als Trainer für entsprechende Kurse fortbilden kann. Ich gucke einfach nur, streune durch die Gegend und lasse mich von Farben, Strukturen, Spiegelungen und Kleinigkeiten ansprechen – ein Miksang-Fotograf hat diesen Moment als „Wahrnehmungsblitz“ bezeichnet. Manchmal gelingt mir ein schönes Foto, manchmal aber auch nicht – das habe ich wie auch das Sich-Treiben-Lassen mit den Miksang-Fotografen gemeinsam.

Beim Miksang in der Stadt entdeckt.Obwohl ich ein bisschen skeptisch bin, was die heutige Ausprägung angeht, finde ich es doch interessant, dass sich jemand mit Hintergrundwissen und Erfahrung in Meditation vor 45 Jahren Gedanken über die meditative Kraft der Fotografie gemacht hat. Die sich sicher nur entfalten kann, wenn man sich ohne Ziel, ohne Zeitdruck und ohne Schere im Kopf auf die Welt einlässt und einen Blick für die Kleinigkeiten entwickelt, die „Knipser“ und „Schnellfotografen“ gar nicht wahrnehmen. Das, was in den Seminaren geschieht, scheint vor allem eine Schule der Wahrnehmung zu sein, die für viele sicher wichtig ist, weil in unserer reizüberfluteten Zeit Wahrnehmung immer weniger geschult und gefordert wird.

Stufen der Wahrnehmung

Chögyam Trungpa Rinpoche soll verschiedene Stufen der Wahrnemung beschrieben haben:

  1. Stufe: Training der visuellen Wahrnehmung von Farbe, Licht und Form.
  2. Stufe: Entdeckung des Alltags und der Umgebung.
  3. Stufe: Wahrnehmung von Form, Farbe, Struktur im Alltag und in der Umgebung.
  4. Stufe: Herstellen einer emotionalen Beziehung zu den Gegenständen
  5. Stufe: Festlegung von Wahrnehmungsschwerpunkten.

Was in dem Beitrag nicht ganz klar wird, ob diese Stufen bei jedem Fotorundgang stattfinden oder eine theoretische Beschreibung der Entscheidung für ein Fotomotiv sind.

Für mich ist das nicht relevant, weil mein Blick für Farben, Licht und Form in Alltag und Umgebung geschärft sind und ich deshalb am liebsten immer eine Kamera bei mir hätte, um manche Momente einzufangen, von denen ich weiß, dass sie nie wieder zu fotografieren sein werden. Und schon jetzt lasse ich mich manchmal treiben, um bestimmte Dinge im Alltag zu entdecken, gerne Spiegelungen und was mir sonst noch vor die Füße fällt – manchmal im wahrsten Sinne des Wortes 🙂

Ach übrigens: Zen-Fotografie gibt es doch und wenn ich lese, worum es dabei geht – absichtslos zu fotografieren und eins zu werden mit dem Bildmotiv, dann frage ich mich, wo der Unterschied zwischen Miksang oder Zen-Fotografie besteht. Oder gibt es etwa gar keinen und da hat nur jemand einen Zeitgeist aufgegriffen? Das möchte ich dann auch – mal sehen, welche alten Weine ich in neuen Schläuchen verkaufen könnte 🙂 Ich blogge dann darüber 🙂 © Birgit Ebbert.

Miksang-Fotografie – das gute Auge

MIksang ist Yoga mit der Kamera

Über den „Erfinder“ von Miksang

Biographie von Chögyam Trungpa Rinpoche

Miksang – anders fotografieren Teil 1  & Teil 2

Zen in der Fotokunst